Globaler Klimastreik: Warum sich Umweltschützer aus der Region engagieren

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Zum zwölften Mal ruft Fridays for Future am Freitag (03.03.) zum globalen Klimastreiktag auf. Demonstrationen und Vorträge von Klimaaktivisten sind auch in Heilbronn, Öhringen und Künzelsau geplant. Fünf ganz unterschiedliche Umweltschützer erklären im Vorfeld, warum sie sich teilweise seit Jahrzehnten für den Erhalt der Natur und Klimagerechtigkeit einsetzen.

von Milva-Katharina Klöppel , Christoph Donauer und Linda Möllers
 Foto: Ringo Chiu

Längst sind es nicht mehr nur Jugendliche, die beim zwölften weltweiten Klimastreiktag am heutigen Freitag auf die Straße gehen. Zum ersten Mal wird der globale Klimastreik zusammen mit Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi stattfinden. Gewerkschaft und Klimabewegung streiken Seite an Seite für eine sozial gerechte und ökologische Verkehrswende. Unter dem Motto "Morgen ist es schon zu spät" (#tomorrowistoolate) sind mehr als 240 Demonstrationen von Flensburg bis Konstanz geplant. Auch nach vier Jahren Klimastreik mit Großdemos in ganz Deutschland verfehle die Bundesregierung noch immer ihre Klimaziele, so die Meinung von Fridays for Future (FFF).

Auch in der Region wollen Klimaaktivisten und Umweltschützer unterschiedlichster Organisationen ihren Unmut deutlich machen. In Heilbronn beginnt der Globale Klimastreik um 16.30 Uhr am Bollwerksturm. Dort wird es eine Einstimmung geben, bevor sich eine Fahrraddemo durch die Innenstadt in Bewegung setzt. Ab 17.30 Uhr sind weitere Reden und Musik zum Abschluss geplant.


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In Öhringen sprechen ab 16 Uhr auf dem Marktplatz Vertreter von Öhringen klimaneutral, des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) sowie des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), des Klimateams Schöntal sowie der örtlichen Kirchengemeinden.

In Künzelsau wird ab 16 Uhr vor dem Alten Rathaus gestreikt. Dort wird unter anderem ein Vertreter der katholischen Kirchengemeinde sprechen und es gibt ein Mitmachquiz zum Thema Erdölförderung.

Gisela Schulz, 67, "Letzte Generation"

Gisela Schulz
Gisela Schulz  Foto: Privat

Als Ende der 70er Jahre Atomkraftgegener aus der ganzen Bundesrepublik nach Gorleben (Niedersachsen) reisen, um gegen den geplanten Bau eines Atommülllagers zu protestieren, ist Gisela Schulz mit dabei. "Erstmals habe ich dort auch ältere Menschen getroffen, die über die Gefahr des hochradioaktiven Mülls wie wir dachten", erinnert sich die heute 67-Jährige.

Damals, vor mehr als 40 Jahren, habe sie sich geschworen: "Wenn ich selbst einmal alt bin, werde ich mich von Herzen für die Jugend einbringen." Das tat Schulz viele Jahre beruflich in Berlin und ab 1996 auch bei der Aufbaugilde in Heilbronn. "Als Anleiterin habe ich viel mit Textil gearbeitet", erinnert sich die gelernte Einzelhändlerin. "Secondhand war damals schon ein großes Thema." Von sich selbst sagt Schulz, dass sie Menschen mag. Der Austausch interessiert die Rentnerin.

Und so besuchte sie im Herbst "21 eine Veranstaltung der "Letzten Generation" im "Sozialen Zentrum Käthe" in Heilbronn. Bis zu dem Zeitpunkt habe sie die Aktionen der Aktivisten kritisch gesehen, der Name hätte etwas "apokalyptisches" gehabt. Doch der Vortrag überzeugte Gisela Schulz: "Die Forderungen wurden klar formuliert, alles ist gut strukturiert und der Umgang respektvoll." Seither engagiert sich Schulz bei der "Letzten Generation", klebte sich am 8. Februar aus Protest selbst 90 Minuten auf der Neckarsulmer Straße in Heilbronn fest. Den Unmut der Bürger, vor allem der Autofahrer, darüber könne sie verstehen, aber: "Die Regierung muss ihre Versprechen einhalten. Das wird nur auf außerparlamentarischen Druck hin passieren." Ihr ernüchterndes Fazit nach vielen Jahren auf Demonstrationen wie zuletzt auch bei Fridays for Future: "Die Leute gehen vorbei." Hoffnung machen ihr politische Veränderungen wie das neue JugendticketBW


