„Wir können niemand anderem die Schuld geben; wir haben das ganz alleine zu verantworten“: Viel Neckarsulmer Frust nach Acht-Tore-Niederlage gegen Buxtehuder SV
Handball-Bundesligist Sport-Union Neckarsulm hat durch die deutliche Heimniederlage gegen den Buxtehuder SV einen Rückschlag im Rennen um Platz fünf hinnehmen müssen; der Frust war am Samstagabend entsprechend groß. Die (selbstkritischen) Stimmen zum Spiel.

Der Neckarsulmer Traum vom Europapokal hat am Samstagabend einen herben Dämpfer erlitten. Fest eingeplant hatte die Sport-Union eigentlich jene zwei Bundesliga-Punkte, die nach 60 Minuten und einem überraschend deutlichen 32:24 (14:13)-Auswärtssieg in der Ballei die Gäste des Buxtehuder SV mit zurück nach Niedersachsen nahmen. Anfangs noch Taktgeberin und mit mehrfachen Drei-Tore-Führungen verlor die Sport-Union spätestens nach der Pause ihren Rhythmus und geriet in der Schlussphase schließlich komplett unter die Räder.
Entsprechend groß war die Enttäuschung bei Sport-Union-Trainer Thomas Zeitz und seinen Spielerinnen Kim Hinkelmann und Paulina Uscinowicz. BSV-Coach Nicolaj Andersson, Spielmacherin Anika Hampel und die zukünftige Neckarsulmer Torhüterin Annie Linder, die derzeit noch in Diensten des BSV steht, waren hingegen froh, dass sich ihr Arbeitsaufwand der vergangenen Wochen endlich einmal in etwas Zählbarem niedergeschlagen hatte. Die Stimmen zum Spiel.
Thomas Zeitz
…über die deutliche Niederlage seiner Mannschaft: „Wir wussten, dass es schwer wird, denn über unsere Situation (mit den vielen Verletzten, Anm. d. Red.) brauche ich nicht sprechen. Buxte hat es sehr gut gemacht, hat uns in der Deckung immer weniger Raum gegeben und uns unter Druck gesetzt. Wir haben halt die Konstellation, die wir momentan haben und mit der muss es funktionieren. In der ersten Halbzeit war es noch okay, fand ich, da haben wir sogar noch den ein oder anderen freien Wurf liegengelassen. Aber man hat mit zunehmender Spieldauer gemerkt, dass wir immer ein bisschen weiter zurückgewichen sind, immer ein bisschen ängstlicher wurden und die Verantwortung immer weitergegeben haben. Buxte ist immer weiter gewachsen und gewachsen und dann kommt auch so ein Spielstand zustande. Am Ende ist es schade, dass es so deutlich ist. Wir haben jetzt in den Playoffs ein gutes und ein nicht so gutes Spiel gemacht und wenn jetzt wieder ein gutes kommt, dann ist alles in Ordnung; darauf werden wir hinarbeiten.“
…über seine Gemütslage nach der Niederlage: „Das muss man jetzt genauso abhaken, wie man sich vergangene Woche über den Sieg gefreut, den dann aber auch abgehakt hat. Die nächsten Spiele werden alle so werden; es wird kein Spiel geben – selbst das Heimspiel gegen Sachsen Zwickau nicht –, das einfach wird. Das wird jetzt noch vier Spiele so sein und wir müssen versuchen, das Ganze wieder ins Positive zu drehen. Denn dass es heute mental so schnell kippt, ist vielleicht die größte Enttäuschung. Eigentlich haben wir mit dem Kader ja nichts zu verlieren und könnten befreit aufspielen. Das wäre schön gewesen…“
…über den nach der Anfangsviertelstunde verlorenen Rhythmus: „Wir haben so angefangen, wie wir in Halle aufgehört haben: Mit der Konsequenz, dem Tempo und der Geradlinigkeit. Aber irgendwann haben wir das verloren und mit dem Ball in der Hand nur noch überlegt, nach links und rechts geschaut und nochmal und… Wir sind irgendwie bei allem in die falsche Richtung gegangen und dann wird es natürlich schwer gegen eine Abwehr, die dir kaum Luft zum Atmen lässt.“
…über seine taktische Idee, die nur schwer zu erkennen war: „Wir haben immer wieder gesagt, wir wollen die Halbpositionen angreifen, haben es aber nie geschafft, darüber mal vernünftig abzuschließen. Wir haben im Hauptrunden-Rückspiel in Buxtehude in der zweiten Hälfte zwölf Tore über Verlagerungen gemacht. Das gab es heute aber gar nicht, sondern stattdessen haben wir halbe Eins-gegen-Eins-Situationen mit hin, zurück, halb und irgendwie dann wieder raus gemacht (Gestikuliert dabei wild in der Luft, Anm. d. Red.).“
…über die Leistungsschwankungen von Alicia Soffel und Paulina Uscinowicz, die gegen den SV Union Halle-Neustadt noch überragt hatten: „Machen wir uns nichts vor: Mit den Möglichkeiten, die wir derzeit haben, war der Unterschied zwischen Halle vergangene Woche und Buxtehuder heute überdeutlich. In Halle nimmt Paulina sich mit voller Konsequenz 15 Aktionen, aber hier wart sie heute nach 15 Minuten nicht mehr gesehen. Und ‚Alice‘ (Alicia Soffel, Anm. d. Red.) hat es zwar probiert, hatte aber auch keinen guten Tag und hat schlechte Entscheidungen getroffen. Aber das sind nun mal die beiden, die eigentlich für die Tore zuständig sind. Die beiden können natürlich nicht immer zusammen 19 Tore machen, aber zwölf müssten es schon sein, weil sonst haben wir keine Chance.“
…über die Unterschiede im Auftritt zwischen dem Spiel in Halle-Neustadt und nun gegen den Buxtehuder SV: „Es war sehr gut und sehr wichtig, dass wir vergangene Woche diese ersten zwei Punkte geholt haben, denn uns war klar, dass es auch solche Spiele wie heute geben wird. Schade ist, dass wir aus unserem Tief gar nicht mehr herausgekommen sind. Dass man mal mit vier Toren zurückliegt, ist okay, wenn du danach wieder in die Spur zurückkommst. Aber dass gar nichts mehr ging, ist schade.
