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Fünf Kordovská-Tore reichen nicht: Tschechien wartet weiter auf ersten WM-Punkt

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Eine verdiente Halbzeit-Führung, fünf Tore Vorsprung, doch am Ende erneut kein Sieg: In Stuttgart unterliegen Sport-Union-Akteurin Kamila Kordovská und Tschechien einem spielfreudigen Brasilien.

Fünf Mal konnte Kamila Kordovská über eigene Treffer jubeln, doch nach 60 Minuten gab es für Tschechien in Stuttgart die zweite Niederlage.
Fünf Mal konnte Kamila Kordovská über eigene Treffer jubeln, doch nach 60 Minuten gab es für Tschechien in Stuttgart die zweite Niederlage.  Foto: IMAGO/Vaclav Salek

Die Vorzeichen standen gut, die Chancen waren da, doch am Ende musste Kamila Kordovská als eine von Tschechiens erfahrenen Führungsspielerinnen am Samstagabend doch wieder an zahlreichen Mikrofonen in den Katakomben der Stuttgarter Porsche-Arena erklären, warum sie und ihre Teamkolleginnen auch ihre zweite Partie bei dieser Handball-Weltmeisterschaft verloren hatten.

Mit 22:28 (15:12) unterlag die Rückraum-Spielerin der Sport-Union Neckarsulm mit ihrer Landesauswahl spielfreudigen Brasilianerinnen, die Tschechien in den zweiten 30 Minuten dank ihrer bestens aufgelegten Torhüterin Renata Arruda (41 Prozent Paradenquote) bei nur sieben Toren hielten.



„Obwohl es ein anderes Spiel als gegen Schweden war, war es doch ähnlich wie im ersten Spiel, als wir in den letzten zehn Minuten die wichtigen Tore aus sechs Metern nicht machen und uns von Technischen Fehlern herunterziehen lassen“, sagte Kordovská. „Es waren zwar zwei unterschiedliche Gegner − Schweden spielt mit ein bisschen mehr Kraft und Brasilien eher schnell und aggressiv −, aber beide waren eigentlich schlagbar. Deswegen ist es wirklich schade, dass wir aus unseren Fehlern nicht gelernt, sondern heute wieder verloren haben“, konstatierte die Neckarsulmerin.

Brasilianische Leichtigkeit bereits beim Aufwärmen

Tschechien und Brasilien hatten in der Landeshauptstadt den zweiten Vorrunden-Spieltag in Gruppe G eröffnet. Bereits im Vorfeld hatte sich abgezeichnet, dass die Mitteleuropäerinnen und die Südamerikanerinnen den zweiten Platz hinter Gruppenfavorit Schweden und damit die bessere Ausgangsposition für die Hauptrunde unter sich ausmachen würden, was dem Duell zusätzlichen Reiz verliehen hatte.

Nach ihrer 23:31-Auftakt-Niederlage gegen Schweden am vergangenen Donnerstag stand die Auswahl des Kurzzeit-Trainers der HB Ludwigsburg, Tomáš Hlavatý, zudem unter Zugzwang. Denn die Brasilianerinnen hatten den Rückenwind des 41:20-Erfolgs gegen Kuba im Gepäck und wippten bereits beim Aufwärmen mit der ihren eigenen Leichtigkeit zu den Klängen des Vengaboys-Eurodance-Hits „To Brazil!“ munter mit.

Kamila Kordovská nimmt ihre Chef-Rolle sofort an

Doch mit ebenjener brasilianischen Leichtigkeit war es mit Spielbeginn zunächst vorbei, weil Kordovská in ihrem 106. Länderspiel als Chefin im tschechischen Spiel gleich ihre Führungsrolle annahm. Wenig Hektik, ruhige, überlegt aufgebaute Angriffe initiierte die Spielmacherin und traf nach wenigen Sekunden auch gleich zum 1:0.

