Damit sich Menschen nicht wie Ausschuss fühlen
Angst vor dem Einkaufen. Angst davor, vor die Tür zu gehen: Nina M. war jahrelang wegen Angstattacken und Depressionen in Therapie. Die Umwelt zeigt oft wenig Verständnis, sagt sie.

Nina M. (Name von der Redaktion geändert) ist eine bildhübsche junge Frau, lange Haare, rehbraune Augen. Doch die gelernte Buchhändlerin leidet unter Panikattacken und Depressionen. "Dann bekomme ich Atemnot, wippe vor und zurück, keiner darf mich anfassen." Nina M. hat Angst. Sie kann nicht einkaufen, sie fürchtet sich davor, das Haus zu verlassen, davor, "von blöden Leuten angesprochen zu werden", und manchmal macht sie sich ganz flach auf dem Sofa, weil sie denkt, die Nachbarn wollen ihr Böses. Viele Kontakte bricht sie ab. Sie hat das Gefühl, dass sie sie überfordern.
Das seelische Leid kann kein Messgerät erfassen
In schlechten Zeiten kann sie keine Nachrichten beantworten, noch nicht einmal von ihrer Mutter oder ihrem Freund. Er bringt das Verständnis auf, das ihrer Umwelt oft fehlt: "Da heißt es dann, ,reiß dich zusammen" oder ,du bist doch einfach nur faul"", erzählt die 25-Jährige. Sätze, die sie nicht mehr hören kann. "Ich habe eben nicht das Bein gebrochen. Mein seelisches Leiden kann kein Messgerät erfassen."
Manchmal schläft sie 14 Stunden am Tag
Wenn es ihr schlecht geht, wenn sie bis zu 14 Stunden am Tag schläft, nur noch weint, sich einigelt, dann kauft ihr Partner nach der Arbeit ein und macht den liegengebliebenen Haushalt. Er ist ihre Lebensversicherung.
Als Schülerin wurde sie massiv gemobbt
Schon als Grundschulkind leidet Nina M. unter den Mobbingattacken ihrer Mitschüler. "Sie haben meinen Kopf ins Klo gesteckt, mich mit Hundekot beworfen, meine Sachen kaputt gemacht." Weder in der Familie noch unter den Lehrern gibt es jemanden, der die unerträgliche Situation beendet. "In der Hauptschule war es besonders schlimm."
Trotzdem schafft es Nina M., ihren Realschulabschluss draufzusetzen und beginnt eine Lehre als Buchhändlerin. Ihre Chefin vermutet, dass die junge Frau, die Festivals und Fantasy liebt, Depressionen hat. "Ich habe mich dagegen gewehrt", sagt sie. "In meiner Vorstellung steckten Leute mit Depressionen in der Zwangsjacke."
Medikamente nimmt sie nicht mehr
Inzwischen hat sie mehrere Therapien hinter sich, war drei Wochen auf der Notfallstation und elf Wochen in einer Klinik. Medikamente hat sie abgesetzt, weil diese, falsch dosiert, zu Krampfanfällen führen. Als sie vor einer Wiedereinstiegsreha in den Job ist, eskaliert die Situation daheim bei den Eltern, und ohne Obdach landet sie kurzfristig im Frauenhaus, ohne Geld und Perspektive.
Geholfen haben ihr ihr Freund und ihre Kinder- und Jugendtherapeutin. "Ein Tipp war, einen Koffer mit Dingen zu packen, die guttun. Ein Plüschtier, ein glasierter Würfel aus Ton, der sich angenehm anfühlt, ein Zitrusduft." Was auch hilft: die beiden Katzen. Und die Degus. Drei Jahre ist sie in Therapie.
Corona hat ihr Kartenhaus zerstört
Nina M. berappelt sich, etabliert sich in ihrem neuen Job als Model. Sie atmet kurz durch: "Vor Corona war ich auf einem richtig guten Weg. Corona hat das Kartenhaus zerstört, das ich mühevoll aufgebaut habe." Volle Auftragsbücher, ein Projekt in New York, eine hervorragend abgeschlossene Ausbildung als Make-up-Artist. Nun hat sie seit dreieinhalb Monaten keine Nachrichten mehr beantwortet und war nicht mehr online. "Die Angstzustände sind wieder da."
Ihre Geschichte soll anderen Mut machen
Trotzdem: Einige Modeljobs kann sie wahrnehmen. "Da bin ich pünktlich und trage meine Arbeitsmaske, bin sozusagen nicht ich. Das geht dann." Es ist ihr wichtig, ihre Geschichte zu erzählen: "Damit sich Menschen wie ich nicht mehr wie Ausschuss fühlen. Denn wenn du nicht funktionierst, bist du in unserer Gesellschaft oft wertlos."
Hilfe bei Problemen
Sollten Sie Probleme haben, depressiv sein oder über Suizid nachdenken, können Sie sich unter anderem an den Arbeitskreis Leben in Heilbronn wenden. Sie erreichen ihn unter 07131/164251 und akl-heilbronn@ak-leben.de. Dort erhalten Sie Hilfe. Auch die Telefonseelsorge unter 0800/1110111 und 0800/1110222 steht Ihnen zur Seite.
Wenn Sie um eine Person fürchten, hat der Arbeitskreis Leben Signale der Gefährdung zusammengefasst. Sie finden sie unter diesem Link.
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