Stimme+
Brandenburg
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Zeitreise in den Beelitz-Heilstätten bei Berlin

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Vor den Toren Berlins entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Beelitz-Heilstätten die größte und modernste Klinikanlage ihrer Zeit. Heute ist das Areal beliebter Drehort für Filme und TV-Shows. Besucher können das Gelände bei Führungen erkunden.

Die alte Chirurgie. Aus der Ferne wirkt das Gebäude intakt.
Die alte Chirurgie. Aus der Ferne wirkt das Gebäude intakt.  Foto: Blass, Valerie

Dreh für die Show "Germany's next Topmodel" sei vermutlich das einzige übernatürliche Phänomen gewesen, das die Beelitz-Heilstätten je gesehen haben, sagt Jürgen Weyrich und grinst ob seines Scherzes.

Versuche, das Paranormale an diesem besonderen Ort deutscher Geschichte heraufzubeschwören, gab es dagegen schon allerlei, wie Weyrich, Sprecher des Baumkronenpfads über den Beelitz-Heilstätten, weiter erzählt. Ein Einheimischer habe sich zum Beispiel einst in den Lüftungsschächten eines verlassenen Gebäudes versteckt und Geräusche gemacht, vorgeblich, um Eindringlinge abzuschrecken. Wahrscheinlich habe er "einfach nur einen Heidenspaß" gehabt, sagt Weyrich und lacht.

Heute besuchen 250.000 Gäste pro Jahr das Gelände

Ein Graffiti-Künstler hat sich an dieser Wand verewigt.
Ein Graffiti-Künstler hat sich an dieser Wand verewigt.  Foto: Blass, Valerie

Das war damals, Anfang der 2000er, als der Ort tatsächlich ein Lost Place war und keine 250.000 zahlenden Gäste pro Jahr das Gelände besuchten. Die Zeiten des Niedergangs sind passé, die Betreiber Beate und Georg Hoffmann haben aus einem Teil des riesigen brachliegenden Areals an der Bahnstrecke Berlin-Dessau einen "Saved Place" gemacht, so steht es auf den Visitenkarten - mit Waldpark, Gastronomie, Führungen und Veranstaltungen. Film-Drehs haben hier stattgefunden, wie für die Serie "Das Adlon" oder das Kino-Drama "Operation Walküre".

Der Umbau zu einem Zeitreiseort, der Vergangenheit und Gegenwart über die Natur verbindet, geschieht schonend, wie man aktuell an der Chirurgie sehen kann, deren Dach behutsam im Stil der Erbauungszeit saniert wird. Die Geschichte der Gebäude soll sichtbar und erlebbar bleiben. Von Superlativen à la "größter und bekanntester Lost Place Europas", die im Internet kursieren, wollen die Besitzer nichts wissen. Ihr Umgang mit dem Ort ist bodenständig.

Ein Drittel der Berliner Bevölkerung war von Tuberkulose betroffen

Die Funktion des Raumes ist noch gut erkennbar: Hier wuschen sich die Chirurgen vor dem Eingriff.
Die Funktion des Raumes ist noch gut erkennbar: Hier wuschen sich die Chirurgen vor dem Eingriff.  Foto: Blass, Valerie

Zurück geht die Geschichte der Beelitz-Heilstätten bis in die Kaiserzeit. Auf dem 200 Hektar großen Areal wurden ab 1898 Lungenheilanstalten für die Arbeiterinnen und Arbeiter Berlins errichtet. Jeder dritte Todesfall dieser Zeit sei auf Tuberkulose zurückzuführen gewesen, sagt Jürgen Weyrich. Die Probleme für die großen Berliner Firmen wie Siemens oder Borsig waren dadurch gewaltig, die Kassen der Landesversicherungsanstalten durch die Bismark"schen Sozialreformen gleichzeitig gut gefüllt.