Auch für das 4:2 in der fünften Spielminute zeichnete die 27-Jährige, die eine von vier Spielerinnen der Sport-Union Neckarsulm bei diesem Turnier ist (nur die HSG Blomberg-Lippe und Borussia Dortmund stellen von den elf Bundesligisten mehr Nationalspielerinnen ab), verantwortlich.


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Bei dieser Weltmeisterschaft mittendrin war am Samstagabend auch der Nachwuchs der Sport-Union Neckarsulm, der bei einem Internet-Gewinnspiel des Baden-Württembergischen Handball-Verbands (BWHV) den zweiten Platz belegt hatte, und als Preis beim Einlauf beider Mannschaften vor der Partie Spalier stehen durfte.

Cholevová und Smetková nutzen freie Räume

Vom Spalier stehen waren die Brasilianerinnen zwar weit entfernt, hatten aber auch so zunächst größte Mühe, Tschechiens Rückraum-Trio um Kordovská, Charlotte Cholevová (TuS Metzingen) und Valerie Smetková in Schach zu halten. Die Neckarsulmerin wich aus dem Zentrum immer wieder auf die Halbpositionen aus, um den von dort einlaufenden, wurfgewaltigen Teamkolleginnen entsprechende Lücken aufzureißen. Im Zweifel endeten die tschechischen Angriffe dann erst in den Händen von Ex-Bietigheimerin Gabriela Moreschi zwischen den Pfosten des brasilianischen Tores.


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Weil Kamila Kordovská auch in der Abwehr an der Seite von wahlweise Julie Franková, Anna Jestříbková oder Veronika Vávrová im Innenblock gefordert war, gestand Hlavatý der gebürtigen Pragerin mehrfach kleine Verschnaufpausen zu. Eine erste schloss sich nach 13 Minuten direkt an eine Zwei-Minuten-Strafe an. Im ersten Turnierspiel gegen Schweden waren zwei frühe Zeitstrafen nach zwölf Minuten Kordovská größtes Handicap gewesen.

Mit Blick auf eine drohende Disqualifikation waren für die Rechtshänderin daher nicht mehr als 35 Spielminuten und zwei Tore drin gewesen. Am Samstagabend gegen Brasilien hatte sie zur 15:12-Pausenführung bereits drei Treffer beigetragen und am Ende bei einer 83-prozentigen Trefferquote über 52 Minuten auf der Platte gestanden.

Bruna de Paula tanzt durch Tschechiens Abwehr

Nach der Halbzeit baute Tschechien, aus dessen Kader die ehemalige Neckarsulmerin Veronika Andrysková (DHK Baník Most) kurz vor Turnierbeginn noch gestrichen worden ist, seine Führung zunächst auf fünf Tore aus. Ein Aufsetzer-Tor Kordovskás zum 18:14 gab nach einer ersten kurzen Schwächephase in der 40. Spielminute zunächst wieder ein wenig Sicherheit.



Mächtig Spaß machte den 5527 Zuschauern in der abermals ausverkauften Stuttgarter Porsche-Arena allerdings auch Brasiliens Bruna de Paula. Die flinke Halblinke vom ungarischen Spitzen-Club Győri ETO KC bekam der tschechische Abwehrverbund ein ums andere Mal nicht verteidigt, so dass es nach 44 Minuten wieder Unentschieden (18:18) stand.

„Die Atmosphäre ist unglaublich. Man kann den ganzen deutschen Zuschauen nur Danke sagen, dass sie auch zu den Spielen unserer Gruppe kommen, obwohl die deutsche Mannschaft hier heute gar nicht spielt“, sagte Kamila Kordovská im Nachgang. „Und auch die tschechischen Fans waren in den Kurven zu hören und haben uns unterstützt; das ist wirklich toll.“

Tschechien verliert ohne Kordovská die Führung

Als die Partie zu kippen drohte, ermahnte Kamila Kordovská ihre Teamkolleginnen zunehmend zur Ruhe − nur keine Hektik aufkommen lassen, weder im Kopf noch auf dem Feld − und ging selbst voran: Ihr Treffer zum 20:19 hatte jedoch nur kurz Bestand, weil Giulia Guarieiro mit einer Körpertäuschung Gegenspielerin Kordovská geschickt deren zweite Zeitstrafe aufbürdete. Von draußen musste die Neckarsulmerin danach mit ansehen, wie Brasilien in Überzahl die Führung übernahm.

