Roskilde
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Im Fjordlandet rund um Roskilde kennt der Genuss keine Reue

Wikinger-Geschichten, maritime Natur und Schoko-Bier: Das Fjordlandet rund um Roskilde, Lejre und Frederikssund lädt ein, das zu kosten, was die Dänen so glücklich macht.

Christoph Donauer
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Im Fjordlandet rund um Roskilde kennt der Genuss keine Reue
Pauline lebt seit 30 Jahren in Svanholm. Ihr Gehalt gehört der Kommune.  Foto: Donauer, Christoph

Der Wind, die Natur und gutes Essen müssen das sein, was die Dänen so glücklich macht. All das an einem Ort bietet das Fjordlandet, das sich vor den Toren Kopenhagens erstreckt. Rund eine halbe Stunde lang zuckeln die Bahnen über die flache Insel Sjælland, bis der Dom von Roskilde seine spitzen Türme in den Himmel streckt. Überragt wird die Kirche nur von der nahen Müllverbrennungsanlage, deren Schlot ein niederländischer Architekt in rostfarbenes Aluminium verpackt hat. Manche Dänen haben das Kraftwerk liebevoll Skraldedral getauft, "Müllkathedrale".

Obwohl die meisten Städte größer sind, hat Roskilde die dänische Geschichte geformt. Hier vereinte Wikingerkönig Harald Blauzahn erstmals ganz Dänemark unter einer Krone. Jahrhundertelang blieb die Stadt Sitz der dänischen Könige. Fast alle von ihnen wurden im Dom begraben und auch die amtierende Königin Margrethe II. wird irgendwann hier liegen. 2018 wurde ein gläserner Sarkophag für die 78-Jährige vollendet, der nach ihrem Tod enthüllt wird.

Die Bauweise der Wikinger bereitet Archäologen Kopfzerbrechen

Zum Leben erwacht die Geschichte der Wikinger im "Land der Legenden" in Lejre. Mitten im Wald haben Archäologen einen Lagerplatz aus der Steinzeit und ein Dorf aus der Eisenzeit originalgetreu nachbauen lassen. "Es sieht hier so aus, wie Dänemark vor 2000 Jahren ausgesehen hat", sagt Tania Lousdal Jensen, die durch die Anlage führt. Während Familien Mehl mahlen und Feuer entfachen, wollen Archäologen das Leben der Wikinger ergründen.

Kopfzerbrechen bereitete ihnen die Königshalle, ein 61 Meter langer Holzbau, der an ein umgedrehtes Schiff erinnert. "Es ist eine enorme Herausforderung, so etwas zu bauen. In der Wikingerzeit und heute noch", erklärt Tania. Elf Jahre und 1300 Tonnen verbautes Eichenholz später können Besucher auf dem Thron Platz nehmen, Volksliedern von der Knochenflöte lauschen und den Schwertkampf der Wikinger erlernen.

Tour de France startet dieses Jahr im Land des Fahrrads

Bald wird das Fjordlandet weltweit auf den Fernsehern zu sehen sein. Am 2. Juli startet die zweite Etappe der Tour de France in Roskilde. Beim Grand Départ schnellen die Radfahrer Richtung Nyborg im Westen und passieren dabei die Ledreborg Allee, die von 1200 Linden gesäumt wird und damit als längste Allee Nordeuropas gilt.

Einer, der die Radsportler anfeuern wird, ist Henrik Stricker-Petersen. Der 52-Jährige verleiht Räder und veranstaltet Touren rund um den Roskilde-Fjord. Es begann mit fünf Mountainbikes in seiner Garage, mittlerweile verleiht er 50 Räder und seit kurzem brandneue E-Bikes. "Wir wollen gute Fahrräder, kein billiges Zeug", sagt er. Die Touren sind für ihn ein Hobby, das nicht viel Geld abwerfen muss. "Wir lieben einfach das Fahrradfahren und wollen es zu einem tollen Erlebnis für jeden machen."

Das Vesper kommt von der Nachbarziege, das Bier vom Spargel

Henriks Tour führt vorbei an grellgelben Rapsfeldern, Galloway-Rindern und über ein paar Hügel, die die flache Landschaft unterbrechen. Ein Stopp beim Brauhaus in Herslev ist Pflicht. Dort serviert Isabel Hansen eine Vesperplatte, die ein Spaziergang durch die Nachbarschaft sein könnte. "Die Rohwaren sollen so weit wie möglich aus der ganz nahen Gegend kommen."

Im Brot steckt Maische aus den Sudkesseln der Brauerei, der Lachs kommt aus nachhaltiger Fischerei von den Färöern, die Ziegenmilch für den Mozzarella haben die 74 Tiere eines benachbarten Bauern gespendet. "Er sagt, dass sie ab und zu eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekommen", scherzt Isabel. Beim Bier lassen sich die Brauer nichts vorschreiben: Spargel- und Kastanienbier stehen im Regal neben Heu- und Schoko-Bier.

