Als Nazi-Schläger ihr Unwesen trieben

Künzelsau - Emil Jäger erinnert sich an einen der dunkelsten Tage in der Stadtgeschichte. Der heute 85-Jährige war erst fünf Jahre alt, als Heilbronner Polizei mit einem Mannschaftswagen vor dem Künzelsauer Rathaus vorfuhr.

Von unserem Redakteur Matthias Stolla

Als Nazi-Schläger ihr Unwesen trieben
Künzelsau im Dritten Reich: Schüler der nationalsozialistischen Aufbauschule − heute Schloss-Gymnasium − marschieren in Uniform auf der Hauptstraße.Foto: privat

Künzelsau - "Ich kann mich noch ganz gut erinnern", sagt Emil Jäger. Der heute 85-Jährige war erst fünf Jahre alt, als Heilbronner Polizei mit einem Mannschaftswagen vor dem Künzelsauer Rathaus vorfuhr. Am 20. März 1933 war das, 15 Tage nach der für die Nationalsozialisten so erfolgreichen Reichstagswahl, zwei Tage nach der brutalen SA-Aktion gegen Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten in Öhringen und unmittelbar bevor Künzelsauer Bürger Ähnliches erleiden mussten.

Neugierig sei er gewesen, sagt Emil Jäger über sich selbst. Der ehemalige FDP-Stadtrat ist ein Ur-Künzelsauer. "Ich weiß noch vieles, wo andere nur den Kopf schütteln", sagt er. Jäger erinnert sich auch an Manches, von dem andere lieber nichts hören wollen. Nicht alle, die den 20. März 1933 in Künzelsau erlebten, sind inzwischen gestorben, und nicht alle waren so jung und unbeteiligt wie Jäger.

Rücksicht

Man kennt sich auch heute noch in der Stadt, nimmt Rücksicht auf Mitbürger und deren Nachkommen. Die Polizei, die der junge Emil Jäger an jenem Montag in Künzelsau sah, habe nicht viel unternommen, sagt er: "Die haben nur aufgepasst." Der SA-Trupp unter der Leitung des Heilbronner Standartenführers Fritz Klein sorgte dafür, dass dieser Tag zu einem der dunkelsten in der Stadtgeschichte wurde. Heute weiß niemand mehr, wie viele Menschen die SA im Alten Rathaus zusammentrieb.

Als sicher gilt, dass der jüdische Lehrer und Vorsänger Julius Goldstein, der Sozialdemokrat Vogelmann aus Niedernhall und der Künzelsauer Stadtrat Friedrich Brözel zu ihren Opfern gehörten. Die SA-Männer schlugen die Männer brutal zusammen. "Der eiserne Synagogenschlüssel in Goldsteins Hosentasche soll dabei zerbrochen sein", sagt Jäger. Auch der Künzelsauer SPD-Mann Georg Rößler war unter den "Verhörten", sagt Jäger.

Max Ledermann, Vorsteher der jüdischen Gemeinde in der Stadt, wollte in der Nacht seinen schwerverletzten Freund Goldstein besuchen. Vor dessen Haus wurde auch er zusammengeschlagen und erlitt wenig später einen Herzinfarkt. Er sei verraten worden, erzählte Rose Levy, geborene Morgenroth, 1989 bei einem Besuch in Künzelsau. "Ich weiß, wer ihn verriet, doch möchte ich den Namen dieser Person, die heute noch in Künzelsau lebt, nicht nennen", sagte die in die USA emigrierte Künzelsauerin.

Ganz ähnlich geht es auch Emil Jäger, der sich zum Teil noch an die SA-Männer vom 20. März 1930 erinnern kann, die Namen aber lieber für sich behält: "Der eine oder andere war kurz zuvor noch überzeugter Sozialdemokrat. Solche Matzenbächer gab es bei uns."

Steine

"Man hat darüber gesprochen", sagt Emil Jäger, aber man habe nichts unternommen: "Da ist man nicht gegen den Strom geschwommen." Das galt nicht nur für die Erwachsenen: "Auch ich habe später an der Staffel Steine in die Fenster eines Judenhauses geworfen", sagt Jäger mit erkennbarer Scham, "das gebe ich zu". Der Ur-Künzelsauer hat auch nie vergessen, dass er "in einem Judenhaus", dem der Familie Morgenroth, in der Scharfengasse lebt.

Selten nur gab es Beispiele für Zivilcourage in der Stadt. Karl Haag, "ein alter Demokrat", habe an jedem Tag seinem gleichnamigen, von den Nazis begeisterten Sohn gedroht: "Wenn der Georg Rößler bis Mittag nicht bei mir ist, brauchst Du dieses Haus nicht mehr zu betreten."

Als Nazi-Schläger ihr Unwesen trieben
Emil Jäger an der Staffel, wo früher ein jüdisches Haus stand.Foto: Matthias Stolla