Das war einer der Operationssäle. Das Licht kam auch von oben, die Chirurgen sollten gute Bedingungen für ihre Arbeit haben.
Das war einer der Operationssäle. Das Licht kam auch von oben, die Chirurgen sollten gute Bedingungen für ihre Arbeit haben.  Foto: Blass, Valerie

So entstand, geplant von führenden Architekten dieser Ära, ein riesiges Klinikareal vor den Toren der Stadt. Insgesamt 60 Gebäude für 1200 Patienten, es war die größte und modernste Klinikanlage ihrer Zeit, das kann man noch heute an vielen Funktionen wie dem zentralen Heizkraftwerk nachvollziehen. Die Geschlechtertrennung ging damals so weit, dass Bereiche wie Küche und Wäscherei im Frauenteil, das Heizkraftwerk auf der Männerseite untergebracht gewesen seien, erzählt Weyrich. Erst als das Chirurgie-Gebäude zu Zeiten der Weimarer Republik um 1930 hinzukam, sei das aufgeweicht worden.

Die rote Armee unterhielt in Beelitz das größte Militärhospital außerhalb der Sowjetunion

Ab 1942 diente das Areal als Militärlazarett für die Wehrmacht, später wurde es von der Roten Armee übernommen und zum größten Militärhospital der sowjetischen Armee außerhalb der Sowjetunion. Die Heilstätten waren "exterritoriales Gebiet" auf Boden der DDR. Offizierskinder, die in dieser Zeit auf dem Gelände geboren wurden, hätten als Geburtsort "Moskau" in ihrem Pass stehen, sagt er. Die DDR-Bevölkerung habe keinen Zutritt gehabt, außer zu den sogenannten "Russen-Magazinen", in denen es Produkte gab, die sonst kaum erhältlich waren und in denen auch DDR-Bürger als zivile Angestellte arbeiteten. West-Deutschen waren die Beelitz-Heilstätten ein Begriff, denn die Transit-Autobahn zwischen Berlin und der BRD führte an der gleichnamigen Abfahrt vorbei.

Erich Honecker war einer der prominentesten Patienten

Die Beelitz-Heilstätten mit Baumkronenpfad aus der Vogelperspektive.
Die Beelitz-Heilstätten mit Baumkronenpfad aus der Vogelperspektive.  Foto: Baum&Zeit

Einer der prominentesten Patienten in Beelitz war Erich Honecker, Ex-Staatsratsvorsitzender der DDR. Er fand hier Unterschlupf, als die deutsch-deutsche Teilung schon Geschichte war und die Russen aus der DDR abzogen. 1990/91 war das, Honecker bekam Asyl in der früheren Ärztevilla. Weil die Bundesstraße, die das Gelände durchtrennt, damals schon westdeutsches Staatsgebiet war, habe Honecker das unterirdische Tunnel- und Versorgungssystem genutzt, um von seiner Wohnung zu den Behandlungen und zurück zu kommen, sagt Weyrich. Vier Kilometer ist es lang, heute gibt es Führungen, bei denen man Teile erkunden kann.

Vandalismus in den frühen 1990ern

Der Badesaal des Chirurgie-Gebäudes aus den 1930er-Jahren. Der Glanz früherer Zeiten ist noch gut erkennbar.
Der Badesaal des Chirurgie-Gebäudes aus den 1930er-Jahren. Der Glanz früherer Zeiten ist noch gut erkennbar.  Foto: Blass, Valerie

Aus den frühen 1990ern finden sich noch viele Graffitis an den Wänden. "Woldemar - Leningrad - DMB 91" steht an einer Wand, die Abkürzung steht für "demobilisiert". Im früheren mintgrün gekachelten Badesaal der Chirurgie waren Sprayer in jüngeren Zeiten zugange. Ab etwa 2001 habe die "wilde Zeit" auf dem Areal begonnen, sagt Weyrich: unerlaubtes Eindringen, Vandalismus, Diebstahl. Ab 2009 dann der Umbau zum "Saved Place".

Nach dem Vorbild des Baumkronenpfads in Hainich in Thüringen wurde das Flächendenkmal neu überplant. 2015 ging der Baumkronenpfad über den Heilstätten in Betrieb. So erleben Besucher noch heute, welchen bleibenden Wert diese ästhetische, durchdachte Architektur der wilhelminischen Zeit besitzt und welche besondere Aura von ihr ausgeht.

 

 
Nach oben  Nach oben