Die Mannschaftskasse der Neckarsulmer Bundesliga-Handballerinnen war zu Jahresbeginn schon einmal voller
Wer zahlt wann für was? Wohin fließt das eingenommene Geld? Und was hat das Trainerteam damit zu tun? In ihren Rollen als Kassenwartinnen gewähren Annefleur Bruggeman und Munia Smits Einblicke in das Finanzgebaren bei der Sport-Union Neckarsulm.

Über Geld spricht man nicht. Mit dieser Sentenz halten es auch Munia Smits und Annefleur Bruggeman. Über das Geldeintreiben lässt sich allerdings durchaus sprechen. Vor allem dann, wenn man der Tätigkeit quasi nebenberuflich nachgeht. Die Spielführerin und die Rückraum-Allrounderin zählen bei der Sport-Union Neckarsulm nicht nur auf dem Feld zu den wichtigsten Köpfen, sondern auch daneben. Denn gemeinsam verwaltet das Duo die Mannschaftskasse des Handball-Bundesligisten.
Um Geld drehte sich im Frauen-Handball in den zurückliegenden Wochen viel. Der Deutsche Handballbund (DHB) zahlte seinen Spielerinnen für die Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft eine Rekordprämie von insgesamt 300.000 Euro, die die Deutsche Kreditbank als DHB-Sponsor noch um 50.000 Euro aufstockte und das Preisgeld der Frauen- somit an jenes der Männer-Nationalmannschaft anglich. Jeder Auswahlspielerin brachte der zweite Platz demnach rund 19.500 Euro. Vor Steuern wohlgemerkt.
Gute Disziplin: Höchststrafen werden nur selten fällig
Von solchen Summen ist man in Neckarsulm weit entfernt. Doch damit Sommer für Sommer eine angemessene Abschlussfahrt stattfinden kann, halten Annefleur Bruggeman und Munia Smits das gesamte Spieljahr über die Augen offen und die Hand auf. Fehlende Arbeitsmaterialien, zu spät kommen, das eigene Amt oder offizielle Termine vergessen, den Ball beim Aufwärmspiel auf die Tribüne jagen, falsche Kleidung tragen: die Liste der Zahlungsgründe ist lang – und stets erweiterbar, wie Smits mit einem Grinsen betont.
Am teuersten sind vergessene Trikots zum Spiel oder Rote Karten wegen Meckerns. „Das passiert aber beides ehrlicherweise nicht so häufig. Daher müsste ich erst einmal nachschauen, ob beides im Strafenkatalog überhaupt noch drinsteht“, erzählt Munia Smits.
Strafen-Vorschläge sind bei Smits und Bruggeman immer gern gesehen
Jedes Jahr während der Sommervorbereitung werde der Strafenkatalog im Mannschaftskreis aufgrund der Erfahrungen der Vorsaison überarbeitet: Was lief gut? Was könnte vielleicht künftig sanktioniert werden? Welche Strafen sollten steigen? Und bringen vielleicht auch Neuzugänge aus ihren ehemaligen Vereinen neue Strafen-Ideen mit? „Da kommen dann von den Neuen manchmal überraschte Fragen wie ‚Muss man für XY gar nicht zahlen?‘ und ich stelle dann meist schnell fest: ‚Ach ja, das ist eigentlich eine gute Idee‘“, erzählt Smits und lacht.
Das beliebteste Amt in der Mannschaft sei es daher sicher nicht, weiß die Rückraum-Spielerin. „Die Grenze zu finden, wann man zahlen muss und wann nicht, ist manchmal gar nicht so einfach.“ Den Teamkolleginnen ständig auf die Nerven zu gehen und die Hand aufzuhalten, das nervt die Teamkolleginnen. „Es ist manchmal schon ein undankbarer Job“, hat auch Annefleur Bruggeman längst festgestellt – „obwohl alle natürlich am Saisonende einen schönen Abschluss mit möglichst viel Geld in der Kasse haben wollen“, wie Smits ergänzt: „Deswegen ist es auch wichtig, dass alle mit den Strafen und Regeln einverstanden sind.“
Jeder Sieg seiner Mannschaft kostet Trainer Thomas Zeitz Geld
Diesen Regeln hat sich im Übrigen auch das Trainerteam verschrieben. Denn neben einem monatlichen Grundbeitrag, der von allen zu zahlen ist, wird die Mannschaftskasse auch nach jedem Spieltag automatisch voller: „Wenn wir ein Spiel verlieren, zahlen wir einen – zugegeben relativ kleinen – Betrag. Wenn wir gewinnen, gibt es aber vom Trainer eine Spende“, sagt Smits.
Thomas Zeitz mache hierzu vor der Saison immer kreative Vorschläge. Längst haben die Kassiererinnen außerdem auch die Inflation im Blick. So sei etwa die Gelbe Karte wegen Meckerns zu Saisonbeginn teurer geworden – auch, weil sie zu den Dingen gehört, die direkten Einfluss auf den Ausgang einer Partie haben können.
