Niedernhaller verfolgen Prozess um toten Jungen – „war ein lieber, guter Kerle“
Ein halbes Jahr nach dem Tod eines Jungen auf einem Parkplatz in Niedernhall hat der Prozess begonnen. In der Stadt verfolgt man die Verhandlungen aufmerksam – und hofft, bald in Frieden trauern zu können.
Ein halbes Jahr ist es her, dass ein 18-Jähriger auf einem Supermarkt-Parkplatz in Niedernhall nach einem Streit einen zwölf Jahre alten Jungen überfahren haben soll. Am Mittwoch begann der Prozess gegen den Angeklagten vor dem Heilbronner Landgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor. Zum Auftakt zog es mehrere Besucher aus Niedernhall in den Gerichtssaal – es sind Tränen geflossen. In den Sozialen Netzwerken wird der Fall aufmerksam verfolgt und diskutiert, und auch unter den Bürgern ist er ein Gesprächsthema.
Erst kürzlich habe sich ein Fahrgast mit ihm darüber unterhalten, berichtet Busfahrer Ceyhan Akin. Der 57-Jährige kennt die Familie des Opfers persönlich. Täglich würden er und andere mit der Tat konfrontiert, wenn sie in dem Supermarkt einkaufen gehen. „Ich als Busfahrer bin jeden Tag daran vorbeigefahren“, erzählt er. Ein Mordurteil fände er gerechtfertigt, „wenn bewiesen worden ist, dass er absichtlich auf das Kind zugefahren ist“, sagt er. Egal wie das Urteil ausfalle, es könne jedoch nie den Schmerz der Eltern wiedergutmachen.
Tod von Kind in Niedernhall: Trauer im Ort weiterhin spürbar
In der Stadt im Hohenlohekreis ist die Trauer um den Zwölfjährigen leiser geworden, aber immer noch präsent. Spricht man Passanten darauf an, folgt zumeist ein trauriges Kopfschütteln. „Schlimm genug das Ganze“, sagt ein Spaziergänger – da müsse man das Thema nicht immer wieder aufs Neue hervorholen. So sieht es auch die Familie Titus, Betreiber des Edekas, zu dem der Parkplatz gehört. Es wäre an der Zeit, dass alle zur Ruhe kommen können, heißt es gegenüber der Heilbronner Stimme.
Seine letzte Ruhestätte hat der Junge auf dem Friedhof direkt am Kocher gefunden. Am Tatort auf dem Parkplatz ist ebenfalls eine Gedenkstätte eingerichtet worden. Geschützt von Planen, die mit Bildern des Kindes bedruckt sind, erinnert eine bunte Mischung aus Kerzen und kleinen Spielzeugen an die Tragödie, die hier passiert ist. Trauernde haben Andenken abgelegt, die sie an den Jungen erinnern: So liegen hier neben Engelsfiguren und Blumen auch eine Packung Instant-Nudeln, ein kleiner Weihnachtsbaum und eine Plastikfigur eines Demogorgon – eine Figur aus der beliebten Science-Fiction-Serie „Stranger Things“.
„Lieber, guter Kerle“ – Kampfsportlehrer erinnert an toten Jungen in Niedernhall
„Er war ein lieber, guter Kerle“, sagt Stergi Sarantoudis, der direkt gegenüber wohnt. Noch heute ist er fassungslos über die Tat. „Sowas passiert bei uns nicht, normalerweise ist es hier ruhig.“ Der Vater des Opfers besuche regelmäßig die Stelle, an der sein einziger Sohn gestorben ist. „Ich würde da ein Denkmal hinmachen“, erklärt Sarantoudis, vielleicht etwas mit einem Fahrrad. Damit sei der Junge gern unterwegs gewesen – wie an dem Tag, an dem er starb.
Auch Sarantoudis selbst setzt sich öfter in das Zelt und denkt an den Jungen, den er seit vielen Jahren kannte und in seiner Kampfsportschule unterrichtete. Wie ein Sohn sei er für ihn gewesen. „Mir kommen die Tränen, wenn ich nur an ihn denke“, sagt der 59-Jährige und wirkt sichtlich bewegt.
Der mutmaßliche Täter sei ebenfalls einmal bei ihm im Training gewesen. Gut gekannt habe er ihn nicht. Ob der 18-Jährige das Kind absichtlich überfahren hat, muss im Gerichtprozess geklärt werden. Sarantoudis’ Sohn, der ebenfalls an der Kampfsportschule unterrichtet, sei als Zeuge geladen worden.
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