Norbert Hüftle, 72, Naturfreunde

Norbert Hüftle
Norbert Hüftle  Foto: Privat

Eine Freundin hat Norbert Hüftle 1966 angestiftet, bei den Naturfreunden mitzumachen. "Wir haben die Jugendgruppe von vier, fünf Leuten auf 20 ausgebaut", so der heute 72-Jährige. Eine erste Fridays-for-Future-Bewegung vor fast 60 Jahren? Hüftle schmunzelt: "Zumindest die Problematik ist bis heute die gleiche." Gemeint ist die Sorge, dass die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden. "Jedes Konservierungsmittel in Lebensmitteln wird irgendwann zum Gift", ist der Vorsitzende der Ortsgruppe Heilbronn beispielsweise überzeugt. Ein Kernthema der Naturfreunde ist die Verbindung von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit. Mehr als 65.000 Mitglieder in 540 Ortsgruppen engagieren sich ehrenamtlich für die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft.


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Foto: Archiv/Gajer
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Eine Demonstration sei nicht unbedingt schön, erklärt Norbert Hüftle. "Es geht darum, auf ein Thema aufmerksam zu machen." Ob die Veranstaltung nun Klimastreik, Umweltschutz oder ganz anders heiße. Wie man das Ding nenne, sei am Ende egal. So unterstützen die Naturfreunde den Aufruf zum heutigen Klimastreik auch aktiv. Anders sieht es mit den Protestformen der "Letzten Generation" aus. Hier distanziert sich der Heilbronner deutlich: "Das Festkleben auf der Straße ist absolut kontraproduktiv." Im Gegenteil: "Die Sympathien, die für Themen der Nachhaltigkeit da sind, werden wieder verspielt." Gewalt auf Demonstrationen lehnt Norbert Hüftle grundsätzlich ab.

Von der Politik wünscht sich der Rentner, dass sie die Menschen mit ihren Nöten und Ängsten ernstnimmt. In der Bevölkerung gäbe es noch viele, die sie als Körnerfresser, die alles besser wissen würden, abtun. Hier gelte es, Aufmerksamkeit für die Themen zu finden. 


Lotta Birkert, 18, Fridays for Future

Lotta Birkert
Lotta Birkert  Foto: privat

Die Einhaltung des Klimaabkommens von Paris ist es, für das Lotta Birkert auch heute beim erneuten globalen Klimastreik wieder auf die Straße geht. Zehn Jahre war die Schülerin 2015 alt, als sich 197 Staaten auf der Weltklimakonferenz in der französischen Hauptstadt trafen und das globale Ziel setzten, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf "deutlich unter" zwei Grad Celsius zu begrenzen. Erstmals nahm die 18-Jährige 2019 an einer größeren Fridays-for-Future-Demonstration in Öhringen teil. "Es ist wichtig, dass sich viele Menschen beteiligen", sagt Lotta Birkert. Nur so würde auch die kommunale Ebene angesprochen werden. In ihrem Freundeskreis würden die Meinungen über den Klimastreik auseinandergehen.

"Die Mehrheit findet es gut, viele sind aber auch der Meinung, dass die Demos nichts bringen", so die Schülersprecherin des Hohenlohe Gymnasiums in Öhringen. Bei den Aktionen der "Letzten Generation" bedauert Birkert, die auch Mitglied der "Grünen Jugend", der Nachwuchsorganisation der Grünen ist, dass die Motive der Aktivisten in den Hintergrund gerutscht sind. "Die Aktionen dürfen auch radikaler sein", sagt Lotta Birkert. "So hat das Thema Klimaschutz wieder mehr Aufmerksamkeit in Talkshows und mehr gefunden." In der Bundes- sowie Landespolitik sei noch "Luft nach oben". Viele Diskussionen im Bereich Mobilität seien beispielsweise ernüchternd - aktuell die Debatte über den Ausbau von Autobahnen.

Erst kürzlich hat sich Lotta Birkert mit Freunden die Frage gestellt, ob man in diese Welt noch Kinder setzen könnte. "Es ist zwar noch lange hin", so die Zwölftklässlerin, "aber wenn die Krisen zunehmen, mache ich mir Gedanken." 


