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Bei Organspende muss man jeden im Team einbinden

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Im Jahr 2017 ist die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland mit 797 auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Eine Klinik in der bayerischen Provinz stemmt sich gegen den Trend. Die zuständige Oberärztin erklärt, wie das gelingt.

Von Valerie Blass
Das Foto zeigt die Entnahme einer Niere am Klinikum in Jena − etwa 8000 Menschen warten laut Deutscher Stiftung Organtransplantation derzeit auf eine Spenderniere. Foto: Archiv/dpa
Das Foto zeigt die Entnahme einer Niere am Klinikum in Jena − etwa 8000 Menschen warten laut Deutscher Stiftung Organtransplantation derzeit auf eine Spenderniere. Foto: Archiv/dpa  Foto: Jan-Peter Kasper

Bereits zum vierten Mal seit 2002 ist ein kleines Klinikum in Niederbayern im Juli mit dem bayerischen Organspendepreis ausgezeichnet worden. Zwölf postmortale Organspender kamen 2017 vom Donau-Isar-Klinikum in Deggendorf (DIK). Mehr Spender im Südosten der Republik gab es nur am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Wir haben die verantwortliche DIK-Oberärztin Petra Schäffner nach den Gründen für die hohe Spenderzahl an ihrem Haus gefragt.

 

Während die Organspenderzahlen auf einem Tiefpunkt angelangt sind, wurde das DIK gerade erneut ausgezeichnet. Woran liegt es, dass bei Ihnen gleichbleibend viele Patienten bereit sind, ihre Organe an andere Menschen übertragen zu lassen?

Petra Schäffner: Wir haben recht viele neurochirurgische Patienten, die potenziell in Frage kommen (also solche, bei denen das Gehirn geschädigt ist, Anm. d. Red.). Wir kümmern uns aber auch seit Jahren um das Thema und bemühen uns, Organspender zu gewinnen. Deswegen sind unsere Zahlen deutlich besser als im Bundesdurchschnitt. Wir sprechen die Angehörigen eines jeden in Frage kommenden Patienten an, das gehört bei uns zur Kultur.

 

Wie schaffen Sie so hohe Akzeptanz bei Patienten und Angehörigen?

Schäffner: Auch bei uns lehnen immer noch zwei Drittel bis die Hälfte derer ab, die wir angesprochen haben. Trotzdem bleiben wir konsequent auf unserem Weg, denn wir sind davon überzeugt, dass es der richtige ist.

 

Wie läuft so ein Gespräch mit Angehörigen ab?

Schäffner: Man braucht viel Zeit und Gespür für den anderen. Und es sind mehrere Gespräche nötig. Sobald sicher ist, dass der Patient nicht überleben wird, sagen wir das den Angehörigen. Damit müssen sie sich erst einmal auseinandersetzen. Ihnen muss klar sein, dass es keine Chance gibt. Oft kommt dann irgendwann von ihnen selbst die Frage: Wie geht es jetzt weiter?

 

Sind Sie speziell geschult für solche Gespräche?

Schäffner: Als ich 1994 hier auf der Intensivstation begonnen habe, gab es Workshops von der Deutschen Stiftung Organtransplantation, an denen ich teilgenommen habe. Diese Schulungen waren hilfreich, denn es ging nicht nur um das Thema Organspende. Die übergeordnete Frage ist doch: Wie gehe ich mit Menschen in Extremsituationen um? Und eigentlich sind ja alle, die auf unsere Intensivstation kommen, in einer Extremsituation.

 

Worauf kommt es an?

Schäffner: Man darf Angehörige auf keinen Fall unter Druck setzen. Also braucht man als Arzt viel Zeit und Fingerspitzengefühl. Das wollen wir auch unseren Assistenten beibringen. Deshalb ist bei Angehörigengesprächen auch so oft wie möglich ein Arzt in Ausbildung dabei. Und wir nehmen auch die Pflegekräfte mit − sie können zum Beispiel bei der Hirntod-Diagnostik dabei sein. Wir binden alle im Team ein, damit sie verstehen, was passiert, wenn ein Funktionsausfall des Gehirns eingetreten ist. Es gibt Fälle, in denen ein Toter noch zuckt. Verantwortlich dafür sind spinale Reflexe. Jeder muss verstehen, dass der Mensch trotzdem tot ist.

