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Tod eines Jungen

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Im April 2019 fällt Pablo aus dem Fenster seines Kinderzimmers, der 7-Jährige überlebt den Unfall nicht. Seine Eltern engagieren sich seitdem für kranke Kinder und werben für eine rechtzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende.

Am Freitag, 12. April 2019, stürzt Pablo Winkler aus dem Fenster seines Kinderzimmers im ersten Stock des Wohnhauses der Familie in Fahrenbach-Robern, einem kleinen Ort im Neckar-Odenwald-Kreis. Der 7-Jährige erleidet ein irreversibles Schädel-Hirn-Trauma und fällt in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwacht. Seine Eltern Miriam und Ralph Winkler entscheiden sich zwei Tage nach dem Unfall, Pablos Herz, Leber und beide Nieren zu spenden und so vier anderen todkranken Kindern zu helfen. Fünf Monate nach dem Tod ihres einzigen Kindes sprechen die Eltern über ihren Verlust und darüber, wie ihnen die Entscheidung pro Organspende hilft, selbst wieder zurück ins Leben zu finden. Das Gespräch ist hier dokumentiert.

 

Vater Ralph Winkler, 50

Es war der letzte Schultag vor den Osterferien. Wir sind mittags nach Hause gekommen, Pablo, meine Frau, ich. Meine Schwiegereltern, die unter uns wohnen, waren auch da, und Pablos gleichaltrige Cousine war zu Besuch. Eigentlich hätte so vieles anders laufen sollen an dem Tag. Eigentlich wollten die beiden draußen spielen, aber das Wetter war nicht gut, und Pablo sollte abends noch zum Fußballtraining. Also sind die beiden in sein Zimmer gegangen. Meine Frau und ich haben solange im Wohnzimmer gelesen. Irgendwann wollte ich schauen, was die Kinder machen, es war 15.27 Uhr. Als ich gerade aufgestanden bin, habe ich von unten schon Schreie gehört. Ich bin gleich runtergelaufen, und da lag mein Sohn. Ich habe ihn aufgehoben, ihn in die Arme genommen und mich mit ihm auf die Couch gesetzt. Mein Schwiegervater hat den Notruf abgesetzt. Es hat nur sechs Minuten gedauert, bis ein Ersthelfer aus dem Nachbarort da war.

 

Mutter Miriam Winkler, 39

Pablo hatte keine sichtbaren Verletzungen, er hat nirgends geblutet. Die Ärzte haben uns später gesagt, es sei ein isoliertes Schädel-Hirn-Trauma. Er wurde dann mit dem Hubschrauber abgeholt und an die Uniklinik Würzburg geflogen. Wir haben uns sofort ins Auto gesetzt und sind dorthin gefahren. Im Nachhinein ist das schon erschreckend, aber wir beide hatten die ganze Zeit so eine Ruhe, wir waren völlig klar. Als wir nach einer Stunde in der Uniklinik angekommen sind, hat der Neurologe gesagt: "Wir machen uns große Sorgen um den Kopf Ihres Sohnes."

Als dann die ersten Familienangehörigen eingetroffen sind, haben die Ärzte meinen Mann und mich zu sich gerufen. Wir wussten es da ja irgendwie schon. Der Neurologe hat uns eine Aufnahme des Gehirns von Pablo gezeigt. Ich hatte vorher noch nie ein CT-Bild gesehen, aber mir war sofort klar, was darauf zu sehen ist und was das bedeutet. Immer mehr Angehörige und Freunde sind gekommen, wir waren irgendwann 20 Leute. Alle waren abwechselnd im Zimmer von Pablo, sind ihm nicht von der Seite gewichen, haben uns beigestanden. Das Team an der Uniklinik hat uns riesigen Freiraum gelassen und war für uns da. Wir sind so dankbar, dass wir dort keine Nummer waren.