Marco Lutz, 33, Naturschutzbund (Nabu)

Marco Lutz
Marco Lutz  Foto: privat

Wer mit Klima-Protesten etwas bewirken möchte, braucht einen langen Atem, sagt der Geschäftsführer des Nabu-Kreisverbands Marco Lutz. Grundsätzlich vermisst der 33-Jährige so einiges in der Klimapolitik. Die Vorgängerregierung habe zu vieles blockiert, und wegen aktueller Krisen konnte die Ampelregierung noch nicht das umsetzen, was sie eigentlich tun wollte. "Trotz allem reicht das nicht", betont Marco Lutz.

Dass Protest sichtbare Erfolge bringen kann, zeige mitunter das Biodiversitätsstärkungsgesetz, das aus dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" entstanden ist. "Ohne Protest wäre das nicht vonstatten gegangen", sagt Lutz. Klimaproteste seien deshalb sinnvoll und notwendig. "Die Fridays-for-Future-Bewegung unterstützen wir vollumfänglich." Die Schulstreiks seien eine kreative Methode, um in einem sicheren Rahmen Aufmerksamkeit zu schaffen.


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Die grundlegenden Anliegen der "Letzten Generation" unterstütze man ebenso, allerdings nicht deren Aktionsform. "Für unseren Verband sind die Methoden der "Letzten Generation" nicht tragbar in ihrer Radikalität, bei Sachbeschädigung oder wenn durch die Blockaden Leben gefährdet werden", sagt Lutz und erklärt: "Als Verband stehen wir noch enger im rechtlichen Rahmen und können Aktionen des zivilen Ungehorsams nur bis zu einem gewissen Grad mittragen." Ob die "Letzte Generation" durch ihre Blockaden Zweifler wirklich zum Klimaschutz bringt, bezweifelt Lutz. Es sei aber falsch, dass Politiker von vorwiegend konservativen Parteien die Bewegung pauschal kriminalisierten. Lutz erinnert an die Proteste der Bauernverbände vor zwei Jahren, die auch zu Verkehrsbehinderungen geführt haben und von den Politikern unterstützt wurden: "Da wird mit zweierlei Maß gemessen."


Ruth Fleuchaus, 59, Scientists for Future

Ruth Fleuchaus
Ruth Fleuchaus  Foto: privat

Als Mitgründerin der Heilbronner Gruppe von Scientists for Future war Ruth Fleuchaus noch nie bei einem Klimastreik. "Wir sind Wissenschaftler, keine Protestler", sagt die Prorektorin für Internationales und Diversität der Hochschule Heilbronn. Die Forschung könne der Politik lediglich helfen, die richtigen Entscheidungen beim Klimaschutz zu treffen. Dafür werde viel geforscht, an erneuerbaren Energien, Wasserstoff, Verfahrenstechnik. "In der Gesellschaft ist aber nicht nur das Wissen entscheidend, sondern auch die Möglichkeiten", betont Fleuchaus. "Nicht jeder kann sich ein E-Auto leisten."

Die Klimaproteste haben aus Sicht der 59-Jährigen bei vielen Menschen zum Umdenken geführt. Allerdings habe die Bundesregierung ihre Politik "nicht in dem Maße, wie man es sich wünschen würde", ausgerichtet. "Wenn die Umsetzung zufriedenstellend wäre, bräuchte es keine Proteste", sagt Fleuchaus. "Man fragt sich: Warum müssen wir so lange auf das 49-Euro-Ticket warten?" Straßenblockaden, wie sie die "Letzte Generation" durchführt, hält die Professorin allerdings nicht für zielführend. "Es ist immer ein Problem, wenn Proteste mehr Reaktanz als Akzeptanz hervorrufen." Dadurch könne das Gegenteil passieren von dem, was die Aktivisten anstreben. Besser sei es, in den verschiedenen Gremien auf Veränderungen zu drängen.

In Heilbronn sei besonders die Mobilität ein Problem. "Da muss was passieren." Auch der Ausbau der Photovoltaik auf öffentlichen Gebäuden wie Schulen gehe bisher zu langsam. Hoffnung macht Fleuchaus, dass der Klimaschutz durch Fridays for Future in aller Munde ist. "Ich habe nur Zweifel, wie schnell es bei der Umsetzung vorangeht." Andererseits gelte: "Kleinvieh macht auch Mist." 

 
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