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Angunn Gudmestads Verletzung schweißt die Sport-Union Neckarsulm enger zusammen

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Der Neckarsulmer Handball-Bundesligist lässt seine norwegische Rückraum-Spielerin nach ihrer Wadenbein-Operation nicht fallen. Ihr Ersatz soll ebenfalls aus Skandinavien kommen − und auch die Finanzierung der unerwarteten Kaderverbreiterung ist gesichert.

Ihre Gehhilfen werden bis auf Weiteres die treusten Begleiterinnen von Angunn Gudmestad bleiben. Die Sport-Union Neckarsulm hat der Rückraum-Spielerin dennoch einen neuen Vertrag angeboten.
Ihre Gehhilfen werden bis auf Weiteres die treusten Begleiterinnen von Angunn Gudmestad bleiben. Die Sport-Union Neckarsulm hat der Rückraum-Spielerin dennoch einen neuen Vertrag angeboten.  Foto: Sport-Union Neckarsulm

Angunn Gudmestad konnte nach Ostern bereits wieder ein bisschen lächeln. Noch ein wenig gequält zwar, aber immerhin, denn die große Ungewissheit war nach den Feiertagen überstanden. Während der vorangegangenen Tage hatte das noch anders ausgesehen, denn so reibungslos wie geplant, war die Operation ihres gebrochenen Wadenbeins in Ludwigshafen nicht verlaufen.

Mehrfach hatte sich der OP-Termin zum Einsatz einer stabilisierenden Platte verzögert; statt am Gründonnerstag kam die Rückraum-Spielerin von Bundesligist Sport-Union Neckarsulm erst am Abend des Karsamstag unters Messer.

Muna Smits und Sergi García als seelische Unterstützung

Die dazwischenliegende Zeit der Ungewissheit hatte auf nüchternem Magen an den Nerven der 24-Jährigen gezehrt. Da hatten auch die beruhigenden Worte von Vereinschef Rolf Härdtner am Telefon so wenig geholfen, dass sich die selbst mit einem Kreuzbandriss verletzte Neckarsulmer Spielführerin Munia Smits gemeinsam mit Physiotherapeut Sergi García am Karfreitag spontan ins Auto gesetzt hatte, um Gudmestad in der Klinik bis spät in den Abend hinein mentalen wie seelischen Beistand zu leisten. Gemeinsam leidet es sich eben einfacher als allein.

Inzwischen erholt sich Gudmestad wieder im vertrauten Neckarsulmer Umfeld. Nach ihrer vor zwei Wochen im Training erlittenen Weber-Fraktur im rechten Bein konnte auch in Ludwigshafen noch nicht endgültig diagnostiziert werden, ob darüber hinaus noch das Syndesmoseband in Mitleidenschaft oder sogar gerissen ist. Hier soll Mannschaftsarzt Boris Brand mithilfe des Arztberichtes für Aufklärung sorgen. „Eigentlich ist es jetzt aber auch nicht mehr entscheidend, ob sie drei Monate plus x oder sechs bis neun Monate ausfällt“, sagt Thomas Zeitz. Fest stehe vielmehr: Gudmestad bekomme alle Zeit der Welt, um sich wieder vernünftig zu erholen.

Sport-Union Neckarsulm sieht seine Verpflichtung als Arbeitgeber

In diesem Zusammenhang wird die Norwegerin, deren aktueller Kontrakt am 30. Juni ausläuft und die keinen neuen Arbeitgeber gefunden hatte, vom Verein einen neuen 1+1-Vertrag vorgelegt bekommen, wie Rolf Härdtner bestätigt. Den 83-Jährigen hat das Schicksal Gudmestads, die nach Smits und Kamila Kordovská der dritte langfristige Ausfall bei der Sport-Union ist, bewegt.

