25 Jahre auf Weltreise

Reisen  Zu Fuß und per Fahrrad durch die Länder dieser Erde: Wilma und Wolf-Dieter Ahlborn haben ein Leben jenseits der Konventionen geführt

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25 Jahre auf Weltreise

Wolf-Dieter und Wilma Ahlborn in ihrer Wohnung in Heilbronn, die stets Anfangs- und Endpunkt ihrer Reisen war. Allein drei Jahre ihres Lebens ist das Ehepaar zu Fuß durch 27 Länder Afrikas gelaufen.

Foto: Andreas Veigel

Wie definiert man Reisen? Im Falle von Wilma und Wolf-Dieter Ahlborn aus Heilbronn in jedem Fall sehr individuell. Denn mit einer klassischen Urlaubsfahrt ans Meer oder in die Berge hat ihre Auffassung der Welterkundung so gar nichts zu tun. Heute nicht und vor allem damals, vor 53 Jahren, nicht, als sich die zwei mit dem Fahrrad aufmachten, die Länder dieser Erde kennenzulernen.

Vier Jahre und 47 500 Kilometer später kehrte das Ehepaar in die Heimat zurück. Von 1966 bis 1970 war es unterwegs - in 38 Ländern. Von Heilbronn ging es nach Istanbul, Kairo, Teheran, Neu-Delhi, Singapur, Hongkong, Tokyo, von dort mit dem Schiff nach Los Angeles, hinunter nach Mexiko, weiter gen Südamerika und von São Paulo per Schiff zurück nach Europa. Im Gepäck nur das, was sie tragen konnten. An ihrer Seite einfache Fahrräder. Handys? Gab es nicht.

Mittelpunkt Mensch

Nicht zwischen den Welten, sondern in der Welt seien sie stets unterwegs gewesen, erzählen die beiden. Immer auf der Suche nach der Wirklichkeit, wie sie sagen. Zentrum ihres Interesses sei dabei stets der Mensch gewesen. "Die Freude an Begegnungen." Deshalb seien auch die Bücher, die sie geschrieben haben, keine Reiseführer. "Sie beschreiben, wie wir das Leben mit den Menschen in den Ländern sehen", sagt der heute 78-jährige Wolf-Dieter Ahlborn. "Alles, was wir erlebt haben, zeigt: Der Mensch ist gut. Zumindest mehr als 90 Prozent. Wie hätten wir sonst solche Reisen überleben können?", fragt er. "Wir brauchten oft Hilfe. Und wir haben sie immer bekommen."

Auch Politisches und Geschichtliches kommt in den Büchern, die im Eigenverlag erschienen sind, zur Sprache. "Ganz wichtig waren uns auch immer Umweltthemen und Menschenrechte." Übers Reisen und die Umwelt dachten die Ahlborns damit schon nach, als es bei der breiten Masse noch wenig Überlegungen zum persönlichen ökologischen Fußabdruck gab. Was nicht heißt, dass sie nie in ihrem Leben ein Flugzeug betreten haben: "Aber immer nur dann, wenn es nicht anders ging."

Nach der Welt-Radtour war Wolf-Dieter Ahlborn sechs Jahre Redakteur bei der Heilbronner Stimme. Doch dann zog es ihn und seine Frau doch wieder hinaus in die Welt. Nicht nur sechs Urlaubswochen, verteilt übers Jahr. Sondern richtig. Über Jahrzehnte. Alle Reisen zusammengenommen seien sie 25 Jahre lang auf Weltreise gewesen. Ganz bewusst haben sich die beiden gegen ein konventionelles Leben mit durchstrukturiertem Alltag entschieden. Wohlwissend, dass sie damit auch eine gewisse Sicherheit aufgaben. Von unterwegs aus verfasste Wolf-Dieter Ahlborn Berichte für die Stimme - und besserte so die Reisekasse auf. Auch Vorträge hat das Ehepaar in all den Jahren gehalten - mehr als 1000.

Viel Geld stand dennoch nicht zur Verfügung, so ganz ohne festen Job. Zehn D-Mark waren das Tagesbudget des Paares. "Wir haben uns vom Land ernährt", erzählen die beiden. Von dem, was am Straßenrand wuchs, was es auf den Märkten gab. Geschlafen haben sie in einfachsten Unterkünften - oder häufig auch privat. Bei Menschen, die sie unterwegs trafen. Die sie ansprachen und zu sich nach Hause einluden. Voller Vertrauen. Gegenseitigem Vertrauen, sagt Wolf-Dieter Ahlborn. Schlechte Erfahrungen hätten sie damit nie gemacht.

