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Islamwissenschaftler zu Ostern: Jesus gilt auch im Koran als Messias

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Wie reagieren Muslime auf einen christlichen Feiertag wie Ostern? Welche Rolle spielt Jesus im Islam? Das verrät Professor Erdal Toprakyaran vom Zentrum für Islamische Theologie im Interview.

Prof. Dr. Erdal Toprakyaran ist Professor für Islamische Geschichte und Gegenwartskultur am Zentrum für Islamische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.
Prof. Dr. Erdal Toprakyaran ist Professor für Islamische Geschichte und Gegenwartskultur am Zentrum für Islamische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.  Foto: privat

Wenn Ostern naht, gibt es in Deutschland kaum ein Entkommen: Überall Deko-Artikel oder Schoko-Figuren. Ostern ist im Kern aber ein christlicher Feiertag. Wie wirken die Traditionen dann auf Menschen, die nicht christlich, sondern muslimisch geprägt sind? Die Stimme hat dazu bei Erdal Toprakyaran, Professor für Islamische Geschichte und Gegenwartskultur an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, nachgefragt.

Ostern: So reagieren Muslime in Deutschland auf den christlichen Feiertag

Wie wird Ostern von muslimischen Kreisen hierzulande wahrgenommen?

Erdal Toprakyaran: Wir sehen zum einen Muslime, die da eher skeptisch sind und sich nicht an Feiertagen anderer Religionen beteiligen möchten. Aber mehrheitlich kann ich sagen, wird Ostern als auch Weihnachten von Muslimen in Deutschland und auch in Baden-Württemberg als etwas sehr Positives wahrgenommen. Ich weiß, dass viele mitfeiern, also selbst Eier bemalen oder die Kinder mit Süßigkeiten beschenken und einfach Freude an dieser kulturellen Seite von Ostern und ähnlichen Feiertagen haben.

Wieso lehnen manche Muslime diese Seite der Feiertage ab?

Toprakyaran: Weil manche Muslime eben davon überzeugt sind, dass man Religionen und religiöse Traditionen nicht vermischen sollte. Es gibt immer wieder Muslime, die dann eher vielleicht auch konservativer oder puristischer sind, die sagen: Nein, bitte keine fremden Symbole übernehmen, denn dadurch verändert sich dann auch unsere Theologie und gesamte religiöse Haltung.

Islamwissenschaftler erklärt, wie Muslime christliche Feiertage wahrnehmen

Was gilt für andere Feiertage, wie zum Beispiel Pfingsten?

Toprakyaran: Also Weihnachten und Ostern spielen da eine vordergründigere Rolle. Zum Beispiel bei Ostern ist der Osterhase oder sind es die Ostereier, die von muslimischen Familien gerne übernommen werden. Bei Weihnachten ist es zum Beispiel der Weihnachtsbaum, der von Muslimen zumeist als etwas sehr Schönes wahrgenommen wird. Da ist es einfach offensichtlicher, dass andere oder fremde Traditionen übernommen werden. Bei Pfingsten gibt es da keine so sichtbaren Symbole, die übernommen werden.

2026 haben sich auch die christliche Fastenzeit vor Ostern und der islamische Fastenmonat Ramadan überschnitten...

Toprakyaran: Tatsächlich kommt es jedes Jahr zu spannenden Überschneidungen bei den christlichen, jüdischen und muslimischen Feiertagen. Da sehen wir, wie viele Gemeinsamkeiten es gerade in den abrahamitischen Religionen gibt. Es ist schön, dass man eben diese Fastentradition kennt, sowohl im Christentum als auch im Islam, aber leicht unterschiedlich interpretiert und praktiziert. Es gibt auch immer sehr viele interreligiöse Veranstaltungen und Treffen, bei denen man sich bewusst machen kann, wie viele Gemeinsamkeiten man hat. Wobei man natürlich immer auch über die Unterschiede reden muss. Und die sind ja auch schön. Das ist Vielfalt, das ist Diversität.

Zur Person:

Erdal Toprakyaran hat an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg Islamwissenschaften und Ethnologie studiert und dort auch promoviert. In Tübingen, wo der 52-Jährige heute wohnt, lehrt er am Zentrum für Islamische Theologie.

Islamwissenschaftler verrät: So gedenken Muslime Jesus

Jesus, auf den die meisten christlichen Feiertage zurückgehen, ist kein Unbekannter im Islam. Welche Rolle spielt er?

Toprakyaran: Natürlich spielt Muhammed die zentrale Rolle im Islam. Jesus spielt nicht dieselbe Rolle. Aber gerade Propheten wie Jesus, Moses und Abraham, sind dennoch wichtig, weil sie im Koran an vielen Stellen genannt werden. Jesus wird, wenn ich mich richtig erinnere, 25 Mal im Koran namentlich erwähnt. Maria sogar noch häufiger, 34 Mal müssten es sein. Bei Jesus kommt noch hinzu, dass er im Koran etwa als Wort Gottes bezeichnet wird, an anderer Stelle als Geist Gottes. Er wird als Messias bezeichnet. Also dass er der Messias ist, ist somit auch im Islam anerkannt.

Wird an christlichen Feiertagen dann mehr über Jesus gesprochen?Toprakyaran: Feiertage sind ein Grund zu reflektieren, was den Religionen und religiösen Menschen wichtig ist. An Festtagen finden häufig interreligiöse Veranstaltungen statt, auf denen über Gemeinsamkeiten, etwa die Bedeutung von Jesus, gesprochen wird.

Wie wird Jesus heute im Islam gedacht?

Toprakyaran: Sehr oft, weil Jesus im Koran immer wieder genannt wird und die islamischen Gottesdienste noch sehr Koran-bezogen sind. Da taucht Jesus auf, da taucht Maria auf, da taucht Johannes der Täufer auf. Aber auch darüber hinaus wird Jesus immer genannt, wenn es darum geht, dass man ein spiritueller Mensch sein soll. Er ist vielen Muslimen heute noch ein großes Vorbild – auch in Predigten kommt er oft vor. Er wird oft als einer der fünf wichtigsten Propheten genannt.

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