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Nach Unglück in Lissabon: Wie sicher sind Standseilbahnen in Künzelsau und Stuttgart?

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Tote und Schwerverletzte sind nach dem Seilbahn-Unglück in Lissabon zu beklagen. Können sich Fahrgäste der Standseilbahnen in Künzelsau und Stuttgart trotzdem weiter sicher fühlen?

Von Bernd Günther

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Der Unfall der beliebten und berühmten Standseilbahn „Elevador da Gloria“ in der portugiesischen Hauptstadt erschüttert die Menschen. Am Mittwochabend ist auf der steilen Strecke in Lissabon ein Wagen entgleist.

Die Bahn soll laut Augenzeugen mit hoher Geschwindigkeit die Straße heruntergerast sein. Ein Wagen kippte um und prallte mit voller Wucht gegen eine Hausfassade. Mindestens 16 Menschen kamen ums Leben, viele Fahrgäste sind schwerverletzt.

Nach Unglück in Lissabon: Standseilbahnen verkehren auch in Künzelsau und Stuttgart

Das tragische Unglück in Lissabon wirft grundlegende Fragen zur Sicherheit von Standseilbahnen auf. Immerhin gilt dieses Seilbahnsystem unter Verkehrsexperten als attraktives Verkehrsmittel, das leistungsfähig und umweltfreundlich ist.


Auch in Süddeutschland sind Anlagen im Einsatz. So gibt es in Stuttgart eine Bahn, die 1929 erbaut wurde. Zudem wird auch in Künzelsau im Hohenlohekreis seit 1999 eine Standseilbahn betrieben, die das im Tal gelegene Zentrum von Künzelsau mit dem Stadtteil Taläcker auf der Höhe verbindet.

Die Bergbahn im Kochertal überwindet bei ihren Fahrten auf der gut einen Kilometer langen Strecke einen Höhenunterschied von rund 170 Metern.

Standseilbahn in Künzelsau: Viele Schüler unter den 700.000 Fahrgästen jährlich

Die Anlage ist für Besucher der Stadt eine Attraktion. Sie dient aber nicht nur touristischen Zwecken, sondern ist in Künzelsau fester Bestandteil des öffentlichen Nahverkehr Hohenlohekreis (NVH). Nach Angaben einer Sprecherin der Stadt zählt die im 15-Minuten-Takt verkehrende Bahn rund 700.000 Fahrgäste im Jahr. 

Unter ihnen seien auch viele Schüler und Schülerinnen, die so in dreiminütiger Fahrt ihre Schule im anderen Stadtteil erreichten. Die Bahn verkehrt vollautomatisch, ein Mitarbeiter in der Station wache jedoch über den Betrieb und die Kontrollsysteme.

Die Künzelsauer Bergbahn verbindet seit 1999 die Innenstadt mit dem Stadtteil Taläcker.
Die Künzelsauer Bergbahn verbindet seit 1999 die Innenstadt mit dem Stadtteil Taläcker.  Foto: Stadtverwaltung Künzelsau

Die Bergbahn wird seit 25 Jahren betrieben, was die Stadt am 13. und 14. September mit einem Bergbahnfest feiert. Zu einem Störfall mit Verletzten sei es noch nie gekommen, hebt die Sprecherin der Stadt hervor.

Sicherheit der Seilbahnen in Künzelsau: Landesbergdirektion prüft Betriebserlaubnis jährlich

Im Jahr 2015 sei die Bergbahn generalsaniert worden. Die letzte der regelmäßigen Wartungen sei vor zwei Wochen vorgenommen worden. Dass die Wartungsintervalle eingehalten werden, darüber wacht als Aufsichtsbehörde die Landesbergdirektion beim Regierungspräsidium Freiburg. Nach erfolgreich abgeschlossener Hauptuntersuchung erteilt die Landesbergdirektion die Betriebserlaubnis jährlich aufs Neue.

Bis zu 80 Fahrgäste dürfen in der Künzelsauer Bergbahn bei einer Fahrt einsteigen.
Bis zu 80 Fahrgäste dürfen in der Künzelsauer Bergbahn bei einer Fahrt einsteigen.  Foto: Reichert, Ralf

Bei den Seilbahnen dieser Art liegt der Fokus auf dem Verschleiß und dem Alter der Systeme. So besteht ein erhöhtes Risiko für Materialermüdung – weswegen sicherheitsrelevante Komponenten wie Seile und Bremsen regelmäßig überprüft werden müssen.  

Der Unterschied zur herkömmlichen Luftseilbahn, an der die Kabinen hängen, ist bei Standseilbahnen, dass die Wagen auf Schienen oder anderen festen Führungen fahren. Dabei werden sie von einem oder mehreren Stahlseilen gezogen und nicht wie bei Luftseilbahnen getragen. Der Antrieb erfolgt heute in der Regel über einen Elektromotor in der Bergstation.

Die Bahnen können auf kurzer Strecke erhebliche Höhenunterschiede überwinden. Die Bremssysteme sind dadurch extremen Belastungen ausgesetzt. Notfallvorrichtungen und Back-up-Systeme sind vorgeschriebener Standard.

Nach Unglück in Lissabon: „Die Künzelsauer Bergbahn ist sicher.“

Die Sprecherin der Stadt bekräftigte: „Die Künzelsauer Bergbahn ist sicher.“ Das habe aktuell im August die Prüfung durch externe Sachverständige im Rahmen der jährlichen Hauptuntersuchung der kompletten Bergbahnanlage ergeben.

Zudem fänden für die Sicherheit der Fahrgäste regelmäßig Checks und Wartungsarbeiten statt. So würden täglich vor dem morgendlichen Betriebsstart die Anlage und mehrstufige Sicherheitssysteme geprüft. Wöchentlich werde darüber hinaus die Funktion der Fangbremse getestet. Sie würde bei einem Seilriss einspringen und das Fahrzeug an den Schienen festkrallen und somit sichern.

In Künzelsau werden bei der jährlichen Wartung auch Bremstests vorgenommen. Dazu werden große Wassertanks in die Bahn gestellt. Die 7200 Kilogramm Gewicht simulieren die maximal erlaubte Beladung mit 80 Fahrgästen. Bei mehreren Bremsversuchen in verschiedenen Geschwindigkeiten werden die vorhandenen drei Bremssysteme getestet.

1929 in Betrieb genommen: Standseilbahn Stuttgarter ist deutlich älter

Eine weitere Standseilbahn, die von deutlich älterem Kaliber ist, verkehrt in Stuttgart. Das von der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) betriebene Verkehrsmittel verbindet die Talstation „Südheimer Platz“ an der Böblinger Straße im Stadtteil Heslach ohne Zwischenhalt mit der Bergstation am Waldfriedhof im Stadtbezirk Degerloch im Süden von Stuttgart.

Die rund 530 Meter lange Strecke ist im Oktober 1929 in Betrieb genommen worden. Das Zugseil sei 35 Millimeter dick. Die größte Steigung, die bewältigt wird, liegt bei 28 Prozent. Die Bahn dient kaum zu touristischen Zwecken, sondern ist fester und gut genutzter Bestandteil des öffentlichen Personennahverkehrs. 

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