Nach Tod eines Jungen (12): Niedernhall fragt noch immer nach dem Warum
Vermutlich nach einem Streit überfährt im September ein 18-Jähriger einen Zwölfjährigen auf einem Parkplatz in Niedernhall. Der Junge stirbt. Noch immer fragen sich die Menschen, warum so etwas passieren konnte.
Warum? Diese Frage treibt die Menschen nach dem 11. September nicht nur im Kochertal um. An diesem Donnerstagabend hat ein 18-Jähriger mit seinem Auto einen Zwölfjährigen – wohl nach einem Streit – auf dem Supermarkt-Parkplatz in Niedernhall überfahren.
Zwei weitere Jugendliche wurden Zeugen des schrecklichen Vorfalls: ein 16-Jähriger als Beifahrer im Auto, ein 13-Jähriger, der an diesem Abend mit seinem Freund auf Fahrrad und Roller auf dem Parkplatz unterwegs war. Auf dem Parkplatz, der sich in den kommenden Tagen zu einer Gedenkstätte für den toten Jungen verwandelte. Mit einem Meer aus Blumen, Plüschtieren, Bildern und Andenken. Mit einem Bauzaun, um den nahezu täglich dort trauernden Eltern Rückzug zu bieten.
Nach Tod von Jungen in Niedernhall: Täter in Untersuchungshaft
Warum? Diese Frage stellen sich die Menschen noch immer. Der Fahrer befindet sich seit dem 12. September in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Gutachten zu Unfallhergang werden erstellt. Aber auch zur psychischen Reife des Fahrers wird ein Gutachter vor Gericht aussagen. Denn bei jungen Erwachsenen ist es abhängig vom Grad der psychischen Reife, ob sie nach Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht zur Rechenschaft gezogen werden.
Warum? Wird es bei der Verhandlung Antwort darauf geben können? Was wird der junge Fahrer vor Gericht sagen? Was die Zeugen? Davon gab es an diesem Abend viele. Denn im Supermarkt war noch Betrieb. Die Angestellten an den Kassen beispielsweise wurden unfreiwillig Zeuge der Geschehnisse auf dem Parkplatz. Bei ihnen wie auch all den Helfern der Blaulichtfamilie, die vor Ort waren, hat sich der Abend ins Gedächtnis eingebrannt.
Täter schweigt zu den Gründen: Junge (12) starb auf Parkplatz in Niedernhall
Warum? Über diese Frage diskutierten die Niedernhaller nicht nur das erste Wochenende nach dem schrecklichen Vorfall. Doch ganz besonders intensiv eben an diesem Wochenende. Kaum jemand, der an diesem Samstag in Niedernhall einkaufen ging und nicht etwas nahe der Stelle ablegte, an der der Zwölfjährige gestorben war, kaum jemand, der bei seinen Wochenend-Besorgungen nicht Zeuge der unermesslichen Trauer der Eltern und ihrer Angehörigen wurde. Der nicht die unter die Haut gehenden Schreie der Mutter hörte, die mitgebrachte Musik. Kaum jemand, der nicht den Vater sah, wie er eingesunken vor den Bildern, Blumen und Kerzen saß.
Auf dem Parkplatz und im Städtle sprechen die Menschen über die Tat. Sie können es nicht fassen. Eigentlich ist Niedernhall am letzten Wochenende der Sommerferien das Mekka der Läufer. Das beliebte Event von Ebm-Papst zieht die Sportler und ihre Familien an. Gleich am Freitag diskutieren die Organisatoren mit Bürgermeister Achim Beck, ob und gegebenenfalls wie die Veranstaltung nach den unfassbaren Ereignissen stattfinden soll. Auch weil es die Eltern des toten Jungen wünschen, werden die Läufe am Samstag und Sonntag gestartet. Still. Mit ergreifenden Worten von Pfarrer Jakobus Hartmann. In Anwesenheit der Eltern.
Nach der Tat stille Starts beim beliebten Lauf-Event in Niedernhall
Auch Bürgermeister Achim Beck spricht bewegende Worte an diesem Morgen. Ehe er dann selbst auf die Halbmarathon-Strecke geht. Sicher auch, um den Kopf freizubekommen nach den zurückliegenden Stunden, die von ihm als Stadtchef viele Entscheidungen forderten. Nicht nur, dass er schon in der Tatnacht vor Ort war und vieles in die Wege leitete. So wurden von Notfallseelsorge und dem Pfarrer-Ehepaar schon am Wochenende Angebote organisiert. Mit Schulleiter Jochen Scheufler der Schulbeginn vorbereitet. Wie den Mitschülern das Unerklärbare vermitteln? Wie der Trauer Raum geben? Mit einer Klagemauer und einem Raum der Stille und vielen Gesprächsangeboten wurde der Herausforderung begegnet.
Bewegende Worte für getöteten Jungen bei Gedenkfeier in Niedernhall
Bürgermeister Achim Beck zeigte auch in der öffentlichen Bewältigung der Trauer großes Fingerspitzengefühl. Souverän beantwortete er Presseanfragen, schützte aber auch die Angehörigen der Opfer vor zu dreisten Medienvertretern. Und manchmal auch vor sich selbst.
Für alle sichtbares Beispiel war der öffentliche und dabei sorgsam und die Angehörigen schützende Gedenk-Gottesdienst knapp zwei Wochen nach der Tat in der bis auf den letzten Platz gefüllten Laurentiuskirche. In emotionalen Reden gedachte die Schulfamilie des Jungen mit dem gewinnenden Lachen. Und natürlich fragten auch sie nach dem Warum.
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