Nach sieben Tagen Verspätung droht ein Säumniszuschlag
Verwaltet und nachgehalten wird alles über eine Smartphone-App, dank der alle Spielerinnen auch einen Überblick darüber haben, was sie schon bezahlt haben und was noch zu zahlen ist. Abgewickelt wird alles online: „Wir machen das über PayPal. Nur die Trainer zahlen häufig bar. Aber dann stecken wir deren Geld für uns ein und zahlen es dann über unser eigenes PayPal-Konto ein“, erklärt Bruggeman.
Wie genau das Duo in der Nachfolge von Carmen Moser und Daphne Gautschi zu seinem Amt gekommen ist, darüber herrscht Uneinigkeit. Je nach Erinnerung stieß Bruggeman einst zu Smits oder Smits einst zu Bruggeman. Übernehmen wollte es außer den beiden jedenfalls keiner. Klar ist: Die 26-jährige Smits und ihre zwei Jahre ältere Mitspielerin sind nicht nur auf dem Feld längst ein eingespieltes Team.
„Wir beide sind schon immer so ein bisschen hinter den Leuten her“, sagt Bruggeman, angesprochen auf die Eignungsvoraussetzung der beiden für die verantwortungsvolle Position. „Vor dieser Saison hat Thomas (Zeitz, Anm. d. Red.) dann gesagt, dass wir das so gut gemacht haben, dass wir es einfach weiterhin machen können, wenn wir das wollen.“ Gesagt, getan. Bis zum Siebten des Folgemonats müssen die Strafen bei beiden bezahlt sein, sonst droht ein Säumniszuschlag von einem Euro pro verspätetem Tag.
Antje Döll macht von der Neckarsulmer Vorkasse-Option Gebrauch
Eine ganz ähnliche Praxis füllt regelmäßig auch die Mannschaftskasse der Nationalmannschaft, wie deren Verwalterin Julia Maidhof während der vergangenen Weltmeisterschaft verriet. Am häufigsten im Verzug sei ausgerechnet Spielführerin Antje Döll.
Im Verein haben Bruggeman und Smits nach eigener Aussage bislang noch keine nachlässige Zahlungsmoral der 37-Jährigen festgestellt. In Neckarsulm bieten sie allerdings auch die Möglichkeit an, künftige Verfehlungen in weiser Voraussicht per Vorkasse zu bezahlen, um später drohenden Nachzahlungen vorzubeugen. „Das hat Antje dann direkt gemacht“, erzählt Smits und lacht. „Mal schauen, ob sie es vergisst, sobald die Summe aufgebraucht ist.“
Kein Bier, kein Geld: Presse-Fotos bleiben in Neckarsulm folgenlos
Die Zahlungsmoral aller sei in dieser Saison aber grundsätzlich gut und die Quantität der Strafen gar nicht allzu hoch. „Wir drücken auch gerne mal ein Auge zu“, betont Smits. Keine guten Aussichten also für die Mannschaftsfahrt am Saisonende. „Ich denke, wir sind sehr nette Kassiererinnen“, schätzt Annefleur Bruggeman. Wenn fehlende Dinge nur ihnen, nicht aber dem Rest der Mannschaft auffallen, lassen die Kassiererinnen manchmal Gnade walten, wie sie sagen. „Aber grundsätzlich freuen wir uns durchaus, wenn Geld in die Mannschaftkasse kommt“, versichert die Niederländerin grinsend.
Ihre größten Schuldner kennt Munia Smits ohne nachzuschauen: „Lustigerweise stehen unsere beiden Trainer derzeit ganz vorne.“ Für fünf Saisonsiege in der Liga und zwei im DHB-Pokal sind Thomas Zeitz und Co-Trainer Gernot Drossel bislang zur Kasse gebeten worden. Dahinter gehöre Kim Hinkelmann zu den besten Mannschaftskassen-Füllerinnen. Anders als vielfach im Amateurfußball, kostet es bei den Bundesliga-Handballerinnen der Sport-Union Neckarsulm im Übrigen weder Geld noch eine Kiste Bier, wenn Spielerinnen auf einem abgedruckten Foto in der Lokalpresse zu sehen sind. „Ich glaube, dann wären wir alle pleite. Aber ich habe schon gehört, dass es in anderen Vereinen tatsächlich der Fall ist“, weiß Smits.
Neue Saison, neues Glück: Kein Übertrag in nächste Spielzeit
Neben der Abschlussfahrt, die das Team im vergangenen Jahr (natürlich) nach Mallorca führte, werden aus dem gemeinsamen Geldtopf auch Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke für das Team hinter dem Team oder Mannschaftsabende finanziert. Klar ist: Übrig bleibt am Saisonende nichts. „Wir versuchen immer, dafür zu sorgen, dass die Kasse nach der Mannschaftsfahrt leer ist“, versichert Munia Smits schelmisch grinsend.
Sie und Annefleur Bruggeman sind somit nicht nur für das Geldeintreiben, sondern auch für das Geldausgeben verantwortlich.
Kommentare öffnen




Stimme.de
Kommentare