Historischer Erfolg der Sport-Union Neckarsulm mit überraschendem Prunkstück
Handballerinnen der Sport-Union feiern einen mitreißenden 41:32-Sieg bei Frisch Auf Göppingen und sorgen ganz nebenbei noch für ein Novum in der zehnjährigen Neckarsulmer Bundesliga-Geschichte.

Der geschichtsträchtige 40. Treffer war Vizeweltmeisterin Antje Döll vorbehalten. In gewohnt sicherer Manier landete ihr Siebenmeter zweieinhalb Minuten vor Schluss im linken unteren Eck des Göppinger Tores; nicht zu halten für Frisch-Auf-Torhüterin Celina Meißner. Ihr breites Grinsen und der Fingerzeig auf die Anzeigetafel auf dem Weg zurück in die eigene Hälfte sowie Kim Hinkelmanns Gesten auf der Auswechselbank machten dann sehr schnell klar: Dieses Tor wird Folgen haben.
„Ich weiß gar nicht genau welche, das machen die Mädels ja unter sich. Aber ich glaube, es wird eine Runde Getränke fällig“, verriet Thomas Zeitz später. „Mit Antje hat es dann auf jeden Fall die Richtige getroffen, das wird kein Problem sein“, ergänzte der Trainer noch, bevor er lachend in die Katakomben der EWS-Arena entschwand.
Sport-Union-Akteurinnen halten sich an den Matchplan ihres Trainers
Am Samstagabend blieb Zeit für solch eher nebensächlichen Späße und Anekdoten, weil Handball-Bundesligist Sport-Union Neckarsulm zuvor auf dem Handball-Feld seinen hauptsächlichen Aufgaben phasenweise mit großer Bravour und einer erfrischenden Leichtigkeit nachgekommen war. 41:32 (20:18) hieß es unter dem Strich für die Unterländerinnen bei ihrem Gastspiel bei Frisch Auf Göppingen.
„Das ist auf jeden Fall eine Bestätigung und bringt hoffentlich auch ein bisschen Rückenwind. Dieser Sieg ist die Bestätigung, dass wenn wir alle unseren Matchplan verfolgen, dass es dann auch gut werden kann. Ich hoffe, das hat jetzt jeder verinnerlicht“, sagte Thomas Zeitz.
Erster 40-Tore-Sieg der Sport-Union Neckarsulm in der Bundesliga
Es war nicht irgendein beliebiger Bundesliga-Sieg, den seine so entschlossene und fast schon überraschend nervenstark aufgetretene Mannschaft da eingefahren hatte. Es war ein „Derby“-Sieg in einem Ländle-Duell, ein Sieg, der der Sport-Union beste Karten für eine gute Ausgangslage in den Playoffs im Frühjahr verschafft hat - und ein Sieg, der Einmaliges mit sich brachte. Denn zum allerersten Mal in ihrer zehnjährigen Bundesliga-Geschichte, erzielte die Sport-Union Neckarsulm 40 oder mehr Tore.
So wurde ausgerechnet die seit Wochen kritisierte Offensive zum Prunkstück. 77,4 Prozent aller Neckarsulmer Abschlüsse fanden den Weg ins Netz; allen voran Antje Döll (12 Würfe/12 Tore), Munia Smits (10/15) und Alicia Soffel (9/9) zerlegten eine teils hilflose Göppinger Mannschaft vor allem in den zweiten 30 Minuten in ihre Einzelteile.
Wie schon gegen Bayer Leverkusen: Auf Johanna Fossum ist Verlass
Weil Thomas Zeitz und Torhüterinnen-Trainer Oliver Rieth mit der Halbzeit-Hereinnahme von Torhüterin Johanna Fossum, die mit ihren Paraden sofort Sicherheit ins Neckarsulmer Spiel brachte und ganz zum Schluss sogar noch selbst einen Treffer ins leere Göppinger Tor erzielte, ein weiterer Coup gelang, rollte nach einer noch etwas ausgeglicheneren ersten Hälfte der Neckarsulmer Angriffszug in der zweiten ohne Unterlass.
„Johannas Paraden in Kombination mit der Überzeugung im Angriffsspiel, die Tore jedes Mal zu machen, egal, ob wir vorher ein Gegentor kassiert haben oder nicht, hat den Unterschied zu Frisch Auf ausgemacht. Denn die hatten jedes Mal wieder den Druck, selbst treffen zu müssen – so wie es uns ja selbst auch schon ergangen ist“, erklärte Zeitz. Fossum selbst gab sich bescheiden – „Ich hatte schnell eine gute Zusammenarbeit mit der Abwehr, was es dann deutlich einfacher macht“ –, bewies aber wie schon während der Playdown-Halbfinals in der vergangenen Saison gegen Bayer 04 Leverkusen, dass auf die 23-jährige Norwegerin Verlass ist, wenn sie gebraucht wird.