Und das möchte ich auch nicht daran festmachen, dass wir heute vielleicht müde geworden sind. Denn wir sind vergangene Woche in Halle auch nicht müde geworden und da haben einige Spielerinnen noch mehr gespielt; ich habe heute ja mehr gewechselt. Das hat daher mit Müdigkeit nichts zu tun, sondern mit der Konsequenz, Dinge richtig zu machen. Und das müssen vielleicht auch einige, die jetzt mehr in der Verantwortung stehen, noch lernen: Das Gesicht in den Wind zu halten, wenn es mal stürmt. Denn wenn ich Rückenwind habe, ist das alles kein Problem. Das hat aber heute ein bisschen gefehlt.“
…über seine vielen taktischen Varianten in der Schlussphase und auf die Frage, ob es ihn frustriert, das keine davon funktioniert hat: „Es ist dann vor allem defensiv bei uns dahingegangen. Es war vorher ja schon überdeutlich, dass wir im Angriff nicht gut waren. Hinten haben wir es in der Anfangsphase noch halbwegs ordentlich gemacht und gewinnen dort auch ein paar Bälle. Aber in der letzten Viertelstunde macht Buxtehude aus jeder Aktion ein Tor oder einen Siebenmeter.
Es ist für mich natürlich ärgerlich, weil du hoffst, dass irgendetwas zündet. Aber es ist nach 22 Jahren, die ich das jetzt mache, nicht so, dass ich nicht wüsste, dass alle Ideen von außen manchmal halt einfach nichts bringen. Heute hätte es noch einmal einen mentalen Push geraucht, den wir aber nicht hatten.“
…über die Auswirkungen der Niederlage für das Erreichen der eigenen Ziele: „Wir haben uns, wie ich finde auch zurecht, vorgenommen, dass wir um den fünften Platz spielen wollen. Und dafür war das heute natürlich ein Dämpfer und macht es uns nicht einfacher. Wenn wir Platz fünf noch im Auge behalten wollen, dann haben wir jetzt schon den Druck, dass wir in Göppingen nächste Woche besser nicht verlieren sollten – was schwer genug wird.
Aber negativen Druck haben wir nicht, denn unsere zwei Punkte aus Halle werden zum Klassenerhalt reichen. Aber wir haben uns ja etwas anderes vorgestellt und wollen so lange wie möglich vorne mitspielen. Dafür war das heute aber zu wenig, so dass wir nächste Woche eine Schippe drauflegen und uns vielleicht auch noch ein bisschen besser und ein bisschen früher mit dem Sieben-gegen-Sechs anfreunden müssen, um damit mehr Sicherheit zu bekommen.“
Kim Hinkelmann
…über die Niederlage gegen den Buxtehuder SV: „Wir wussten, dass das kein leichtes Spiel werden wird, weil uns das Abwehrsystem von Buxtehude vor schwierige Herausforderungen stellen würde. Nichtsdestotrotz haben wir heute nicht unser bestes Spiel gemacht und wenn wir das nicht machen, dann holen wir gegen keine Mannschaft in dieser Liga zwei Punkte. In Halle haben wir deutlich besser im Angriff gestanden; heute fand ich die erste Hälfte in der Abwehr gut, aber im Endeffekt musst du das über 60 Minuten machen. So haben wir jetzt eine Menge aufzuarbeiten.“
Paulina Uscinowicz
…über das, was der Sport-Union Neckarsulm für ein engeres Spiel oder gar zwei Punkte gefehlt hat: „Die erste Hälfte war eigentlich ganz gut uns es sah gar nicht so sehr danach aus, als könnten wir mit Buxtehude Probleme bekommen. Aber wir haben dann irgendwann ein wenig die Konzentration verloren und uns nicht mehr genau an unserem Matchplan gehalten, den wir vorbereitet hatten. Und wenn man dann irgendwann mit vier oder noch mehr Toren zurückliegt, wird alles etwas hektischer und stressiger.
