Tödliches Herpes-Virus: Ausnahmezustand im Ilsfelder Reitstall Schlüsselburg

Reitsport  Auch im Stall des deutschen Kaderreiters Sven Schlüsselburg ist die EHV-1, eine Variante des Herpes-Virus ausgebrochen. Sechs Fohlen und zwei Pferden kostete sie das Leben - und bedroht damit auch die Existenz des Hofs der Schlüsselburgs. Der Weltverband FEI hat eine Untersuchung angekündigt.

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Das ist derzeit die bange Frage in vielen Ländern: Herpes-Infektion, ja oder nein? Eine Tierärztin nimmt in der Nase eines Pferdes eine Probe.

Foto: imago images/Belga

Sie lachen tatsächlich kurz auf. Romina und Sven Schlüsselburg haben sich Zeit genommen, am Telefon ihre Geschichte zu erzählen. Es ist eine schreckliche Geschichte. "Wir haben uns immer über Corona beschwert", sagt Romina Schlüsselburg, lacht auf und schiebt seufzend nach: "Aber es geht definitiv noch schlechter." Im Stall der Schlüsselburgs oberhalb von Ilsfeld ist EHV-1 ausgebrochen, eine Variante des Herpes-Virus.

Alle Stallungen seien betroffen, sagt Nationenpreisreiter Sven Schlüsselburg, von den 60 Pferden vergangene Woche 21 positiv getestet worden. "Wir haben sechs tote Fohlen, zwei tote Pferde, eines hängt in den Seilen." Sprichwörtlich. In gewisser Weise der ganze Hof, die ganze Familie: "Wir sind alle komplett an der Grenze", sagt die Frau des 39-jährigen Springreiters, der versucht, seine Gefühlswelt zu beschreiben: "Wir sind traurig, bangen weiterhin um unsere Pferde. Und wir sind so sauer." Auf die Veranstalter der "CES Valencia Tour". Wo das Unheil begann.

Info über Ausbruch kam erst zwölf Tage nach der Abreise

Erst am zwölften Tag nach seiner Abreise mit den acht Pferden habe er aus Valencia die Information bekommen, dass es einen Herpes-Ausbruch gegeben habe, schimpft Sven Schlüsselburg: "Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich ja erst gar nicht nach Hause!" Und hätte nicht seinen Hof und seine Existenz gefährdet. Eine Woche war im Pferdeleistungszentrum Engelsberg alles bestens. "Da war nichts." Kein Fieber bei den Tieren, keine Appetitlosigkeit.

Der Kaderreiter, der auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio ist, reiste mit seinem Ausnahmesportler Bud Spencer sowie Nascari zur Global Champions Tour nach Doha. Beide Tiere wurden dort negativ getestet - eine Woche später positiv. "Es geht ihnen gut, die Versorgung ist super. Sie müssen insgesamt 21 Tage dort bleiben. Meine Schwester ist noch vor Ort." Sven Schlüsselburg flog am Sonntag zurück nach Hause. Ins Chaos. Zum Schrecken.

Ausnahmezustand in Schlüsselburgs Stall

Da war die Welt in jeglicher Hinsicht noch in Ordnung: Sven Schlüsselburg im November 2019 mit Bud Spencer beim Weltcup in Stuttgart.

Foto: Archiv/imago images/Hartenfelser

Übertragung durch Kleidung, Hund und Luft möglich

"Das Virus ist überall", sagt Sven Schlüsselburg. Seine Frau ergänzt: "Es kann über Kleidung, auch einen Hund und die Luft übertragen werden." Deshalb müssen Einweg-Anzüge und Kopfbedeckung getragen werden - Wechsel bei jedem Pferd. Betroffene Tiere können sich nicht mehr auf den Beinen halten, werden von Schlingen gestützt, brauchen rund um die Uhr Hilfe, weil sie auch nicht mehr Urin und Kot absetzen können. "Es ist schrecklich anzusehen", sagt die Mutter zweier Kinder. Der Tierarzt sei quasi permanent da, zudem sei die Tierrettung Südbaden eine große Hilfe. Und die Freunde und Verwandten.

"Wir hoffen, dass wir das Schlimmste durchgestanden haben", sagt Romina Schlüsselburg. Aber es gebe drei Stuten, die noch ein Fohlen haben. Fünf Fohlen waren in den vergangenen Tagen tot geboren worden, eines habe noch drei Minuten gelebt. Eine Stute, die die Erkrankung überstanden habe, müsse nun wieder laufen lernen - in den Sport wird sie nicht zurückkehren können.

Schlüsselburg: Wir haben keinen Fehler gemacht

Wie es weitergeht? "Es muss weitergehen, man muss sich wieder aufraffen", sagt Schlüsselburg. War es das mit seinem Traum von Olympia? Bundestrainer Otto Becker rufe dauernd an, erkundige sich nach den Pferden. "International ist erst einmal alles abgesagt. Es muss Ruhe einkehren, dann besprechen wir uns", so Schlüsselburg. Sein Betrieb müsse jetzt erst einmal drei Wochen lang komplett negativ getestet sein. "Wir arbeiten seit Generationen mit Pferden, so etwas hatten wir noch nie", sagt Sven Schlüsselburg. "Wir haben keinen Fehler gemacht. Dass wir trotzdem erwischt werden, ist unfassbar." Was ihn etwas beruhigt: Sabrina Ibáñez, Generalsekretärin des Weltverbandes FEI, hat am Dienstag erklärt, dass die Umstände des Ausbruchs in Valencia untersucht werden.

Die Schlüsselburgs hoffen, dass nun mehr über das Herpes-Virus bei Pferden nachgedacht wird: Es gebe beispielsweise keine Impfplicht - wobei auch geimpfte Tiere erkrankt seien. Gibt es bessere Medikamente? EHV-1 wirft Fragen auf. So wie Covid-19. Da wie dort geht es um Leben und Tod.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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