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Das Wohnraum-Dilemma: Nachhaltiger oder billiger bauen?

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Mehr bezahlbaren Wohnraum wollte die Bundesregierung schaffen. Stattdessen werden Bauprojekte teurer - und deshalb teils gar nicht mehr umgesetzt. Mit Innovationen kann diesem Trend nur zum Teil entgegengesteuert werden. Die Schwarz-Gruppe war Gastgeber der Auftaktveranstaltung für die Initiative "The Mission Construction", die neue Ansätze im Baubereich beleuchtet.

Das Neugeschäft mit Baufinanzierungen schrumpft seit Monaten.
Das Neugeschäft mit Baufinanzierungen schrumpft seit Monaten.  Foto: Federico Gambarini/dpa

Die Bauwirtschaft schwächelt. Die Offensive der Bundesregierung für mehr Wohnraum ist ins Stocken gekommen, zugleich steigen die Ansprüche an die Nachhaltigkeit auf dem Bau. Wohn- und Industriebauten weltweit werden weiterhin zum großen Teil aus Beton statt aus Holz gebaut. Das wird sich auch nicht so schnell ändern. Die Branche ist auf der Suche nach Innovationen.

Die Schwarz-Gruppe war deshalb vor wenigen Tagen Gastgeber der Auftaktveranstaltung für die Initiative "The Mission Construction", die mit zahlreichen Projektpartnern neue Ansätze im Baubereich beleuchtet. Nachhaltigkeit ist das große Thema, aus gutem Grund. Von den 762 Millionen Tonnen CO2, die 2021 in Deutschland verursacht wurden, stammen Schätzungen des Umweltbundesamts zufolge 110 Millionen Tonnen aus dem Gebäudebereich.

 


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Ex-Wirtschaftsweiser Rürup: Es fehlen Millionen Wohnungen

Um den Ausstoß zu senken, braucht es bessere Dämmungen, effizientere Heizungen und nachhaltigere Baustoffe. Vor allem aber braucht es Wohnungen. Es fehlen aktuell 700.000, hat eine Studie des Pestel-Instituts jüngst herausgefunden.

Der ehemalige Wirtschaftsweise und heutige "Handelsblatt"-Chefökonom Bert Rürup geht weiter und schätzt den Bedarf an Wohnungen in den nächsten Jahren auf sieben Millionen. Und er hat wenig Hoffnung, dass diese schnell gebaut werden. "Die deutsche Volkswirtschaft befindet sich auf einem Niveau von 2014. Es ist Wohlstand abgeflossen", erklärt er bei der Veranstaltung auf dem Neckarsulmer Stiftsberg. Es stünden "raue Zeiten" in den nächsten zehn bis 15 Jahren an. "Das deutsche Wirtschaftsmodell funktioniert nicht mehr", sagt Rürup und lässt damit wenig Raum für Hoffnung.

Der Fachkräftemangel verschärft den Wohnungsmangel auf zweifache Weise, erklärt Rürup. Zum einen sorge er schon jetzt für Engpässe auf den Baustellen. In den nächsten Jahren kommen dann auch noch die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter. "Diese vielen Menschen gehen in den Ruhestand, bleiben aber in ihren Wohnungen." Neue Arbeitskräfte aus dem Ausland bräuchten zusätzlichen Wohnraum, und zwar günstigen.

 


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Vonovia hat den Neubau schon gestoppt

Konstantina Kanellopoulos, Generalbevollmächtigte bei Deutschlands größtem Wohnungskonzern Vonovia, sagt: "Wir brauchen Mietwohnungen für neun bis zehn Euro pro Quadratmeter, nicht für 20." Das sei aber nicht mehr zu machen. Auch aus diesem Grund stoppte Vonovia Ende Januar alle noch nicht begonnenen Neubauprojekte für dieses Jahr - was die Situation zusätzlich verschärfen wird.

Der Bund hat im vergangenen Jahr alle Förderprogramme auf ein Zehntel zusammengestrichen, so dass auch die Finanzierung privater Bauherren häufig wackelt und manches Vorhaben platzt.

Es braucht Innovationen, um Kosten zu sparen

"Um rund 20 bis 30 Prozent haben sich die Baukosten in den vergangenen zwei Jahren erhöht", sagt Christoph Hettinger, Mitglied der Geschäftsleitung des Schwarz Immobilien Service, die für alle Bauten außer den Filialen im Konzern zuständig ist. "Und sie bleiben auch jetzt noch auf dem gleichen Niveau, obwohl die Preise für Rohstoffe an den Börsen sinken."

