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Kein Neustart bei der Organspende

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Der Bundestag entscheidet sich gegen die doppelte Widerspruchslösung und will stattdessen künftig besser informieren. Betroffene aus der Region sind entsetzt und rechnen damit, dass die Zahl der Organspender auf niedrigem Niveau bleibt.

 Foto: Emily Wabitsch

Die Menschen in Deutschland sollen auch künftig nicht automatisch als Organspender gelten. Allerdings soll eine stärkere Aufklärung mehr Bürger zu konkreten Entscheidungen für eine Spende bewegen. Nach einer intensiven Debatte beschloss der Bundestag gestern eine moderate Neuregelung. Sie sieht auch ein neues Online-Register mit Spende-Erklärungen vor. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Reform mit "Tatkraft" umsetzen, obwohl sein Vorstoß scheiterte. Demnach sollten alle Menschen als Spender gelten - außer sie widersprechen.

Doppelte Widerspruchslösung von Jens Spahn scheitert

Mit deutlicher Mehrheit setzte sich im Parlament der Gegenentwurf einer Abgeordnetengruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock durch. In namentlicher Abstimmung erhielt er 432 Ja-Stimmen, 200 Parlamentarier stimmten dagegen, 37 enthielten sich. Der Vorstoß der anderen Gruppe für eine "doppelte Widerspruchslösung" scheiterte klar. Dagegen waren 379 Abgeordnete, 292 unterstützten ihn, drei enthielten sich.

Künftig sollen alle Bürger mindestens alle zehn Jahre auf das Thema Organspende angesprochen werden. Wer ab 16 Jahren einen Personalausweis beantragt, ihn verlängert oder sich einen Pass besorgt, soll Material dazu bekommen.

Spenderzahlen in der Region sind niedrig

Betroffene aus der Region sind entsetzt. Sie fürchten, dass nun alles beim Alten bleibt und die Zahl der Organspender nicht steigt. Miriam Winkler aus einem kleinen Ort in der Nähe von Mosbach hat im April ihren siebenjährigen Sohn Pablo nach einem Unfall verloren. Nach Pablos Tod entschied sie gemeinsam mit ihrem Mann Ralph, Pablos Organe zu spenden und damit anderen Kindern ein Weiterleben zu ermöglichen. Seitdem macht sie sich für das Thema stark. Sie sagt: "Ich finde die Entscheidung nicht gut." Sie bedeute keinen Gewinn von zusätzlichen Organspendern.

Winkler fragt: "Beraten sollen offenbar die Ausweisstellen. Wer schult dieses Personal? Mein Mitgefühl gilt allen, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind." Die Spenderzahlen an den Kliniken in der Region sind niedrig: Bei den SLK-Kliniken gab es laut einem Sprecher 2019 drei postmortale Organspenden, 2018 waren es zwei - alle erfolgten am Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn. In den Häusern der Regionalen Kliniken Holding Ludwigsburg (RKH) waren es 2019 insgesamt neun Organspenden, sechs davon am Klinikum Ludwigsburg, das etwa die gleiche Größe wie der Gesundbrunnen hat. 2018 gab es bei der RKH zehn Spenden, acht davon in Ludwigsburg.

RKH-Arzt hätte Widerspruchslösung begrüßt, SLK-Direktor will sich politisch nicht positionieren

Martin Schuster, Ärztlicher Direktor für Anästhesie und Intensivmedizin an den RKH-Kliniken des Landkreises Karlsruhe, ist nicht überrascht vom Abstimmungsergebnis. Es entspreche der politischen Praxis, unangenehme Themen auf die lange Bank zu schieben. "Ich frage mich jedoch, ob die Gesellschaft gut daran tut." Schuster rechnet nicht damit, dass sich allein durch Information etwas Wesentliches an den Organspenderzahlen ändert. Das bedauert er: "An Organversagen zu sterben, ist ein elendiger Tod. Dabei bräuchten viele Betroffene nur ein neues Organ. Aber das wird mit dem Tod einer anderen Person oft sinnlos vergeudet."

Wolfgang Linhart, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen, will sich nicht politisch positionieren. Er sagt: "Die ethische Diskussion zur Organspende und deren rechtliche Ausgestaltung kann nicht in Krankenhäusern stattfinden. Diesen Diskurs muss die Gesellschaft führen."