Spielführerin Smits lobt starke Mannschaftsleistung
„Wir waren alle heiß auf diese zwei Punkte und sind mit voller Energie nach vorne gelaufen, jeder hat mitgemacht und wir haben Tore von allen Positionen geworfen. Dass wir von überall gefährlich waren und die Verantwortung nicht nur auf den Schultern von einer oder zwei Personen gelastet ist, war ein sehr, sehr wichtiger Faktor. Es war einfach eine richtig gute Teamleistung“, sagte Munia Smits, die nicht nur das Spiel, sondern auch ihr halbjährliches Privat-Duell mit FAG-Kreisläuferin Luisa Schulze für sich entschieden hatte.
„Das Schöne und das Wichtigste daran ist, dass man sich nach dem Spiel immer wieder die Hand geben kann. Nur auf dem Spielfeld sind wir Gegner“, betonte die Neckarsulmer Spielführerin später schmunzelnd.
Sport-Union lässt sich von kurzer Schwächephase nicht verunsichern
Schon in die Partie hatte die Sport-Union gut hineingefunden, dann aber in der Abwehr etwas den Zugriff auf ebenjene Luisa Schulze verloren, die mit ihrer Erfahrung und Körpergröße zu einer beliebten Anspielstation im Göppinger Spiel wurde, in dem Trainer Nico Kiener angesichts seiner zwei verletzten Halblinken Sina Ehmann und Stephanie Elies auf zwei Spielmacherinnen, Haruno Sasaki und Lea Neubrander, im Rückraum gesetzt hatte. Auch einige Unkonzentriertheiten im Angriff hatten Thomas Zeitz erzürnt.
„Wir hatten aber bereits aus der ersten Hälfte ein ganz gutes Gefühl mitgenommen, weil wir genau wussten, woher die Gegentore kamen, die wir uns bis dahin eigentlich nicht hätten fangen dürfen. Dass es vorne an nichts gehapert hat, hatten wir gesehen. Deswegen wussten wir in der Halbzeit: Wenn wir diesen Schalter noch umlegen, dann kann das für uns hier heute echt gut laufen“, betonte Kim Hinkelmann mit etwas angekratzter Stimme.
40+-Tore-Spiele mit Beteiligung der Sport-Union Neckarsulm in der Bundesliga
4. Januar 2017; 9. Spieltag; (A) SG BBM Bietigheim; 19:40
29. April 2017; 23. Spieltag; (A) HSG Bad Wildungen; 34:42
26. Mai 2018; 26. Spieltag; (A) VfL Oldenburg; 22:46
9. Oktober 2019; 4. Spieltag; (H) Thüringer HC; 21:40
22. Mai 2021; 30. Spieltag; (A) Borussia Dortmund; 24:42
22. Oktober 2021; 6. Spieltag; (A) SG BBM Bietigheim; 24:41
18. Oktober 2023; 5. Spieltag; (A) SG BBM Bietigheim; 26:42
14. Februar 2026; 17. Spieltag; (A) Frisch Auf Göppingen; 41:32
Nico Kieners taktische Umstellungen bleiben wirkungslos
Nach der Pause lief es dann so gut, dass der Sport-Union irgendwann beinahe alles und noch mehr gelang. Die eingewechselte Paulina Uscinowicz verdichtete gemeinsam mit Hinkelmann das Abwehrzentrum, auf den Halbpositionen wurden Göppinger Fehler provoziert und die anschließenden Umschaltsituationen entweder mit viel Tempo oder voller Entschlossenheit zu Ende gebracht. Auch Nico Kieners taktische Umstellungen mit einer siebten Feldspielerin und einer 5:1-Deckung verpufften mehr oder weniger wirkungslos. Einzig die Abstatterin Lara Däuble könnte für Frisch Auf vereinzelt Akzente setzen.
Kurzum: Die Sport-Union Neckarsulm lieferte am Samstagabend ein Paradebeispiel dafür, wie man rund 2250 Göppinger Handball-Fans langsam aber sicher die Freude und Hoffnung raubt. „Wir alle haben heute in gewisser Weise einen Killerinstinkt bewiesen und wollten zeigen, dass wir es besser machen können als in den vergangenen Wochen“, sagte Johanna Fossum. „Wir haben wirklich alle zusammen, als ein Team, gespielt und jeder hat sich bei guten Aktionen füreinander gefreut.“
Besonders groß war die Freude wenig überraschend nach dem 40. Sport-Union-Tor des Tages. Antje Döll wird die von ihr zu spendierende Getränke-Runde verkraften können und wohl jederzeit gerne wieder eine ausgeben, sofern damit jedes Mal ein solches Handball-Fest wie am Samstagabend in Göppingen verbunden ist.
Sport-Union Neckarsulm: Ivancok (4 Paraden); Fossum (7 Paraden/1 Tor) – Ossenkopp (4), Gudmestad (2), Bruggeman, Hinkelmann (2), Smits (10), Döll (12/7); Soffel (9), Kordovská, Holtman, van der Linden, Albers, Uscinowicz (1).
Erfolgreichste Werferinnen Frisch Auf Göppingen: Haruno Sasaki (10/5), Luisa Schulze (8).
Schiedsrichterinnen: Sophia Janz/Rosana Sug.
Siebenmeter: Frisch Auf Göppingen: 5/5; Sport-Union Neckarsulm: 7/7.
Zeitstrafen: 2/3.
Zuschauer: 2303.
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