Volle Hallen, schwarze Bildschirme: Frauen-WM und TV-Publikum finden noch nicht zusammen
Großes Interesse, vielversprechender Ticketverkauf: Handball-Deutschland ist schon in der ersten Turnierwoche im WM-Fieber. Neuen Frust gibt es hingegen rund um die Übertragung der WM-Spiele.

Ein erfolgreicher Start ins Turnier, viel gute Laune in der und rund um die deutsche Mannschaft und gut besuchte Spiele: Die Handball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland und den Niederlanden hat aus deutscher Sicht in den vergangenen Tagen einen vielversprechenden Start hingelegt.
Was den Deutschen Handballbund (DHB) besonders freut, ist das große Interesse am Turnier, das sich in der öffentlichen Wahrnehmung, aber auch im Ticketverkauf widerspiegelt. Bei jedem der acht bisher an den deutschen Spielorten Stuttgart und Tier ausgetragenen Vorrundenspielen waren über 1500 Zuschauer in der Porsche-Arena beziehungsweise der SWT-Arena.
DHB ist guter Dinge, seine Ticketverkaufsziele zu erreichen
58 bis 59 Prozent der Tickets für die Partien in Deutschland seien bereits kurz vor Beginn des Eröffnungsspiels verkauft gewesen, nennt Mark Schober, Vorstandsvorsitzender des DHB, vielversprechende Zahlen. „Das Ziel war, zwischen 66 und 70 Prozent zu erreichen und wir sind sehr optimistisch, dass das gelingt. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass die Menschen, wenn das Turnier erst einmal losgegangen ist, für die Hauptrunde in Dortmund die noch zur Verfügung stehenden Karten kaufen werden, da bin ich mir ziemlich sicher.“
Für den Deutschen Handballbund ist der Kartenverkauf nicht nur angesichts des Strebens nach mehr Aufmerksamkeit für den Frauen-Handball, sondern auch aus finanziellen Gründen ein wichtiges Thema. „Wir hoffen, dass die Hallen gut gefüllt sind, denn unsere einzige Einnahme (bei diesem Turnier, Anm. d. Red.) ist das Ticketing“, sagt DHB-Präsident Andreas Michelmann.
„Stuttgart kann Handball“: Xenia Smits ist von der Atmosphäre begeistert
Vor allem Stuttgart hat als Gastgeberstadt bislang mit einem handballbegeisterten Publikum von sich Reden gemacht. 2122 Zuschauer sahen am frühen Donnerstagabend die Partie Brasilien gegen Kuba (41:20), die auf dem Papier eigentlich nicht zu den größten Kracherspielen des Turniers zählte. Das Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Island (32:25) war mit 5527 Zuschauern sogar restlos ausverkauft gewesen. Gleiches ist am Freitagabend (18 Uhr/SportEurope.tv) beim zweiten Gruppenspiel der DHB-Auswahl gegen Uruguay zu erwarten.

