"Es ist wichtig, herauszufinden, was einem guttut"
Dr. Thomas Müller-Tasch vom Klinikum am Weissenhof in Weinsberg berichtet, warum in der Pandemie besonders viele junge Erwachsene unter den Patienten sind und was deren Schritte in die Selbstständigkeit erschwert.

Rund 14 Prozent mehr Versicherte, die während Corona wegen depressiven Stimmungen und Angststörungen in Behandlung waren: Das belegen Zahlen der AOK für Stadt- und Landkreis Heilbronn. Dr. Thomas Müller-Tasch, Chefarzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg, spricht über seine Erfahrungen und gibt Tipps.
Herr Müller-Tasch, mit welchen Erkrankungen befasst sich die Psychosomatik?
Müller-Tasch: Psychosomatische Erkrankungen sind Erkrankungen im Wechselspiel aus psychischen und körperlichen Symptomen. Das sind etwa depressive Verstimmungen oder Ängste, die häufig einhergehen mit verschiedenen körperlichen Beschwerden. Ess-Störungen gehören dazu. Dann gibt es die große Gruppe von Patienten, die sich wegen körperlicher Symptome melden, aber bei denen niemand eine Ursache findet. Das führt zu großem Frust und dauert eine Weile, bis sich herausstellt, dass die Ursachen in der Lebensgeschichte zu finden sein können - für manche immer noch ein Stigma.
Laut AOK ist die Zahl der Patienten mit Angststörungen und Depressionen deutlich gestiegen. Stellen Sie das auch fest?
Müller-Tasch: Mit die häufigsten Diagnosen unserer Patienten sind tatsächlich Angststörungen und Depressionen. Wenn es um Muster geht, stelle ich schon fest, dass sich die vergangenen zwei Jahre auswirken.
Inwiefern?
Müller-Tasch: Grob gesagt gibt es zwei Gruppen: Menschen, die schon länger unter psychischen Erkrankungen leiden und bei denen die Lebensumstände durch Corona sehr schwierig geworden sind. Bei denen eine Schieflage entstanden ist, weil sie oder der Partner den Job verloren haben, die Kinder im letzten Lockdown Monate daheim saßen, Kompensationen weggefallen sind. Wer vorher schon eine Ess-Störung hatte, bei dem hat sie sich verstärkt. Gewalt in der Familie hat teilweise zugenommen, Spannungen insgesamt haben zugenommen.
Und die andere Gruppe?
Müller-Tasch: Die betrifft meist junge Patienten an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Das ist eine sehr vulnerable Phase im Leben, wenn Jugendliche die Schule abgeschlossen haben, Studium, Sozialdienst oder eine Ausbildung beginnen und sich vom Elternhaus lösen wollen. Durch die Pandemie wurden die Schritte des Erwachsenwerdens deutlich gestört. Die Heranwachsenden haben vielmehr Schritte rückwärts gemacht.
Wie meinen Sie das?
Müller-Tasch: Denken Sie zum Beispiel an Studierende, die noch nie ihren Professor in der Vorlesung gesehen haben, immer nur am Bildschirm. Die ihr WG-Zimmer gekündigt haben und notgedrungen wieder nach Hause gezogen sind, um die Miete zu sparen und nicht zu vereinsamen. Dass die Sozialisierung im studentischen Umfeld, der Schritt ins eigene Leben hinaus, kaum möglich waren, führt zu Frustration. Viele stellen sich die Sinnfrage und fühlen eine Art Versagen. Und als Ergänzung: Besonders für Kinder ist der Austausch, das sich Erfahren in Gruppen Gleichaltriger elementar wichtig, damit sie zu sich selbst finden. Das ist durch nichts zu ersetzen. Die Folgen der Kontaktbeschränkungen für Kinder werden wir die nächsten Jahre noch spüren.
Abgesehen von der Situation während Corona treten Angsterkrankungen und Depressionen normalerweise verstärkt in der zweiten Lebenshälfte auf, oder?
Müller-Tasch: Psychische Störungen sind generell häufig. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens daran zu erkranken liegt bei 30 bis 50 Prozent. Das geht aber von der depressiven Krise nach einer Trennung bis zu chronischen psychiatrischen Erkrankungen inklusive Suchterkrankungen. Spitzen gibt es bei den Angsterkrankungen und Depressionen durchaus: Die Schwellensituation im jungen Lebensalter und etwa ab 60 Jahren.
Trifft es eher Frauen oder Männer?
Müller-Tasch: Frauen, so das Ergebnis vieler Studien, sind häufiger betroffen. Fragebögen erfassen aber nicht alles. Männer neigen nach wie vor eher dazu, Probleme nicht zuzugeben, aber unter der Oberfläche sieht es oft anders aus.
Sie haben eingangs von Balance gesprochen. Was kann der Normalbürger machen, um sich in der Spur zu halten?
Müller-Tasch: Es ist wichtig, herauszufinden, was einem guttut. Soziale Kontakte pflegen, auch wenn es nur das Telefonat ist. Derzeit kann man sich ja in gewissem Rahmen treffen. Sport, oder einfach Bewegung wie spazieren, wandern. Musik machen oder hören. Sich mit seinen Hobbies beschäftigen. Das Freizeitleben ist zum Teil kompliziert geworden. Trotzdem ist es wahnsinnig wichtig, dass wir es ausfüllen. Es ist wichtig, herauszufinden, was man braucht. Wenn ich merke, dass ich rückzügig werde, muss ich mir Hilfe holen, etwa beim Hausarzt, damit ich nicht in eine Spirale komme. Und: Oft ist es gesünder, nicht zehn Mal am Tag den Corona-Ticker zu lesen. Das kann zermürben.

Zur Person
Dr. Thomas Müller-Tasch ist seit 2012 Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. Der 51-jährige Mediziner stammt aus München und war zuvor im Universitätsklinikum Heidelberg tätig. Derzeit ist die Psychosomatische Station in Weinsberg voll belegt mit 22 Patienten, genau wie der zweite Standort der Klinik, der sich im Klinikum am Gesundbrunnen befindet. Es gibt grundsätzlich eine Warteliste, Patienten können aber bei dringendem Bedarf auch kurzfristig aufgenommen werden.
Hilfe bei Problemen
Sollten Sie Probleme haben, depressiv sein oder über Suizid nachdenken, können Sie sich unter anderem an den Arbeitskreis Leben in Heilbronn wenden. Sie erreichen ihn unter 07131/164251 und akl-heilbronn@ak-leben.de. Dort erhalten Sie Hilfe. Auch die Telefonseelsorge unter 0800/1110111 und 0800/1110222 steht Ihnen zur Seite.
Wenn Sie um eine Person fürchten, hat der Arbeitskreis Leben Signale der Gefährdung zusammengefasst. Sie finden sie unter diesem Link.
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