„Es war ein super körperliches Spiel, das wir in der ersten Hälfte auch super angenommen haben; da haben wir wirklich guten Handball gespielt. Aber die Frage war bereits da, ob wir das mehr als 45 Minuten aufrechthalten würden könnten“, sagte Trainer Tomáš Hlavatý im Nachgang, als die Antwort bereits gegeben worden war. „Ich bin dennoch stolz auf meine Mannschaft, denn wir haben gegen eine Mannschaft, die weiß, wie man WM-Spiele gewinnt, lange ein gutes Spiel gezeigt.“


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Hlavatý schätzt Kordovskás Erfahrung und Führungsqualitäten

Doch zunächst hatte Hlavatý seine Spielmacherin, anders als nach ihren zwei Zeitstrafen gegen Schweden, nach abgesessener Strafe direkt wieder zurück aufs Feld geschickt. Zu wichtig waren die zwei auf dem Spiel stehenden Punkte und zu ausgeglichen die Partie, als dass er in dieser Phase auf Kordovskás Abgeklärtheit hätte verzichten können.

„Eine Turnier-Erfahrung wie Kamila sie hat, haben wir im Kader sonst nur sehr wenig. Sie ist daher eine unserer zentralen Spielerinnen, eine unserer Spielführerinnen. Sie spielt in der deutschen Bundesliga und hat einen riesigen Einfluss auf unsere Mannschaft“, charakterisierte Hlavatý die 27-Jährige. „Ihre Spielorganisation war gut; ich bin mit ihrer heutigen Leistung zufrieden und darüber hinaus glücklich, sie als Teil der Mannschaft zu haben.“

Junge Mannschaft befindet sich noch in der Entwicklung

Doch weil auch Tschechiens Top-Star Veronika Kafka Malá von Norwegens Meister Storhamar HE auf der linken Außenbahn nicht ihren besten Arbeitstag verlebte und Renata Arruda nun im Tor der Brasilianerinnen zu Höchstform auflief, bauten die Südamerikanerinnen ihre Führung in den letzten zehn Spielminuten kontinuierlich aus.



„Wir haben eine junge Mannschaft und sind in der Entwicklung noch nicht soweit, aber wir werden weitermachen, hart arbeiten und die Spielerinnen davon überzeugen, dass dieser Weg der richtige ist, denn wir wollen uns in der nächsten Runde mit den guten Mannschaften messen“, sagte Tomáš Hlavatý mit Blick auf den weiterhin möglichen Hauptrunden-Einzug.

„Ich glaube, es ist normal, dass wir heute ein bisschen enttäuscht sind; das gehört auch dazu. Aber in diesem Turnier geht es so schnell, dass man den Kopf nicht so lange hängenlassen kann. Ab morgen richtet sich der Fokus direkt auf Kuba und da müssen wir auf jeden Fall Punkte sammeln, damit wir nach Dortmund kommen“, sagte Kamila Kordosvká. Gegen die krassen Außenseiterinnen aus der Karibik zählt für Tschechien am Montag (18 Uhr/SportEurope.tv) nun nur ein Sieg.


Tschechien: Novotná (10 Paraden); Wizurová − Zachová (2), Smetková (4), Kordovská (5), Jestříbková (2), Cholevová (4), Kafka Malá (2); Pejšová, Šustáčková (2), Desortová (1), J. Franková, A. Franková, Vávrová, Holečková, Kubálková.

Erfolgreichste Werferinnen Brasilien: Bruna de Paula (7), Mariane Fernándes (7).

Schiedsrichter: Mads Hansen/Jesper Madsen (Dänemark).

Siebenmeter: Brasilien: 1/1; Tschechien: 0/1.

Zeitstrafen: 3/3.

Zuschauer: 5527 (ausverkauft).

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