 

Warum ist es so wichtig, alle zu beteiligen?

Schäffner: Die Pflegenden sind in manchen Fällen maßgeblich für die Entscheidung der Angehörigen, denn sie reden mit ihnen und sie würden eine negative Grundhaltung in der Pflege mitbekommen. Deshalb ist eine Akzeptanz bei jedem im Team wichtig. Auch mit unserem Krankenhauspfarrer arbeiten wir eng und vertrauensvoll zusammen.

 

Ihr Klinikum steht im katholischen Niederbayern. Spielt der Glaube bei der Entscheidung über eine Organspende eine Rolle?

Schäffner: Tatsächlich gläubige Katholiken sind in der Regel sehr positiv gegenüber der Organspende eingestellt, sie gilt bei ihnen als Akt der Nächstenliebe.

 

Was halten Sie von der aktuellen Diskussion um eine Widerspuchslösung?

Schäffner: Ich kann nur sagen: Ich bezweifle die offiziellen Zahlen stark, wonach über ein Drittel der Bevölkerung einen Organspendeausweis haben soll. Bei uns sind es zehn Prozent, ich schreibe mir das seit Jahren auf. Und das verstehe ich nicht. Das bedeutet doch, dass die Angehörigen in dieser schwierigen Situation die Entscheidung treffen müssen, was für sie alles nur noch schlimmer macht.

 

Was bedeutet Ihnen der Organspendepreis des Landes Bayern?

Schäffner: Die Tatsache, dass wir den Preis zum vierten Mal in Folge bekommen, wirft eigentlich ein schlechtes Licht auf die anderen Kliniken, oder? Auch die fehlende Kontinuität an manchen Häusern mag erklären, warum die Zahlen dort so niedrig sind.

 

Was meinen Sie damit?

Schäffner: Wenn Sie als Oberarzt nur ein halbes Jahr auf einer Stelle sind und auch sonst die personelle Fluktuation hoch ist, dann ist es Ihnen egal, wie es um die Organspende in der Einrichtung steht. Hinzu kommt: Für Krankenhäuser ist der Aufwand, den sie mit einem Menschen betreiben müssen, der eigentlich schon tot ist, nicht unerheblich. Deswegen sollte die Organspende für Kliniken zumindest keine Sache sein, bei der sie draufzahlen müssen.

 

Das will Gesundheitsminister Jens Spahn abstellen. Er hat unter anderem eine bessere Finanzierung für Organentnahmen zugesagt.

Schäffner: Ja, das hat mich gefreut. Ich halte das für wichtig.

 

Zur Person

Petra Schäffner (49) ist Notfall- und Intensivmedizinerin am Donau-Isar-Klinikum (DIK) im bayerischen Deggendorf und dort als Oberärztin verantwortlich für das Thema Organspende. Am DIK werden nur Organentnahmen durchgeführt − die Transplantation erfolgt dann andernorts, meist an großen Unikliniken. 

 

Zahlen im Vergleich

In Bayern gab es 2017 insgesamt 143 Organspender, 17 davon kamen vom Klinikum rechts der Isar der TU München, einem Großklinikum mit 5500 Mitarbeitern und 60.000 stationären Patienten pro Jahr. Auf Rang zwei folgt bereits das Donau-Isar-Klinikum, das aus den drei Standorten Deggendorf, Dingolfing und Landau besteht und das insgesamt 2000 Mitarbeiter und 30.000 stationäre Patienten pro Jahr hat.

Für Baden-Württemberg zählt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) im selben Zeitraum 95 Organspender. An den SLK-Kliniken (vier Standorte, 71.000 stationäre Patienten, 4300 Mitarbeiter) gab es 2017 nach Auskunft der Pressestelle keine realisierte Organspende, 2016 und 2015 wurden bei zwei beziehungsweise drei Patienten Organe entnommen.Bei der Regionalen Kliniken Holding Ludwigsburg RKH (neun Standorte, 113.000 stationäre Patienten, 7000 Mitarbeiter) gab es laut RKH 2017 insgesamt zwei Organspender, 2016 waren es drei, 2015 insgesamt elf. 