Ich denke, der kühle Kopf war heute das, was uns am meisten gefehlt hat. Wir haben uns viele Chancen erspielt – ja, dabei natürlich auch Fehler gemacht –, aber ruhig zu bleiben und vor dem Tor auf die richtigen Momente zu spekulieren, war in der zweiten Hälfte unser Hauptproblem.“
…über die Unterschiede zum guten Spiel beim SV Union Halle-Neustadt: „Wir haben vergangene Woche wirklich schlau gespielt und dabei jede Schwachstelle des Gegners zu nutzen gewusst. So lief es ja auch heute in der Anfangsphase, als wir dadurch mit ein paar Toren in Führung gegangen sind. Aber dann haben wir das während des Spielverlaufs irgendwie verloren, waren nicht mehr clever genug und haben unsere einfachen Chancen nicht mehr genutzt. Und so wird es hintenraus dann natürlich schwer.“
…auf die Frage, ob die Buxtehuder 5:1-Deckung ihr und dem gesamten Neckarsulmer Angriffsspiel den Zahn gezogen hat: „Ich denke, es war eher eine Kombination aus allem: ihre Abwehr, fehlende Ballgewinne, vergebene Chancen. Denn wenn es nur die 5:1-Deckung gewesen wäre, hätten wir damit auch schon in der ersten Hälfte Probleme gehabt. Vor der Pause haben wir es ja aber noch ganz gut gemacht.“
…auf die Frage, ob sie die Höhe und das Zustandekommen der Acht-Tore-Niederlage besonders schmerzt: „Und wie! Ich will nicht überheblich klingen oder die Qualität von Buxtehude schmälern, aber ich hätte niemals gedacht, dass wir hier heute so verlieren könnten. Das ist viel zu hoch, lag aber einzig an unserer eigenen Leistung. Wir können uns nicht beschweren und irgendjemand anderem die Schuld geben; wir haben das ganz alleine zu verantworten.“
…über die Lehren für das anstehende Auswärtsspiel bei Frisch Auf Göppingen: „Vor uns liegen die vier letzten Spiele der Saison und unser Raum für Fehler ist ausgereizt. Wir haben jetzt ein Spiel verloren, das wir im Grunde nicht hätten verlieren sollen, so dass wir nun ab Montagmorgen versuchen müssen, wieder in die andere Richtung zu arbeiten. Wir müssen analysieren, was heute falsch gelaufen ist und nach vorne schauen. Wir haben nichts zu verlieren, sondern wollen alle verbleibenden Spiele gewinnen.“
Nicolaj Andersson
…über den überraschend deutlichen Auswärtssieg in Neckarsulm: „Wir haben richtig stark verteidigt und wussten natürlich aufgrund der Neckarsulmer Verletzungen auch, dass wir mit fortlaufender Spieldauer eine Chance haben, wenn wir weiter hart arbeiten würden. Das haben wir dann auch gemacht und es mit sehr viel Disziplin vorne geschafft, Tore zu schießen. Ich bin sehr stolz darauf, wie wir gespielt haben und sehr froh über die für uns besonders wichtigen Punkte.“
Anika Hampel
…über die letztlich souveräne Leistung ihrer Mannschaft: „Ich bin wahnsinnig stolz auf mein Team. Nach vergangener Woche (28:29-Niederlage gegen die TuS Metzingen, Anm. d. Red.) hatten wir uns viel vorgenommen, wollten eine Reaktion zeigen und zeigen, dass wir auch auswärts daran anknüpfen können, was wir zu Hause gemacht hatten. Wir haben heute eine überragende Abwehr gestellt, mit der wir Neckarsulm bei 24 Toren gehalten haben.“
Annie Linder
…über das überraschend deutliche Endergebnis: „Wir hätten nie gedacht, dass es so deutlich werden würde. Denn die anderen Spiele, die wir bisher gewonnen haben, waren allesamt harte und enge Partien. Wir waren dabei gezwungen, jedes Mal bis zur letzten Sekunde zu kämpfen, so dass es für uns heute ein ganz ungewohntes Gefühl war, gegen Ende des Spiels sogar ein bisschen relaxen zu können. Aber wir hatten uns gut vorbereitet und schon vor dem Spiel ein gutes Gefühl.“
…über die Bedeutung des Sieges für den Buxtehuder SV: „Er ist immens wichtig, denn wir müssen Halle-Neustadt irgendwie hinter uns lassen.“ (lacht)
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