Neckarsulmer Heimniederlage bei 24 Gegentoren sorgt für Frust: „Das ist eigentlich ein Witz“
Klare Worte und viel Selbstkritik: Sport-Union-Trainer Thomas Zeitz und seine Spielerinnen sehen nach dem Duell mit dem SV Union Halle-Neustadt eine selbstverschuldete Niederlage. Die Stimmen zum Spiel.

Zwei fest eingeplante Punkte hat Handball-Bundesligist Sport-Union Neckarsulm am Samstagabend in der Ballei leichtfertig und selbstverschuldet verspielt. Darüber waren sich alle Protagonisten aufseiten der Gastgeber nach Spielschluss einig.
Die 23:24 (10:10)-Niederlage gegen einen alles andere als herausragend aufgetretenen Aufsteiger SV Union Halle-Neustadt sorgte für mächtig Frust, war aber zu erklären. Trainer und Spielerinnen wussten schnell, was zur siebten Saisonniederlage geführt hatte. Selbstkritik mischte sich mit Unverständnis und Verwunderung über das eigene Tun. Beim Aufsteiger aus Sachsen-Anhalt war die Stimmung dagegen bestens.
Die Trainer Thomas Zeitz und Ines Seidler schilderten ihre Sicht der Dinge auf die Partie ebenso wie Halle-Neustadts starker Rückhalt Marijana Ilic (13 Paraden). Kim Hinkelmann, Paulina Uscinowicz, Kamila Kordovská und Lena Ivancok mussten hingegen eine vermeidbare Niederlage ihrer Mannschaft erklären. Die Stimmen zum Spiel.
Thomas Zeitz
...über die schwache Angriffsleistung: „Wir haben das Spiel hundertprozentig im Angriff verloren: zu wenig Bewegung, zu wenig Klarheit, zu wenig Mut. Kämpferisch kann ich der Mannschaft keinen Vorwurf machen, aber handballerisch war das vorne zu wenig. Von 24 Gegentoren träumst du ja eigentlich, aber wir machen die freien Dinger selbst nicht rein. Wir verlieren im Angriff erst Tempo und Konsequenz und dann dadurch das gesamte Spiel. Halle nimmt uns beides in den letzten zehn Minuten der ersten Hälfte. Dass du bei 24 Gegentoren ein Spiel nicht gewinnst, ist eigentlich ein Witz.“
...über die Leistung des SV Union Halle-Neustadt: „Die haben uns nicht kaputtgespielt, sondern 24 Tore und sich am Ende in die Hose gemacht und uns noch einfache Bälle gegeben. Und wir haben die dann dankend abgelehnt. Wir müssen da einfach mehr draus machen, müssen, als wir die Chancen dazu hatten, auch mal mit drei Toren weggehen, um am Ende sagen zu können: ‚Wir haben heute schieße gespielt, aber mit fünf Toren Unterschied gewonnen‘. Das wäre der normale Ablauf gewesen.“
...über den Bruch im Neckarsulmer Spiel nach 20 Minuten: „Mir hat schon von Anfang an die Spannung gefehlt. Es stand 10:5, wir sind aber auf dem Feld herumgelaufen als stünde es 10:3. Am Ende stand es daher dann 10:10. Wir verlieren wieder den Faden, machen wieder nicht das, was wir in der Auszeit gesagt haben. Es fehlt die taktische Disziplin und Klarheit, damit wir sagen können: ‚Wir wissen, dass Angunn (Gudmestad, Anm. d. Red.) und ‚Alice‘ (Alicia Soffel, Anm. d. Red.) im Eins-gegen-eins durchkommen, sofern wir es gut vorbereiten. Also machen wir das bitte dort, wo wir es gesagt haben.‘ Wir machen das dann aber nicht und dann passiert das, was heute passiert ist.“
...über die fehlende Souveränität seiner Mannschaft: „Wir hatten nach dem Zwickau-Spiel gehofft, dass wir ein bisschen souveräner sind; das sind wir aber nicht. Das Spiel hat uns heute dahingehend wieder ein bisschen zurückgeholt.“
...über die kaum eingebundenen Außenspielerinnen, gerade in der zweiten Spielhälfte: „Wir haben unter der Woche 20 Mal darüber gesprochen, dass wenn wir schon eine Antje Döll haben, dass wir ihr dann doch auch mal ein paar Bälle geben sollten. ‚Anni‘ (Annefleur Bruggeman, Anm. d. Red.) hat es in der ersten Hälfte einmal versucht, weil ich es ihr gesagt habe, da kam Antje aber nicht frei. Und dann hat ‚Alice‘ (Alicia Soffel, Anm. d. Red.) nochmal einen Heber-Pass gespielt. Aber in der zweiten Hälfte ist es ein totes Ding und genau das, was ich meine: so etwas geht nicht.“
...über sein, zumindest äußerlich, recht gefasstes Auftreten während und nach dem Spiel: „Es hat innerlich natürlich gebrodelt, aber es war nicht der Moment, um hier irgendwie das Äffchen zu machen.“
