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Bundestrainer Markus Gaugisch im Interview: „Aktuell ist es noch nicht selbstverständlich, dass du ums Halbfinale spielst“

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Markus Gaugisch, Bundestrainer der DHB-Frauen, spricht vor den EM-Qualifikationsspielen gegen Slowenien im Stimme-Interview über Ziele und Perspektiven der Nationalmannschaft, seine Personalentscheidungen und den Stellenwert der Bundesliga.

Hin und wieder auch in der Neckarsulmer Ballei anzutreffen: Bundestrainer Markus Gaugisch (Mitte) hat seine Nationalspielerinnen und den talentierten Nachwuchs gleichermaßen im Blick.
Hin und wieder auch in der Neckarsulmer Ballei anzutreffen: Bundestrainer Markus Gaugisch (Mitte) hat seine Nationalspielerinnen und den talentierten Nachwuchs gleichermaßen im Blick.  Foto: Seidel, Ralf

Nach der Weltmeisterschaft in Deutschland und den Niederlanden ist für die deutschen Handballerinnen vor der Europameisterschaft in Polen, Rumänien, Tschechien, der Slowakei und der Türkei. In ihren zwei anstehenden Länderspielen gegen Slowenien (Mittwoch, 18 Uhr, und Sonntag, 15.30 Uhr) kann sich die Nationalmannschaft von Markus Gaugisch bereits für die Endrunde des Turniers qualifizieren. Im Stimme-Interview spricht der Bundestrainer über die Erkenntnisse der Heim-WM, sportliche Ziele, seine Personalentscheidungen und den Status quo der Handball Bundesliga.

Herr Gaugisch, die Nationalmannschaft trifft sich nun zum ersten Mal seit der erfolgreichen Heim-Weltmeisterschaft Ende vergangenen Jahres. Welche sportlichen Erkenntnisse sind von dem Turnier hängengeblieben?

Markus Gaugisch: „Als Trainer studiert man nach so einem Turnier natürlich Zahlen und Videosituationen. So haben wir geschaut, wie wir uns rein statistisch entwickelt haben. Dabei sind wir in vielen Werten wirklich besser geworden. Zum Beispiel bei der Anzahl der Technischen Fehler, den Abschlüssen aus der Nahdistanz und der Zahl der Steals, bei der wir durch unsere aktivere Verteidigung einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Ich freue mich, dass wir uns jetzt wieder treffen. Ich weiß aber, dass die Zeit begrenzt ist und wir deswegen bei allem, was wir vorhaben, eine brutale Reduktion vornehmen müssen.“

 

War Ihre Vertragsverlängerung als Bundestrainer im Januar die logische Folge dieser Erkenntnisse?

Gaugisch: „Die Entwicklung der Mannschaft war bis zum Erreichen der Olympischen Spiele 2024 eine sehr positive. Dann hatten wir ein halbes Jahr lang eine Delle – die EM 2024 war nicht gut und nicht so, wie wir sie uns mit Blick auf die Weiterentwicklung vorgestellt hatten. Aber mit dem Start in 2025 war es bei jedem Lehrgang eine pure Freude mit der Mannschaft zu arbeiten und auch handballerisch gab es jedes Mal einen Entwicklungsschritt. Dass wir das dann beim Heim-Turnier auf die Platte bekommen haben, war gut. Mir macht der Job Spaß und mir ging es vor allem darum, die guten Strukturen, die wir haben, zusammenzuhalten. Dazu zählt zum Beispiel das Trainerteam.“


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Sind Halbfinal-Teilnahmen bei großen Turnieren, wie sie DHB-Präsident Andreas Michelmann während der WM gefordert hatte, künftig das neue Minimalziel?

Gaugisch: „Das Wichtigste sind die Leistungen und Entwicklungen der Mannschaft; das sind die Dinge, die ich als Trainer bewerte und beeinflussen kann. Jeder hat wahrgenommen, dass wir in beiden Bereichen Schritte gegangen sind. Und wenn unsere Leistung auf einem entsprechenden Level ist, dann werden wir näher heranrücken an die Top-Nationen und damit auch häufiger die Chance haben, ein Halbfinale zu spielen. Aber vorne ist die Luft sehr dünn und nur weil wir jetzt einmal ein Halbfinale erreicht haben und dort gegen Frankreich ein wirklich tolles Spiel gezeigt haben, gibt es keine Garantie, dass das beim nächsten Mal wieder so sein wird.