Hoffnung, dass sich die Ergebnisse vielleicht ändern würden, hatten wir nach den Gesprächen mit den Ärzten keine mehr. Deswegen war schon sehr früh ein Thema für uns, wie es weitergeht und wir haben angefangen, uns mit Organspende zu beschäftigen. Ein Arzt hat uns irgendwann gesagt: "Pablo ist in einem stabilen Zustand und hat so starke Organe." Da hat sich das Thema verfestigt.

 

Vater

Pablo kam am 24. April 2011 zur Welt, an Ostern. Er war ein sehr glückliches Kind und wir haben das Elternsein zu hundert Prozent gelebt und so viel Zeit miteinander verbracht. Wir haben ganze Nachmittage lang Gesellschaftsspiele gespielt, waren mit dem Hund unterwegs, haben jede Art von Ballspielen gemacht, die hat er geliebt.

Zwei Wochen nach dem Unfall wäre Pablo acht Jahre alt geworden. Es kann einem im Leben nichts Schlimmeres geschehen als das eigene Kind zu verlieren. Und wir konnten uns null darauf vorbereiten. Acht Jahre lang sind wir mit Pablo immer auf der Sonnenseite gewesen und dann passiert das. Ich habe aber schon im Krankenhaus zu allen gesagt: "Dass das klar ist, ich will nicht, dass irgendjemand sich oder anderen Vorwürfe macht." Niemand hat an dem Schuld, was passiert ist.

 

Mutter

Wir wissen nicht, warum er das Fenster aufgemacht hat und dann gefallen ist. Eigentlich wusste er genau um die Gefahren. Pablo hat eine Woche vor dem Unfall begonnen, seine Fensterbank freizuräumen, die war sonst immer mit Spielzeug zugestellt. Vorher konnte er das Fenster gar nicht öffnen. Seine Cousine hat später erzählt, Pablo habe gesagt: "Ich brauche Luft" und habe dann das Fenster aufgemacht. Dann sei er plötzlich weg gewesen, sie hat das selbst gar nicht richtig mitbekommen.

Im Krankenhaus gehen einem so viele Dinge durch den Kopf. Irgendwann habe ich gedacht: "Wir müssen alles umdrehen, um es zu schaffen. Wir haben uns dann überlegt, was es für die Eltern todkranker Kinder bedeutet, wenn ihr Kind ein Organ bekommt und weiterleben kann, vielleicht sogar gesund wird. Was für ein Geschenk das sein muss. Ich bin mir sicher: Pablo hätte gern geholfen, wenn er die Entscheidung selbst hätte treffen können. Er hat anderen immer so gerne geholfen, hatte ein so großes Herz.

Vier Wochen nach Pablos Tod haben wir einen Brief von der Deutschen Stiftung Organtransplantation bekommen. Darin stand, dass die Transplantationen bei vier Kindern erfolgreich verlaufen sind. Die Nachricht war sehr schön für uns, auch wenn sie gleichzeitig schrecklich war. Aber irgendwie lebt Pablo dadurch weiter.

 

Info zur Gestaltung

Zum Schutz der Familie hat sich die Redaktion gemeinsam mit Miriam und Ralph Winkler gegen die Veröffentlichung von Fotos entschieden.

Miriam und Ralph Winkler haben sich bewusst für den Gang an die Öffentlichkeit entschieden. Sie verstehen es nach dem Tod ihres Sohnes als ihren Auftrag, Menschen für zwei Botschaften zu sensibilisieren: "Konzentriert euch auf das, was wichtig ist, denn es kann so schnell vorbei sein." Und: "Setzt euch mit dem Thema Organspende auseinander und trefft eine bewusste Entscheidung." Die Winklers haben mit Unterstützung des örtlichen Pfarrers und anderer Akteure bereits zwei Benefiz-Aktionen zugunsten des Vereins Kiwi veranstaltet, der Kinder auf der Intensivstation der Würzburger Kinderklinik unterstützt. Dabei wurden auch über 1000 Organspendeausweise verteilt. Miriam und Ralph Winkler wollen sich auch weiter ehrenamtlich für kranke Kinder und das Thema Organspende engagieren.

 

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