„Die Atmosphäre in der Halle ist super, das ist genauso, wie man es sich vorstellt. Stuttgart kann Handball“, adelte Nationalspielerin Xenia Smits die Landeshauptstadt nach dem Eröffnungsspiel und Andreas Michelmann sprach von einer „hervorragenden Gastgeberstadt für die Weltmeisterschaft“.
Free-TV-Übertragungen mit DHB-Beteiligung erst ab dem Viertelfinale
Was bei aller Herrlichkeit hingegen weiter für Diskussionen sorgt, sind die Live-Übertragungen der Spiele. Die Rechte an allen 108 WM-Partien hatte sich bereits vor dem Zuschlag an Deutschland als Co-Gastgeber des Turniers das Internet-Portal SportEurope.tv gesichert, bei dem für jedes Einzelspiel sechs Euro oder für alle Turnierspiele 15,99 Euro bezahlt werden müssen.
ARD und ZDF entschieden sich gegen die Übertragung der Spiele der deutschen Mannschaft während der Vor- und Hauptrunde und setzen stattdessen auf Highlight-Ausschnitte in ihren Sport- und Nachrichtensendungen. Im Free-TV gibt es die Spiele der deutschen Mannschaft in voller Länge daher ausschließlich zeitversetzt, im sogenannten Re-Live, bei Eurosport.
DHB-Verantwortliche äußern sich zur TV-Situation
„Es ist natürlich immer schön, wenn die Spiele in den Öffentlich-Rechtlichen kommen. Jetzt haben wir die Situation, dass SportEurope zurecht der Live-Partner ist“, ordnet DHB-Sportvorstand Ingo Meckes die Rechtelage ein.
Der gebürtige Heilbronner verweist jedoch auch auf den weiteren Turnierverlauf, bei dem im Falle eines Viertelfinal-Einzugs der deutschen Mannschaft mindestens ein Spiel live im Free-TV zu sehen sein wird: „Mit zunehmender Dauer des Turniers wird ja dann auch die Möglichkeit bestehen, die Spiele im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anzuschauen, was natürlich für uns dann auch von der Reichweite her schön ist.“
ARD und ZDF verweisen auf begrenzten Etat
Weit weniger diplomatisch äußerte sich DHB-Chef Michelmann, der via „Bild“ schimpfte: „Das haben unsere Frauen nicht verdient. Dass die ARD nicht in der Lage ist und man die WM mit dem zweiten Auge auch nicht besser sieht beim ZDF ist schlicht und ergreifend eine Schande. Das ist einfach schlimm und macht mich richtig sauer.“ ARD und ZDF seien mit ihrem Rechtevermarkter „im Tiefschlaf“ gewesen, obwohl sie die WM „wirklich preisgünstig hätten haben können“.

Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur erklärten die öffentlich-rechtlichen Sender, die Etats von ARD und ZDF für den Erwerb von Sportrechten seien begrenzt. „Aus diesem Grund − und weil sie zum Zeitpunkt der Rechtevergabe nicht Bestandteil der programmlichen Strategie war − hatten die öffentlich-rechtlichen Sender keine Live-Rechte an der Frauen-Handball-WM erworben, dafür aber bereits damals sehr umfassende Nachverwertungsrechte.“
Bundestrainer Gaugisch sieht TV-Reichweite als Triebfeder
Bundestrainer Markus Gaugisch hätte sich beim Heim-Turnier mit Blick auf die Entwicklung des Frauen-Handballs mehr als das gewünscht. „Eine Übertragung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern würde uns guttun. Je größer die Reichweite und je mehr Menschen die Spiele sehen können, desto leichter wäre es, Vorbilder zu schaffen“, sagt der 51-Jährige.
Vor allem die Übertragungen der Spiele der Nationalmannschaft bei den Olympischen Sommerspielen im Vorjahr in Paris hätten dem Frauen-Sport in dieser Hinsicht sehr gutgetan. „Vorher kannten Mädels im ganz jungen Alter punktuell mal Spielerinnen, wenn ich sie gefragt habe. Sonst aber eher einen Juri Knorr, Andi Wolff und Julian Köster; eben weil die Spielerinnen noch nicht so präsent waren. Wenn ich aber nach den Olympischen Spielen mal gefragt habe, konnten die alle Spielerinnen nennen. Von daher war das ganz wichtig, um Vorbilder zu schaffen“, betont Gaugisch.
Kein Bild, kein Ton: Eurosport steigt nach fünf Minuten aus
Zu allem Überfluss lief nun auch noch, wie die „Bild“ am Donnerstag berichtete, die zeitversetzte Eurosport-Übertragung beim ersten Turnierspiel der DHB-Auswahl gegen Island nicht wie gewünscht. Bildaussetzer und Tonprobleme führten dazu, dass der Sender die Übertragung in der sechsten Spielminute beim Stand von 5:4 vorzeitig abbrach und stattdessen eine Aufzeichnung des Skispringens aus dem schwedischen Falun ins Programm nahm.

„Es gab im linearen Eurosport-Playout leider kurzfristige technische Probleme, die nicht auf die Schnelle gelöst werden konnten“, erklärte Eurosport auf „Bild“-Nachfrage. Die beiden weiteren deutschen Vorrundenspiele am Freitagabend gegen Uruguay und am Sonntagabend gegen Serbien (jeweils 18 Uhr) sollen dann im Re-Live ab 22 Uhr ohne Probleme und in voller Länge übertragen werden.




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