„Haben heute alle einen Killerinstinkt bewiesen“: Neckarsulmer Kollektiv jubelt über Auswärtssieg in Göppingen
Mutig, lernfähig, eiskalt: Handball-Bundesligist Sport-Union Neckarsulm überzeugt gegen Frisch Auf Göppingen gleich auf mehreren Ebenen, was Spielerinnen und Trainer gleichermaßen freut. Die Stimmen zum Spiel.

Ein historischer Sieg nach einer furiosen zweiten Spielhälfte: Mit 41:32 (20:18) hat die Sport-Union Neckarsulm am Samstagabend das Baden-Württemberg-Duell mit Frisch Auf Göppingen für sich entschieden. Nach einem sportlich schwierigen Januar setzte sich in der EWS-Arena der leichte Aufwärtstrend aus der vorangegangenen Partie gegen die HSG Blomberg-Lippe (27:29) unter dem Hohenstaufen fort. Entsprechend gut war die Laune anschließend im Lager der Sport-Union.
Neben Trainer Thomas Zeitz gaben auch die Neckarsulmer Spielerinnen Johanna Fossum, Kim Hinkelmann und Spielführerin Muna Smits ihre Sicht der Dinge zu Protokoll. Alle gemeinsam teilten sie die Freude über eine geschlossene Mannschaftsleistung und die verbesserte Chancenverwertung. Luisa Schulze, von Sommer 2022 bis Januar 2023 selbst kurzzeitig bei der Sport-Union unter Vertrag, haderte hingegen mit fehlendem Abwehrzugriff ihrer Frisch-Auf-Frauen und den vielen Gegentoren.
Thomas Zeitz
...über seine wechselvollen Emotionen von anfangs erzürnt bis am Ende entspannt: „Ich habe mich geärgert, weil wir das, was passiert ist, vorher genauso besprochen hatten. Jeder hat es gewusst, trotzdem haben wir es in der Abwehr nicht hinbekommen. In der zweiten Halbzeit waren Johanna (Fossum, Anm. d. Red.) und die Abwehr dann aber der Schlüssel, um uns abzusetzen. Letztlich wurde es aber von A bis Z das Spiel, das wir spielen wollten. Und wir haben die Tore gemacht.“
...über das, was ihn am meisten an diesem Erfolg freut: „Es war einerseits die Art und Weise, wie wir uns die Chancen herausgespielt haben, aber andererseits natürlich auch die Tatsache, das alle reingegangen sind. Vielleicht war das auch eine Art Knotenlöser, so dass jetzt jeder weiß: Aha, es geht. Wir haben wirklich genau die Bewegungen mit ‚Stoßen, Rückstoßen‘ und das über die Halbpositionen in die Lücken gehen gemacht, oder auch das Gegenziehen vom Kreisläufer durch die Mitte − das hatten wir alles besprochen und das hat heute alles top funktioniert. Das ist echt schön.“
…über seine taktischen Korrekturanweisungen während des Spiels: „Die Torhüterin zu tauschen und der Abwehr zu sagen, sie soll kompakter stehen, klingt natürlich einfach. Aber letztlich war ein Schwerpunkt, dass wir anfangs die Kreuzungen über die Mitte viel zu flach aufgenommen haben. Wir hatten ihnen in der Mitte bei zwei, drei und vier, fünf, zu viel Platz für einen Durchbruch oder das Abräumen über außen gelassen. Das haben wir dann besser gemacht. Und dann hatten wir mit Johanna heute eine Torhüterin, die dann, wenn trotzdem mal ein freier Ball kam, den dann auch gehalten hat. Und das in Kombination mit der Überzeugung im Angriffsspiel, die Tore jedes Mal zu machen, egal, ob wir vorher ein Gegentor kassiert haben oder nicht, hat den Unterschied zu Frisch Auf ausgemacht. Denn die hatten jedes Mal wieder den Druck, selbst treffen zu müssen – so wie es uns ja selbst auch schon ergangen ist.“
...über die Reaktion seiner Mannschaft, die sich trotz zwei späten Gegentoren vor der Pause nicht hat aus der Ruhe bringen lassen: „Das ist auf jeden Fall etwas, was wir für die nächsten Spiele mitnehmen. Aber ich prophezeie jetzt auch noch nicht, dass das Gegenteil ab jetzt nicht mehr vorkommen wird. Ich lerne ja auch dazu.“