...über seinen ausgedünnten Rückraum (Munia Smits und Lilli Holste standen zwar im Kader, waren aber nicht fit): „Ich hätte Lilli gerne noch gebracht, es ist aber verständlich, dass sie mit Blick auf ihren Rücken dann irgendwann gesagt hat, dass es schwierig ist, wenn man 40, 50 Minuten gesessen hat. Sie hätte uns vielleicht noch einmal von rechts einen Impuls geben können. Und bei Munia wollte ich einen Einsatz wegen ihres Fingers nicht riskieren; hätte ich vielleicht machen sollen, aber ich bin bei solchen Dingen immer pro Spielerin und Gesundheit. ‚Pauli‘ (Paulina Uscinowicz, Anm. d. Red.) hat gar nicht ins Spiel gefunden, das hat man in der ersten Hälfte schon gesehen, und ich brauchte nicht noch jemanden, der rumsteht. Deswegen habe ich es dann mit Lynn (Holtman, Anm. d. Red.) probiert.“
...über seine Versuche, die Abwärtsspirale während des Spiels mit einer siebten Feldspielerin und einer sehr hohen Verteidigung oder zu stoppen: „Wenn du drei Bälle gewinnst und die dann direkt wieder wegwirfst, bringt dir das alles nichts. Wir hatten im Sieben-gegen-sechs ja Chancen, werfen aber zweimal am Tor vorbei.“
...zur Frage, ob er die Einschätzung teilt, dass direkte Konkurrenten im Tabellenmittelfeld wie der VfL Oldenburg und die TuS Metzingen ein solches Spiel nicht verloren hätten: „Zu einhundert Prozent. Das ist genau das, von dem wir gedacht haben, das wir schon weiter wären. Wenn du so ein schlechtes Spiel hast, musst du das am Ende mit 28:24 gewinnen. Dann wären wir bei Oldenburg und Metzingen. Da müssen wir hin und es ist unsere und auch meine Aufgabe, diejenigen Leute zu finden, die das können. Vielleicht hat man heute gesehen, wer das nicht kann...“
...zur Frage, ob die Favoritenrolle und öffentliche Erwartungshaltung bei seinen Spielerinnen zu viel Druck verursacht und sie dadurch letztlich gehemmt auftreten: „Es ist ja auch unsere eigene Erwartungshaltung. Wir haben ja selber gesagt, dass das hier heute ein Spiel ist, das wir gewinnen müssen. Unser Anspruch muss sein, dass wir zu Hause gegen Halle, die zwei Punkte hatten – jetzt haben sie vier und ihr Punktekonto verdoppelt –, gewinnen. Und ein solcher Anspruch muss auch sein. Wer mit diesem Druck nicht umgehen kann, ist dann vielleicht nicht für eine solche Mannschaft gemacht. Wir waren heute einfach nicht in der Lage, diesen Gegner mit einer weniger guten oder durchschnittlichen Leistung zu Hause zu schlagen – was du aber machen musst, wenn du Platz vier, fünf oder sechs erreichen möchtest.“
Kim Hinkelmann
...auf die Frage, wo und wann die Mannschaft das Spiel aus der Hand gegeben hat: „Im Angriff. Wir haben Halle-Neustadt wieder ins Spiel kommen lassen, weil wir selbst nicht mehr in die Tiefe gegangen sind. Wir haben auf neun Meter attackiert, aber uns ist in der Kürze der Zeit keine Lösung mehr gegen ihre sehr aggressive Abwehr eingefallen. So machst du gegen keine Bundesliga-Mannschaft Tore, geschweige denn gewinnst gegen sie.“
...über das verlorene Tempo im eigenen Spiel: „Wir haben uns den Ball nur noch im Stand zugespielt und so viele Bälle weggeworfen, dass wir irgendwann auch nicht mehr in den geordneten Rückzug gefunden haben. Halle konnte dann einfach nach vorne spielen und ich wusste teilweise noch nicht einmal, dass die schon geworfen hatten, weil es so super überraschend kam.“
...über die 20 torlosen Minuten vor der Pause: „Es ist total ärgerlich, dass wir deswegen nur mit einem 10:10 in die Halbzeit gehen. Aber noch war da ja nichts verspielt. Wir bekommen sechs Gegentore im gebundenen Angriff und vier Gegenstoß-Tore; das ist ja eigentlich eine super Deckung. Es startet dann in Hälfte zwei also im Grunde wieder bei 0:0 und wir hätten da weitermachen können, womit wir angefangen haben. Aber Halle war hungrig uns hat es dann gut gemacht.“
...über ausgelassene Torgelegenheiten: „Obwohl wir viele, viele Chancen bekommen haben, wieder in Führung zu gehen, haben wir es nicht geschafft, Halle-Neustadt knallhart für ihre Fehler zu bestrafen. Im Gegenteil: Halle hat uns bestraft und wir haben es am Ende auch in der Crunchtime nicht mehr geschafft, nochmal in Führung zu gehen. Das ist natürlich extrem ärgerlich, weil ein solches Spiel musst du gewinnen.“