Billigere Schokolade wäre machbar, aber der Weltmeister will nicht

Wer wissen will, woher die Kakaobohnen stammen, muss nur der Nase folgen. Auf demselben Gelände verwandelt Mikkel Friis-Holm sie in Schokolade. Nur sortenreine Bohnen schält, zerhäckselt und schmilzt der ehemalige Koch zu Tafeln und gibt ihnen die klangvollen Namen der Kakao-Sorte. Bei den Internationalen Schokoladen-Awards räumt er regelmäßig Bestnoten ab. Ob er seine Täfelchen günstiger herstellen könnte? "Ja, das ginge. Aber ich werde es nicht. Es gibt bei mir keine zweite Klasse."

Besonders rau fegt der Wind über die sanften Hügel des Nationalparks Skjoldungernes Land. Mittendrin steht das Schloss Selsø genau so da, wie es 1829 verlassen wurde. 143 Jahre später befreiten Ehrenamtliche die barocken Räumlichkeiten vom Staub und öffneten die Pforten für Besucher.

Seit Kurzem sind mehrere Wege auf dem Gelände angelegt. "Wir hoffen, dass wir eine Symbiose hinbekommen zwischen der einzigartigen Natur hier, dem Schloss und den Vögeln", erklärt Philip von Malsen-Plessen, dessen Vorfahren hier lebten.

Die Kommune Svanholm teilt Gehalt und den Hang zur Harmonie

Eine kurze Fahrradtour entfernt liegt die Kommune Svanholm. Im Gemeinschaftsraum tischt Pauline Kreiken große Schüsseln mit Gulasch und Kartoffelbrei auf. Die Kommune entstand in den 78ern aus der Idee, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Heute fließt das Gehalt aller Bewohner zu 40 Prozent in einen Topf, aus dem etwa Lebensmittel und das Küchenpersonal bezahlt werden. "Der Rest ist für Schokolade", sagt Pauline und lacht.

Wie sie arbeiten die meisten in Jobs außerhalb der Kommune. Was in Svanholm passiert, wird gemeinsam ausdiskutiert. "Wir sind sehr gut darin, uns einig zu werden." Das klappt vor allem bei der Nachhaltigkeit: Der Hof lebt von biologischem Obst, Gemüse sowie seiner Milch, die zehn Kilometer entfernt bei "Hansens" zu Eis verarbeitet wird.

Wer die Kalorien der Genussreise auf Wikinger-Art abtrainieren will, beendet seinen Besuch im Wikingerschiffsmuseum in Roskilde mit einer Bootsfahrt. Einer steuert, der Rest rudert und hisst die Segel, bis der Wind das Schiff über den Fjord Richtung Meer trägt. Der Blick auf die Stadt bleibt länger in Erinnerung als jedes Foto.

Tipps und Infos

Anreise: Flug von Stuttgart nach Kopenhagen, per Zug nach Roskilde. Wer lange Reisen nicht scheut, nimmt das Auto oder den Zug.

Hotel: Das Comwell-Hotel Roskilde bietet Zimmer mit Fjord-Blick. Die Möbel stammen von dänischen Designern und man legt Wert auf Nachhaltigkeit.

Essen: Smørrebrød im Raadhuskælderen, Bier und Vesper im Herslev Bryghus mit Schoko-Stopp bei Friis-Holm. Eis bei Hansens Flødeis. Dänische Tapas und Gerichte wie von Oma im Café Hos Vivi.

Aktivitäten: Wikinger-Geschichte im Sagnlandet Lejre, dänischer Barock im Schloss Selsø mit Spaziergang nach Møllekrogen, alte Schiffe bestaunen im Wikingerschiffsmuseum Roskilde, eigenwillig andere Werke im J.F.-Willumsen-Museum Frederikssund.

Fahrrad mieten:

www.bike-tours.dk

www.baisikeli.dk

Mehr Informationen:

www.visitfjordlandet.dk

Im Fjordlandet rund um Roskilde kennt der Genuss keine Reue
Alles, was auf der Vesperplatte im Herslev Bryghus landet, ist bio oder von nebenan. Dazu gibt"s Heu- und Schokobier.  Foto: Donauer, Christoph
Im Fjordlandet rund um Roskilde kennt der Genuss keine Reue
Im Fjordlandet rund um Roskilde kennt der Genuss keine Reue
Die "Seehengst von Glendalough" ist nicht irgendein Schiff. Handwerker haben sie mit Methoden der Wikinger nachgebaut. Das Original wurde 1042 in Irland gebaut.  Foto: Donauer, Christoph
Im Fjordlandet rund um Roskilde kennt der Genuss keine Reue
1300 Tonnen Eichenholz und harte Diskussionen mit Architekten waren nötig, um die Königshalle auferstehen zu lassen. Vom Original existiert nur das Fundament.  Foto: Donauer, Christoph
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 Foto: Donauer, Christoph
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Schokoladen-Weltmeister Mikkel Friis-Holm präsentiert seine Kakaobohnen.  Foto: Donauer, Christoph
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Roskildes Dom ragt spitz in den Himmel. Hier ruhen die dänischen Könige.  Foto: Donauer, Christoph
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