 

Ein Mediziner erklärt, wann ein Mensch als tot gilt

Medizin-historisch galt bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts ein Mensch dann als tot, wenn sein Herz nicht mehr schlug. Das hat sich mit dem Fortschritt in der Intensivmedizin gewandelt, denn heute kann man Herz- und Lungenfunktion über sehr lange Zeiträume hinweg überbrücken. Seitdem gilt der irreversible Funktionsausfall des Gesamthirns als Kriterium für den Tod. Für mich gibt es keinen Zweifel, dass ein Mensch tot ist, wenn dieser Funktionsausfall nach ärztlichem Protokoll festgestellt ist.

Die Kriterien dafür sind sehr streng. Es gibt eine körperlich-neurologische Untersuchung. Schon dabei ist eine externe Manipulation unmöglich. Ein Beispiel: Wenn man mit einem Wattestäbchen das Auge leicht berührt, setzt sofort der Reflex ein, das Auge zu schließen, wenn das Gehirn noch funktioniert, das kann man nicht verhindern. Zusätzlich wird das Gehirn mit Apparatemedizin untersucht − also im Computertomographen unter Gabe von Kontrastmittel. Dabei sieht man, ob Hirnregionen noch durchblutet werden oder nicht. Die Untersuchungen werden nicht nur einmal gemacht, sondern nach zwölf und 72 Stunden wiederholt.

Zwei Fachärzte, darunter ein erfahrener Neurologe oder Neurochirurg, müssen den Tod unabhängig voneinander feststellen. Diese Diagnostik ist zu 100 Prozent sicher. Der unumkehrbare Ausfall des Gehirns kann mehrere Ursachen haben: eine primäre Schädigung − etwa durch einen Verkehrsunfall. Dann eine Blutung: Im Kopf platzt ein Gefäß und richtet sekundären Schaden an. Außerdem eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff, zum Beispiel in Folge eines Herzinfarkts oder eines Schwimmunfalls − als Folge kann es zu irreversiblen Schäden kommen. 

Axel Menzebach (45), Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin, Donau-Isar-Klinikum, Deggendorf.

 

 

Eine Juristin zur Debatte um die Widerspruchslösung

Die juristische Einschätzung deckt sich mit der medizinischen, wonach der Tod als unumkehrbarer Funktionsausfall des Gehirns definiert ist.

Was die Widerspruchslösung angeht, gibt es darüber eine Kontroverse unter Juristen, seit Gesundheitsminister Jens Spahn sich dafür starkgemacht hat. Der Körper ist keine Sache, und der Mensch soll über seinen Tod hinaus über ihn verfügen können. Deshalb halten einige meiner Berufskollegen nichts davon, dass jeder automatisch zum Organspender werden soll − außer er widerspricht aktiv. Ich kann diese Argumentation zwar nachvollziehen, bin aber anderer Meinung.

Für mich ist entscheidend: Todkranke müssen die Chance erhalten, dass ihr Leben durch Spenderorgane gerettet werden kann. Ich habe selbst schon bei Mandanten erlebt, wie sie durch eine Transplantation ein neues Leben geschenkt bekamen − plötzlich sitzt da ein ganz anderer Mensch vor einem, das ist wunderschön. Gleichzeitig muss klar sein: Organspende darf nicht zum Geschäft und der menschliche Körper nicht zum Ersatzteillager werden. Wir müssen sicherstellen, dass sich Skandale wie der vor einigen Jahren nicht wiederholen und einzelne Empfänger bevorzugt behandelt werden. Deshalb müssen wir weiter viel Sorgfalt bei diesem Thema walten lassen.

Keine Probleme sehe ich, was das Thema Patientenverfügung angeht. Wer eine solche hat, will damit ausdrücken, dass er nicht künstlich durch Maschinen am Leben gehalten werden möchte und dann über einen langen Zeitraum dahinvegetiert. Bei einer Organspende geht es darum, dass das Herz-Kreislauf-System nur so lange unterstützt wird, bis alle medizinischen Vorkehrungen für eine Entnahme getroffen sind. vbs

Monika Baumhackel (58), Fachanwältin für Medizinrecht, Heilbronn.

 

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