Eine Riesenchance wurde vertan, findet die Deutsche Transplantationsgesellschaft

Von der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) heißt es auf Stimme-Anfrage: "Wir bedauern sehr, dass der Ausgang dieser Abstimmung nicht zu dem dringend benötigten Paradigmenwechsel und Neustart in der Organspende geführt hat. Mit einem ,Weiter so mit Hoffen " wurde eine Riesenchance für unsere Patienten vertan", so DTG-Generalsekretär Christian Hugo von der Universitätsklinik in Dresden.

Betroffene sind entsetzt 

Transplantierte aus der Region habe kein Verständnis für die Entscheidung der Abgeordneten. Sie fürchten, dass die Spendenbereitschaft auf niedrigem Niveau bleibt.

Bernd Rieker aus Leingarten hat seit 2010 eine neue Niere

Gaby Rieker hat ihrem Mann Bernd 2010 eine Niere gespendet.
Foto: Archiv
Gaby Rieker hat ihrem Mann Bernd 2010 eine Niere gespendet. Foto: Archiv  Foto: Bailey

Bernd Rieker aus Leingarten hat 2010 eine Niere als Lebendspende von seiner Frau Gaby bekommen - nötig geworden war das nach einem schweren Verkehrsunfall in Österreich. Jetzt ist der 56-Jährige entsetzt. Kurz nachdem er von der Entscheidung erfahren hat, sagt er am Telefon: "Ich habe das gerade gehört und gedacht, das darf nicht wahr sein." Endlich habe die Möglichkeit bestanden, eine weitreichende Änderung an den deutschen Transplantationsregelungen zu erreichen und dann das. Gaby Rieker ist überzeugt: "So wird sich nichts ändern, auch weiter wird sich niemand aktiv mit dem Thema beschäftigen." Sie sei "traurig und betroffen", dass Deutschland es nicht geschafft habe, die Widerspruchslösung zu verabschieden, die in anderen EU-Ländern längst gelte.

Peter Rode aus Beilstein bekam 2014 eine neue Leber

Peter Rode macht seit der Lebertransplantation wieder Sport.
Foto: Archiv/Berger
Peter Rode macht seit der Lebertransplantation wieder Sport. Foto: Archiv/Berger  Foto: Berger

Peter Rode aus Beilstein kommen am Telefon die Tränen. Am 16. Januar 2014, kurz vor seinem 60. Geburtstag, hat er eine neue Leber und damit ein zweites Leben geschenkt bekommen, wie er sagt. "Es ist ein absolutes Rätsel für mich, wie ignorant manche Menschen gegenüber diesem Thema sind." Mit der gestrigen Regelung, so fürchtet er, "werden jedes Jahr Millionen Euro an Werbegeldern für Organspende rausgeworfen" - ohne dass sich an den Spendezahlen etwas ändert. "Wir haben gehofft, dass die Entscheidung anders ausfällt", sagt er für sich und andere Mitstreiter, die in verschiedenen Gremien aktiv für Organspende werben.


Kommentar: Unethisch

Das Abstimmungsergebnis zur Organspende ist erschütternd, auch wenn der mit seiner Widerspruchslösung unterlegene Gesundheitsminister Jens Spahn sich bemühte, den Betroffenen Mut zuzusprechen und ihnen versicherte, der Staat vergesse sie nicht. Doch genau das tut er.

An die 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, ihnen stehen etwas mehr als 900 Organspender pro Jahr gegenüber. Es ist leicht auszurechnen: Für Dutzende Kranke wird die Wartezeit zu lang sein. Sie werden sterben, weil es weiter möglich bleibt, dass sich die gesunde Mehrheit unserer Gesellschaft um eine bewusste Entscheidung für oder gegen Organspende drückt.

Es ist für keinen schön, sich mit dem eigenen Tod zu befassen und für diese Eventualität Vorsorge zu treffen. Deswegen wäre es eigentlich Aufgabe des Staates, den Bürger im Sinne des Gemeinwohls dazu zu zwingen. Doch davor sind die gewählten Volksvertreter zurückgeschreckt.

Der wachsweiche Kompromiss bedeutet: Leute, die sich keine Gedanken über das Thema machen, werden weiter von der Gesellschaft erwarten, dass ihnen in einer Notlage geholfen wird. Sie müssen aber noch nicht einmal "Nein" sagen, wenn sie selbst nicht bereit sind, ihre Organe zu spenden. Das ist zutiefst unethisch.

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