Ohne neuen Verein wäre Gudmestad nur die Rückkehr in ihre norwegische Heimat und der damit verbundene Rückfall ins dortige reguläre Patienten- und Reha-System geblieben. Daher steht aus Sicht der Sport-Union im vorliegenden Fall nicht nur die Beziehung zwischen Verein und Spielerin, sondern vor allem die Sorgfaltspflicht eines Arbeitgebers seiner Arbeitnehmerin gegenüber im Mittelpunkt. „Angunn liegt uns am Herzen, auch wenn wir ihren Vertrag aus sportlichen Gründen ursprünglich nicht verlängert hatten“, betont Härdtner. „Ich bin schon ein wenig stolz darauf, wie der Verein mit der Situation umgeht. Das ist etwas Besonderes und zeugt von Werten, die nicht nur der Verein, sondern auch ich selbst vertrete“, ergänzt Thomas Zeitz.

Keinerlei zwischenmenschliche Probleme, sondern alle Zeit der Welt

Der Trainer will zugleich mit den Gerüchten aufräumen, er wisse Gudmestads sportliche Fähigkeiten nicht zu schätzen und habe eine unterkühlte Beziehung zur Rechtshänderin. „Im Gegenteil: Wir haben ein sehr, sehr gutes Verhältnis zueinander, auch wenn es gerade anfangs handballerisch nicht hundertprozentig zwischen uns gepasst hat. Ich sehe ihre Qualitäten und habe auch gesehen, dass sie in den vergangenen zwei, drei Monaten immer besser gelernt hat, wie sie diese am besten für die Mannschaft einbringen kann“, betont Zeitz.

Ihre Nüchternheit lässt die Norwegerin manchmal kühl und abweisend wirken. Dass die verschlossene Einzelgängerin Probleme zuerst mit sich selbst auszumachen versucht, untermauert diesen Eindruck mitunter. „Aber in ihrer jetzigen Situation können und wollen wir ihr helfen“, sagt Zeitz. „Ich glaube, sie hat in dieser Zeit gemerkt, dass sie hier eine Familie hat“, hat Rolf Härdtner in seinen persönlichen Gesprächen mit Gudmestad festgestellt, die in bisher 43 Bundesliga-Einsätzen 124 Treffer erzielt hat.

Ersatz scheint bereits gefunden: Die Spur führt nach Norwegen

Statt mit dem ursprünglich geplanten 15er-Kader wird die Sport-Union in der nächsten Saison nun aber 17 Akteurinnen unter Vertrag haben. Die Rechnung ist aus Neckarsulmer Sicht einfach: Weil Angunn Gudmestad bleibt, ihr Gehalt aber ebenso wie jenes von Kamila Kordovská und Munia Smits bis auf weiteres von der Berufsgenossenschaft übernommen wird, reduzieren sich bei diesen Spielerinnen die laufenden Ausgaben des Vereins auf Nebenkosten wie für Fahrzeuge und Wohnungen.

Dies schaffe im Budget Spielraum für die Nachverpflichtung einer einsatzfähigen Rückraum-Spielerin, wie Thomas Zeitz erklärt. Hier führen die Spuren zu einer flexibel einsetzbaren Rechtshänderin aus Norwegens Eliteserien, der die Sport-Union ein unterschriftreifes Vertragsangebot vorgelegt haben soll. Vollzug kann jedoch noch nicht vermeldet werden.

Neckarsulmer Vorstandsmitglieder nicken Budget-Jonglage ab

Falls eine der Spielerinnen aus dem Verletztentrio wider Erwarten frühzeitig zurückkehren und somit das Neckarsulmer Gehaltsbudget wieder vollständig belasten sollte, sei auch für diesen Fall vorgesorgt, versichern Zeitz und Härdtner.

Ein finanzielles Risiko für den Verein bestünde daher nicht. „Sollte es schiefgehen, ist aber klar, dass der Vorstand genauso seinen Anteil daran hat wie die sportliche Leitung“, sagt Rolf Härdtner, der der notwendig gewordenen Vergrößerung des Kaders und der Budget-Jonglage gemeinsam mit Vorstandsmitglied Bernd Dollmann zugestimmt hat.

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