…auf die Frage, ob der Sieg für ihn mit Erleichterung, Bestätigung oder Rückenwind verbunden ist: „Auf jeden Fall Bestätigung und hoffentlich auch ein bisschen Rückenwind. Erleichterung eher nicht, weil ich hier heute nicht mit einem schlechten Gefühl hergefahren bin; ich hatte keinen Stress. Ich dachte zwar, dass es bis zum Schluss ein enges Spiel wird, so wie es in der ersten Hälfte war, aber ich hatte im Vorfeld keine unruhigen Tage. Vielmehr ist dieser Sieg die Bestätigung, dass wenn wir alle unseren Matchplan verfolgen, dass es dann auch gut werden kann. Ich hoffe, das hat jetzt jeder verinnerlicht.“
…über die ausgebliebene personelle Rotation in der Schlussphase trotz der klaren Führung: „Ich habe den Mädels auf der Bank irgendwann in der zweiten Hälfte gesagt, dass ich dieses Ding mitnehmen möchte und die Mannschaft deswegen in ihrem Flow spielen lasse. Wir haben noch so viele Spiele, dass vielleicht schon am Mittwoch für ein oder zwei Spielerinnen ein Startplätzchen frei wird – um auch Oldenburg mal vor eine andere Aufgabe zu stellen. Das werden wir sehen.“
...auf die Frage, was das 40. Sport-Union-Tor des Spiels von Antje Döll für Folgen für die Nationalspielerin hat: „Ich weiß es gar nicht genau, das machen die Mädels ja unter sich. Ich glaube eine Runde Getränke. Aber mit Antje hat es auf jeden Fall die Richtige getroffen, das wird kein Problem sein (lacht).“
Kim Hinkelmann
...über das, was sich die Mannschaft in der Halbzeit vorgenommen hatte: „Wir haben bereits aus der ersten Hälfte ein ganz gutes Gefühl mitgenommen, weil wir genau wussten, woher die Gegentore kamen, die wir uns bis dahin eigentlich nicht hätten fangen dürfen. Dass es vorne an nichts gehapert hat, hatten wir gesehen: Wir sind immer dann zu unseren Chancen gekommen, wenn wir uns an unsere taktischen Vorgaben gehalten haben. Nur hinten haben wir das nicht so gemacht, wie wir es hätten tun sollen. Deswegen wussten wir in der Halbzeit: Wenn wir diesen Schalter noch umlegen, dann kann das für uns hier heute echt gut laufen. Und ich bin froh, dass wir das so konsequent gemacht haben, uns also weniger Kreis-Anspiele und weniger Rückraum-Tore gefangen haben und es dann auch zu einer immer höheren Führung kam. Das gibt Selbstbewusstsein und lässt irgendwann natürlich auch einen kleinen Flow entstehen.“
...darüber, wie sich eine Steigerung der Trefferquote von über 30 Prozent innerhalb weniger Tage erklären lässt: „Wir haben uns heute erst einmal ganz grundsätzlich bessere Chancen herausgespielt. Nichtsdestotrotz waren es in den vorangegangenen Spielen natürlich auch viele freie Bälle, die wir liegengelassen haben. Wir haben das durchaus im Training ein bisschen versucht zu forcieren und uns dabei auch in die Situationen zu bringen, in denen der Puls extrem hoch ist und noch mehr Konzentration in den Abschlüssen nötig ist. Denn: Du spielst, wie du trainierst. Aber im Training hat man ja normalerweise doch etwas mehr Zeit zum Überlegen und einen etwas geringeren Puls und weniger Stresssituationen als in einer vollen Halle wenn es unentschieden steht. Deswegen haben wir versucht, im Training etwas mehr Wettkampfbedingungen zu schaffen. Ich bin total froh, dass das bei uns allen sehr, sehr gut funktioniert hat.“
...auf die Frage wie es ist, sich 60 Minuten lang mit 1,92-Meter-Gegenspielerin Luisa Schulze am Kreis auseinanderzusetzen: „Ich glaube, am besten ist es, wenn man zu all ihren Aktionen nichts sagt und sie selbst ihren Teil dazu beitragen lässt, dass es gegen sie läuft. Denn irgendwann werden die Schiedsrichterinnen feststellen, dass nicht jede ihrer Aktionen nur aus dem Spiel resultiert, sondern sie durchaus auch unnötige Extras reinbringt.“
Munia Smits