Im Frauen-Handball ist es als Deutschland aktuell noch nicht selbstverständlich, dass du zu einem Turnier gehst und es klar ist, dass du ums Halbfinale spielst. Daran arbeiten wir aber. Unser Ziel muss es sein, dass wir häufiger und kontinuierlicher Leistungen bringen, mit denen wir die Chance haben, in ein Halbfinale zu kommen.“

Zur Person

Geboren 1974 in Göppingen, hat Markus Gaugisch nach einer Spielerkarriere in den drei höchsten deutschen Spielklassen – unter anderem beim VfL Pfullingen – erste Schritte als Trainer im Männer-Bereich beim TV Neuhausen (2009-2013) und HBW Balingen-Weilstetten (2013-2015) gemacht. Zwischen 2020 und 2023 prägte er als Trainer dann die erfolgreichste Zeit von Frauen-Bundesligist SG BBM Bietigheim und gewann mit der SG unter anderem 2022 die European League. Seit 2022 arbeitet Gaugisch als Bundestrainer beim DHB und wurde mit der A-Nationalmannschaft im Vorjahr WM-Zweiter. Der 51-jährige Gymnasiallehrer ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Apropos Trainerteam: Ihr Co-Trainer Frederick Griesbach hat im Januar einen „Nebenjob“ als Co-Trainer bei Männer-Zweitligist HC Oppenweiler/Backnang angenommen. Was ändert sich dadurch für Sie und die Arbeitsabläufe rund um die Nationalmannschaft?

Gaugisch: „Gar nichts. ‚Freddy‘ ist als Co-Trainer in der lehrgangsfreien Zeit weniger eingespannt als ich. Daher ist es für ihn eine tolle Chance, sich weiterzuentwickeln. Außerdem ist sein neuer Cheftrainer Portugiese, wodurch er neue Einflüsse bekommt, von denen wir auch profitieren können. Ich sehe das sehr positiv, dass er sich in der Zeit, in der keine Lehrgänge sind, auch intensiv mit Handball beschäftigt. Mit Lehrgangsstart ist er natürlich voll auf uns fokussiert. Er ist ja ohnehin ein Mensch, der keine 100, sondern nur 150 Prozent kennt. Deshalb mache ich mir in dieser Sache überhaupt keine Sorgen.“



Sie hatten jüngst in einem Interview den Stellenwert des Sports in Deutschland kritisiert und die fehlende öffentliche Wertschätzung für den Trainerberuf beklagt. Ist es ein Beleg für diese Aussagen, dass der Co-Trainer der Nationalmannschaft nun einen Zweitjob annimmt – oder annehmen muss?

Gaugisch: „Nein. Primär geht es ‚Freddy‘ um handballerische Aspekte. Er war davor auch bis vergangenen Sommer bei der HB Ludwigsburg angestellt und wäre dort genauso Co-Trainer gewesen, wenn die Insolvenz nicht gekommen wäre. Aber an meiner grundsätzlichen Aussage, dass der Trainerberuf in Deutschland nicht so anerkannt ist, wie er es sein sollte, und der Sport in der Gesellschaft nicht die Wahrnehmung und Wertschätzung erfährt, die er erfahren sollte, davon werde ich nicht abrücken.“

 

Im Kader für die EM-Qualifikationsspiele gegen Slowenien gibt es viel Kontinuität; aus dem WM-Kader fehlen drei Spielerinnen lediglich verletzungsbedingt und mit Farrelle Njinkeu aus Blomberg ist nur ein Neuling dabei. Wäre jetzt nach WM gegen einen Gegner wie Slowenien nicht ein guter Zeitpunkt gewesen, um (mehr) neue Dinge auszuprobieren?

Gaugisch: „Bei dem aktuellen Lehrgang nicht. Slowenien ist ein guter Gegner und wir haben nur vier Trainingseinheiten plus die zwei Spiele, wo wir punkten wollen. Auch im April und September haben wir jeweils nur vier Einheiten und zwei Spiele. Kontinuität tut da sehr gut. Wir können aufgrund der begrenzten gemeinsamen Tage wenig Trainingszeit verschenken und haben jetzt gegen Slowenien auch erst einmal die Pflicht, beide Spiele zu gewinnen, um die EM-Qualifikation fix zu machen.

Es würde mir und uns allen wenig bringen, wenn wir in diesen Spielen erstmals verschiedene Ideen ausprobieren und es dann nicht schaffen. Außerdem sind diejenigen, die wir eingeladen haben, auch aktuell die leistungsmäßig besten Spielerinnen. Farrelle ist eine ganz junge Spielerin, Jahrgang 2007, die mit super Leistungen in der Bundesliga auf sich aufmerksam gemacht hat.“


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Sind Berufungen wie nun von Farrelle Njinkeu oder im Frühjahr 2025 von Aimée von Pereira Ihr Zeichen an alle anderen Anwärterinnen, dass die Tür zur Nationalmannschaft trotz des Strebens nach Kontinuität nicht verschlossen ist?

Gaugisch: „Die Tür ist nicht zu. Im Endeffekt entscheiden Leistung und Perspektive. Und es gehören auch andere Fragen dazu: Was für eine Art von Spielerin berufe ich? Ist sie auch eine Bereicherung und Persönlichkeit, die die Mannschaft voranbringt? Wir haben bei der WM hervorragend gezeigt, dass wir als Mannschaft funktioniert haben. Auf solche Dinge achten wir auch neben den sportlichen Aspekten.“

 

DHB-Sportvorstand Ingo Meckes hatte bereits während der WM gesagt, dass es in der Zeit nach dem Turnier auch darum gehen werde, die erfolgreichen U19-Europameisterinnen von 2025 ins A-Team einzubinden. Wie sieht Ihr Plan dahingehend aus?