...über den fehlenden Schwung von der Bank: „Wir hatten zwar wenige Wechselmöglichkeiten, weil viele Konstellationen nicht so funktioniert haben, wie wir es uns erhofft hatten, aber Halle musste ja eigentlich mit seinen besten sechs Feldspielerinnen durchspielen, um mitzukommen. Dabei ist es normalerweise unsere Qualität, dass wir viel durchwechseln können, weil wir einen solch breiten Kader haben. Heute hat das aber nicht funktioniert und man hat dann gesehen, dass bei uns zum Schluss die Körner weniger wurden.“
...über Thomas Zeitz’ taktische Stilmittel in der Schlussphase und zur Frage, ob das die Mannschaft in einem solchen Spiel wachrüttelt oder sie verwirrt: „Ich fand es genau richtig, in diesem Moment mit dem Sieben-gegen-sechs zu beginnen. Wir hätten uns natürlich alle gewünscht, dass das funktioniert, weil wir einen Matchplan hatten und die ersten beiden Angriffe damit auch funktioniert haben. Aber zum einen treffen wir das Tor nicht und zum anderen hören wir auch irgendwie damit auf, das zu machen, was funktioniert. Wir sind dann nicht mehr diszipliniert genug gewesen, genau das durchzuspielen, was zwei oder drei Angriffe lang funktioniert hat.“
Kamila Kordovská
...über das Zustandekommen der Niederlage: „Es ist schwierig das direkt nach dem Spiel mit all den Emotionen zu beschreiben. Wir wussten, dass wir der Favorit waren − und diese Rolle wollten wir auch annehmen und bestätigen. Wir haben gut angefangen und das Spiel war ganz in Ordnung. Es sind nicht so viele Tore gefallen, weil wir es im Angriff nicht so gut gemacht und viele Chancen liegenlassen haben. Es war wirklich schade, dass wir es als Mannschaft nicht geschafft haben, zu Hause die Punkte mitzunehmen.“
Paulina Uscinowicz
...über die Details, die den Unterschied ausgemacht haben: „Wir waren einfach nicht konsequent genug. Zu Beginn haben wir viele Dinge gut gemacht, aber dann haben wir nachgelassen und zu viele Fehler produziert. Das war der Grund. Wir haben es gewollt, aber es sind viele Kleinigkeiten gewesen – ein bisschen die Disziplin, ein bisschen das fehlende Nachsetzen.“
Lena Ivancok
...über das Spiel gegen den SV Union Halle-Neustadt: „Das hätten wirklich zwei Punkte sein müssen. Wir müssen als Team jetzt analysieren was falsch war, da hat einfach zu viel im Angriff nicht gepasst und dann hatten wir auch Pech und haben das Tor nicht getroffen. Wir hätten viel mehr Zug zum Tor gebraucht und haben leider dann auch unsere Chancen nicht verwerten können − nicht zuletzt, weil Halles Torhüterin richtig gut war.“
...über ihren Einfluss als Torhüterin auf das Angriffsspiel der Mannschaft: „Ich versuche zu schreien und das Team zu motivieren, aber vorne kann ich leider nicht angreifen. Am Anfang hatte es ich im Griff, da hatten es die Mädels in der Abwehr im Griff, aber wir haben eindeutig im Angriff zu viele Fehler gemacht und dann zu viele einfache Gegentore bekommen. Es lief im Angriff vieles schlecht.“
...über ihre Gefühlslage nach einem persönlich guten Spiel aber der Niederlage: „Ich bin sehr enttäuscht, wir müssen die Köpfe zusammenstecken und schauen, dass wir die zwei Punkte nächste Woche in Buxtehude holen. Wir müssen uns im nächsten Spiel verbessern.“
Ines Seidler
...über die Gründe für den Auswärtssieg ihrer Mannschaft: „Wir arbeiten seit Wochen sehr, sehr hart, haben trotz unseres Tabellenstands ein funktionierendes Team und haben uns heute einfach mal belohnt. Wir haben eine super, sehr, sehr aggressive Abwehr gestellt und nie aufgegeben. Ich bin mega stolz auf das, was wir uns in den vergangenen Wochen gerade in der Abwehr erarbeitet haben − und das haben wir heute präsentiert.“
Marijana Ilic
...über den Auswärtssieg und ihre 13 Paraden: „Ich kann das gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich bin. Ich wusste, dass so ein Tag wie heute mal kommen würde, weil sich harte Arbeit immer auszahlt. Ich bin so stolz auf meine Mannschaft, weil ohne eine gute Abwehr gibt es auch keine gute Torhüterin.“
...über mögliche Party-Pläne für die Heimreise: „Ich glaube, wir werden es eher ruhig und entspannt angehen lassen. Wir müssen auf unser nächstes Spiel fokussiert bleiben.“
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