...über den Schlüssel zu dem deutlichen Erfolg: „Wir haben als Mannschaft ein super Spiel auf der Platte gezeigt, waren alle von Anfang an mit voller Emotion da, auch wenn es in der Abwehr nicht immer ganz so gut war.“
…auf die Frage, woher die Mannschaft das Selbstvertrauen für eine solche zweite Spielhälfte genommen hat: „Ich habe keine Ahnung (lacht). Wir waren definitiv alle heiß auf diese zwei Punkte. Wir hatten uns gegen Göppingen ja schon im Hinspiel und im Pokal schwergetan und es waren immer enge Spiele. Heute aber sind wir mit voller Energie nach vorne gelaufen, jeder hat mitgemacht und wir haben Tore von allen Positionen geworfen. Dass wir von überall gefährlich waren und die Verantwortung nicht nur auf den Schultern von einer oder zwei Personen gelastet ist, war ein sehr, sehr wichtiger Faktor. Es war einfach eine richtig gute Teamleistung; das war das A und O heute.“
...über das, was sie und die Mannschaft aus der Partie mitnehmen: „Es ist ein bisschen Erleichterung dabei, weil ich vor dem Spiel sehr aufgeregt war. Es war ein Spiel, das in alle Richtungen hätte gehen können. Wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass wir es können und dass wir uns in den vergangenen Wochen nur etwas schwer getan (und nichts verlernt, Anm. d. Red.) haben. Wir hatten eine Struktur in unseren Angriffen, haben das gespielt, was wir uns vorgenommen hatten, und müssen genau das auch in den nächsten Wochen zeigen.“
...über ihr erneutes, hart ausgefochtenes Privat-Duell mit Göppingens Kreisläuferin Luisa Schulze: (schmunzelt) „Das Schöne und das Wichtigste daran ist, dass man sich nach dem Spiel immer wieder die Hand geben kann. Nur auf dem Spielfeld sind wir Gegner. Ich sehe das alles nicht so kritisch.“
…über mögliche (Faschings-)Feierlichkeiten: „Wir haben gar nicht so viel Zeit zum Feiern, weil wir am Mittwoch die nächsten zwei Punkte holen wollen. Deswegen ist am Sonntag Regeneration und dann am Montag wieder Vollgas im Training angesagt.“
Johanna Fossum
...über die starke zweite Spielhälfte der Sport-Union: „Wir alle haben heute in gewisser Weise einen Killerinstinkt bewiesen und wollten zeigen, dass wir es besser machen können als in den vergangenen Wochen. Heute haben wir wirklich alle zusammen, als ein Team, gespielt und jeder hat sich bei guten Aktionen füreinander gefreut.“
...über ihren sofortigen Einfluss auf das Spiel und ihre drei schnellen Paraden nach der Halbzeit: „Naja, sofort habe ich die Bälle auch nicht gehalten, ich brauchte ja auch ein paar Bälle, um reinzukommen. Ich hatte aber schnell eine gute Zusammenarbeit mit der Abwehr, was es dann deutlich einfacher macht.“
...über die Worte, die Thomas Zeitz und Torwarttrainer Oliver Rieth ihr vor dem Halbzeit-Wechsel mitgegeben haben: „‚Mach dich warm!‘ und ‚Jetzt gib alles!‘ (lacht).“
…über die mentale Herausforderung während des Spiels angesichts einer lange ungekannten Zehn-Tore-Führung: „Es läuft dann alles einfacher und mit Spaß. Es ist nicht so stressig und wir können auch mal Dinge machen, die wir im Training ausprobiert haben. Das geht in den engen Spielen ja nicht immer.“
Luisa Schulze
...über die Niederlage gegen ihren Ex-Club: „Wir haben uns den ganzen Abend ein bisschen anders vorgestellt, wollten hier zu Hause die zwei Punkte holen, haben es dann aber nicht geschafft, in der Abwehr den Zugriff zu bekommen. Neckarsulm hat auch jeden Ball reingemacht, so dass es dann bei 41 Gegentoren schwer wird zu gewinnen. Wir haben einen guten Angriff gespielt, haben es aber nicht geschafft, hinten eine Mauer hinzustellen. Das ist nicht das, was wir wollten und daran müssen wir arbeiten.“
Kommentare öffnen






Stimme.de
Kommentare