Fabian Lenz, Leiter Innovationen beim Immobilienunternehmen Goldbeck aus Bielefeld, sagt deshalb: "Innovationen müssen nun in erster Linie darauf abzielen, Kosten einzusparen."

Daneben bleibt der Bestand. 60.000 Gebäude besitzt etwa die Vonovia. "Das ist eine extrem große Herausforderung", sagt Stephen Guhr, Managing Director bei Vonovia Engineering. Mit Ansätzen wie intelligenter Haustechnik ist es da kaum getan, deutet er an. Große Sanierungen würden zugleich immer schwieriger - auch weil die Menschen seit Corona immer häufiger im Homeoffice sind und tagsüber von Baulärm gestört werden.

 


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Statt einfacher wird es komplizierter

Zudem treibt die Regulierung die Branche um. Bauen wird komplizierter - auch wegen strengerer Klimaschutzvorgaben. Photovoltaik muss aufs Dach. Mit der Novelle des Gebäudeenergiegesetzes will der Bund ab 2024 nur neue Heizungen erlauben, die mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. Auf Landes- und auf kommunaler Ebene gibt es weitere Vorgaben. Am Ende steht meist die Entscheidung: Teuer bauen oder gar nicht bauen.

 


Platten aus Windrädern und Bauteile aus dem 3D-Drucker

Mehrere Start-ups stellten ihre Innovationen beim Konferenztag der Schwarz-Gruppe in Neckarsulm potenziellen Partnern vor. Günstiger wird das Bauen nicht mit allen, nachhaltiger aber auf jeden Fall. Zum Beispiel mit der Recycling-Platte von Continuum aus Dänemark. Das 2021 gegründete Unternehmen hat eine Technik entwickelt, Verbundstoffe wie Fiberglas-Flügel von Windrädern in ihre Einzelteile zu zerlegen und das zerkleinerte Material mit Epoxidharz zu widerstandsfähigen, wasserfesten Platten zu verpressen. Ihr Recycling-Anteil liegt anschließend bei 92 Prozent. "Wir bekommen sogar Geld von den Unternehmen, die diese Stoffe normalerweise in die Verbrennung geben müssten", sagt Nicolas Derrien. Derzeit wird Geld eingesammelt, um die erste Fabrik zu bauen. Dann sollen konkurrenzfähige Preise möglich sein. Billiger als das, was auf dem Markt ist, wird es aber wohl nicht.

Platz sparen kann man mit VePa. Das steht für "vertical Parking", konkret geht es um einen Paternoster für Autos. Auf 45 Quadratmeter können so zwölf oder mehr Fahrzeuge untergebracht werden. Das junge Unternehmen erstellt gerade seine erste Pilotanlage in Freising. "Wenn der Strom ausfällt, kann man das manuell mit einer Kurbel bewegen", erklärt David Schön. Mit 30 000 Euro je Stellplatz wird gerechnet - das ist deutlich weniger als für einen Tiefgaragenplatz.

Yco Labs steht noch am Anfang. Die drei Gründer nutzen einen Schimmelpilz, um daraus beständige, kompostierfähige Dämmplatten zu pressen. Zentrurio hat neue Ansätze für Smart Meter und die Kontrolle des Energieverbrauchs in Gebäuden. Dann gibt es noch den 3D-Druck. Lithium Designs-Gründer Alamir Mohsen hat in zehn Jahren eine Software entwickelt, die jede architektonische Form in Einzelteile zerlegt, dann die passenden Knotenpunkte ausdrucken lässt - in Aluminium oder Stahl, je nach Einsatzgebiet. So können aufwendige Fassaden materialsparend verwirklicht werden. In Hamburg entsteht derzeit ein Freiform-Glasdach mit 5000 Quadratmetern, bestehend aus 9000 Knoten und 3500 individuell zugeschnittenen Glasscheiben.

Info: The Mission Construction

Die Veranstaltung fand mit Partnern wie dem Accelerator-Programm Futury und dem "Handelsblatt" statt.

Dies ist ein Artikel aus der #WirtschaftsStimme, die am 28. Februar 2023 erscheint.

"The Mission"-Auftakt bei der Schwarz-Gruppe: Bei der Initiative geht es in erster Linie um das Thema Nachhaltiges Bauen.
"The Mission"-Auftakt bei der Schwarz-Gruppe: Bei der Initiative geht es in erster Linie um das Thema Nachhaltiges Bauen.  Foto: privat
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