Gaugisch:Lara Däuble und Aylin Bornhardt spielen beispielsweise schon in Göppingen in der ersten Liga; ansonsten machen die Leipziger Spielerinnen (Marlene Tucholke, Jana Walther und Laura Sophie Klocke, Anm. d. Red.) einen tollen Job und klopfen in der zweiten an die Tür zur ersten Liga an. Da hoffe ich, dass sie diese Kontinuität durchziehen.

Ich habe sie natürlich im Blick, bin im engen Austausch mit Chris Nordmeyer (U19/20-Bundestrainer, Anm. d. Red.) und werde sicherlich auch Teil der Delegation für die Weltmeisterschaft im Sommer sein, um die Entwicklung der Spielerinnen bei dem Turnier hautnah zu beobachten. Und dann werden wir mal schauen, was perspektivisch passiert.“

 

Welche übergeordneten (taktischen) Entwicklungsziele gibt es neben zwei Siegen für die beiden Duelle mit Slowenien?

Gaugisch: „Wir haben zum Beispiel aus unserem Tempospiel noch nicht genügend Kapital geschlagen. Mein Ziel ist, dass wir aus der guten Verteidigung noch mehr Tempo-Tore machen, vor allem über eine noch besser strukturierte Zweite und Dritte Welle. Dazu kommt die Weiterentwicklung des Spiels mit vier Rückraum-Spielerinnen und Fragen wie ‚Wie bereiten wir die erste Attacke vor?‘ und ‚Wie verhalten wir uns mit und ohne Kreisspielerin?‘

Durch die verletzungsbedingten Ausfälle von Aimée von Pereira und Xenia Smits, sollen sich natürlich auch in dieser Woche Alternativen anbieten, damit wir wissen, wer im Ernstfall deren Rollen übernehmen könnte. Das sind aber alles Themen, die wir in der Kürze der Zeit vermehrt auch per Videostudium mit den Spielerinnen ins Auge fassen.“

 

Mit Marie Steffen und Nina Engel werden im Sommer zwei weitere Nationalspielerinnen die Bundesliga ins Ausland verlassen, dazu verliert die Liga in Lena Ivancok, Johanna Reichert, Melinda Szikora und Csenge Kuczora eine ganze Reihe weiterer internationaler Top-Spielerinnen. Sorgt Sie diese Entwicklung beziehungsweise das sinkende Niveau mit Blick auf die jungen deutschen Spielerinnen, für die die Bundesliga die wichtigste Bühne ist, um sich zu bewähren und zu präsentieren?

Gaugisch: „Insgesamt ist es schon so, dass die Liga wächst und die Professionalisierung Stück für Stück voranschreitet, auch wenn das natürlich kein Prozess ist, der von heute auf morgen einfach geht. Ein ganz wichtiges Ziel muss es sein, den Spielerinnen möglichst sehr professionelle Trainingsstrukturen zu bieten: also Vormittagstraining, Krafttraining, Hallenzeiten. Wenn Nina zum derzeit zweitbesten rumänischen Club geht und dort Champions League spielt und Marie zu Rapid Bukarest in ein sehr professionelles Umfeld wechselt, dann ist das natürlich ein mutiger Schritt und herausfordernd, aber die Wertschätzung für den Frauen-Handball in Rumänien ist auch sehr hoch.“


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Und was bedeutet das im Umkehrschluss für die Bundesliga?

Gaugisch: „Anfang der Saison 2025/2026 hatten wir mit der HB Ludwigsburg und Borussia Dortmund zwei Champions–League-Teilnehmer, bei denen insgesamt zehn Spielerinnen aus dem WM-Kader in Deutschland auf allerhöchstem Niveau im Vereinshandball gespielt hätten. Das wäre eine Top-Quote gewesen. Durch die Ludwigsburger Insolvenz waren es schon sechs Spielerinnen weniger, von denen viele, wenn sie sich auf diesem Niveau messen wollen, dann ins Ausland gehen müssen.

Aber die Aussage ‚Geh ins Ausland, da ist alles besser‘, würde ich nicht grundsätzlich unterschreiben, sondern man muss sich im Einzelfall fragen: Wie wird dort trainiert, wer ist der Trainer, wie ist die Spielzeit? Solche Dinge muss man im Auge haben. Ich bin gespannt, wie es in der nächsten Saison wird, ob die Bundesliga diesen zweiten Champions-League-Platz noch einmal bekommt, wer den dann bekommen würde und ob sich das überhaupt umsetzen lässt. Das sind alles offene Fragen, die man noch nicht beantworten kann. Aber ich hoffe, dass es so kommen wird.“

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