"Wir haben auf jeden unnötigen Luxus verzichtet - und ihn auch nicht gewollt", sagt das Paar, das sich seit 60 Jahren kennt. "Wir haben uns bewusst für ein einfaches Leben entschieden. Unterwegs und daheim." Und ein einfaches Leben, das leben die beiden auch heute noch - auf Reisen, aber auch, wenn sie zu Hause sind, in ihrer Wohnung in Heilbronn. Denn die Rente ist entsprechend klein. Aber die zwei klagen nicht. So wie es war, war es ihr Wunsch. Das haben sie nie in Frage gestellt. "Viele sagen: ,Wenn wir in Rente sind, reisen wir." Und dann werden sie vorher krank. Wir haben es bewusst gleich gemacht."

Drei Leitlinien

Geduld, Mut und Zuversicht, das seien stets ihre Leitlinien gewesen. "Und das immer, ohne leichtsinnig zu sein", sagt Wilma Ahlborn (75). Keinen Unsinn treiben, versuchen, Risiken richtig abzuschätzen. Deshalb erklären auch beide, keine Angst gehabt zu haben. Wohl Respekt. Aber keine Angst.

Die Ahlborns waren in den entlegendsten Gebieten Sibiriens unterwegs, fuhren mit dem Fahrrad wochenlang durch die Hochgebirgswelt Perus und liefen drei Jahre insgesamt 6000 Kilometer durch 27 Länder Afrikas. "Das war ein Traum. Oft sind wir zu Fuß über die Grenzen", erzählen sie. Viele der unternommenen Reisen seien so heute allerdings nicht mehr denkbar. Nicht nur, weil die Umstände damals doch durchaus hart waren und die Straßenverhältnisse schwierig - sondern vor allem, weil die politische Situation heute in vielen Ländern so ist, "dass man nicht mehr durch kann", sagt Wilma Ahlborn. "Zu viele Konfliktherde", pflichtet ihr Mann bei.

Was nicht heißt, dass die Ahlborns nicht mehr unterwegs sind. Im Gegenteil. "So eine Reiseleidenschaft, diese Neugier, die endet nie", sagt der Journalist. Nur nutzt das Paar heute vorwiegend Bus und Bahn. Auch das Auto? "Nie", sagen sie. Sie hätten selbst in Deutschland nie eines besessen. Erst jüngst waren sie wieder sieben Monate unterwegs. In Russland, Japan und China. Alles per Zug und Schiff. Und auch in Rumänien sind sie regelmäßig, helfen in einem Kinderhaus im Dorf Bogdan Voda, das sie vor knapp 20 Jahren mit Hilfe von Freunden errichtet haben - ein Treffpunkt zum Spielen, Werken, Englischlernen und Tanzen.

Als Aussteiger haben sich die Ahlborns übrigens nie gesehen. Sie hätten nie Brücken hinter sich abgebrochen. Dennoch sagen sie: Ihr Zuhause, das sei an drei Orten dieser Erde. Die alte Heimat, der Start- und Endpunkt der Reisen, egal ob nach ein paar Wochen oder nach mehreren Jahren, war immer Heilbronn. Aber auch Rumänien zählen die Ahlborns zu ihrem Zuhause, ebenso wie Japan - hier machte das Ehepaar schon 1968 bei der Fahrradreise Station, hier entstanden Freundschaften, die über all die Jahre bestehen blieben.

Gutes überlagert Schwieriges

Zweifelsfrei gab es in all den Reisejahren auch Tiefpunkte und einige schlechte Erlebnisse, das klammern die Ahlborns nicht aus. Diebstähle etwa. Eine Festnahme in Kairo am Tahrir-Platz. Mehrfach wurde das Ehepaar auch mit einer Waffe bedroht. Und mindestens zwei Mal hätten sie sich in Lebensgefahr befunden, jeweils bedingt durch Situationen im Straßenverkehr. Das alles sind jedoch Einschübe, die eher nebenbei Erwähnung finden. Denn am Ende, das steht für die Heilbronner fest, habe das Gute stets überwogen, hätten sie schon am nächsten Tag wieder wunderbare Menschen getroffen. Und - auch das betonen beide: "Wir hatten immer das Glück auf unserer Seite. Großes Glück."

Den Tourismus in seiner heutigen Form wollen die beiden nicht verurteilen. "Kritisieren, ja. Aber nicht verurteilen. Natürlich kann sich nicht jeder erlauben, was wir gemacht haben. Dafür haben wir auf viel verzichtet. Aber wir waren frei."

25 Jahre auf Weltreise

Voller Zufriedenheit in Japan: Das Land war mehrfach "Heimat auf Zeit" (2008).

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Beschwerliche Fahrt durch die Einöde Südostanatoliens (1967).

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Das Ehepaar vor dem Potala-Palast in Lhasa, Tibet. Fotos: privat

25 Jahre auf Weltreise

1969 ging es mehrere Wochen durch die Hochgebirgswelt der Anden in Peru.


Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin vor allem um die Reiseseiten sowie den Bereich Essen & Genießen.

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