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Persönlichkeitsstörungen nehmen zu, Arbeit des Sozialpsychiatrischen Dienstes wird wichtiger

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Der Sozialpsychiatrische Dienst versteht sich als Auffangnetz für Menschen, die Hilfe brauchen, um den Alltag zu bewältigen. Nun braucht die Beratungsstelle mehr Personal. Der Hohenlohekreis soll 54.000 Euro mehr geben.

Wenn es um die Betreuung von Kindern und Jugendlichen geht, stecken zu 30 Prozent Suchterkrankungen dahinter.
Foto: Archiv/Veigel
Wenn es um die Betreuung von Kindern und Jugendlichen geht, stecken zu 30 Prozent Suchterkrankungen dahinter. Foto: Archiv/Veigel  Foto: Veigel

Die Zahl der Menschen, die der Sozialpsychiatrische Dienst im Hohenlohkreis betreut, ist die letzten drei Jahre annähernd gleich geblieben. Was sich verändert hat, das ist die Betreuungsdichte. Das erklärt Kathrin Finkbeiner, die Leiterin der Suchthilfe der Caritas Heilbronn-Hohenlohe, den Kreistagsmitgliedern im Sozial- und Kulturausschuss. Weil zudem die Beratung mehr in die Fläche gehen soll und eine neue Verwaltungsvorschrift mehr Kooperationen mit anderen Diensten einfordert, braucht die Beratungsstelle künftig vier statt drei Personen und damit mehr Geld. Der Kreis soll weitere 54.000 Euro zugeben, schlägt die Beratungsunterlage vor. Bei drei Enthaltungen lautet so die Empfehlung für den Kreistag.

Wer wird betreut?

Das Klientel des Sozialpsychiatrischen Dienstes grenzt Finkbeiner klar von geistig behinderten Menschen ab. Ihre Zielgruppe ist die der psychisch chronisch-kranken Menschen und ihrer Angehörigen. Diese Menschen sollen individuell beraten und begleitet werden, nicht therapiert, unterstreicht Finkbeiner auf Nachfrage.


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Menschen im Alltag begleiten

Ziel sei es, die Menschen im Alltag so zu begleiten und ihnen so zu helfen, dass sie ihn bewältigen können, damit so beispielsweise teure stationäre Aufenthalte vermieden werden können. "Wir sind die Lotsen ins Leben", beschreibt Finkbeiner. "Wir helfen den Menschen, ihre Briefe aufzumachen, zum Arzt zu gehen."

Landrat Matthias Neth ergänzt: "Das ist eines der Auffangnetze, die wir haben, damit diese Menschen nicht noch weiter abrutschen. Damit sie ein halbwegs normales Leben haben und nicht noch teurere Hilfen brauchen."

Kostenlose Beratungen

Die Beratung sei aufsuchend und kostenlos und natürlich überkonfessionell, erklärt Finkbeiner. Oft gehe es um Menschen, die sich kaum noch aus dem Haus trauen wegen ihrer Zwangsstörungen und Ängste.


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Um die Wege kürzer zu halten und das Angebot damit niederschwellig, soll es künftig auch Sprechstunden beispielsweise in Krautheim geben. Die Zusammenarbeit mit Schnittstellen wie dem Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg soll verstärkt werden. Als Paradebeispiel für die Arbeit des Sozialpsychiatrischen Dienstes skizziert Finkbeiner die Betreuung von Herrn M. 2003 habe es den ersten Kontakt wegen schizophrener Psychose gegeben. Der Werkzeugmacher lebte mit seinem krebskranken Vater zusammen. Auf den ersten Kontakt mit dem Dienst folgten zwei Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik.

Klinikaufenthalt vermeiden

Anschließende Hausbesuche sorgten dafür, dass er stabil war. Sechs Jahre seien vergangen, ohne dass es Kontakt mit der Beratungsstelle gegeben habe, abgesehen von den Gruppenveranstaltungen, die der Mann besucht hatte. 2013 habe es eine erneute Krise gegeben, da er erwerbslos wurde. "Bei Menschen, die wir mehr als fünfmal pro Jahr besuchen, geht die Tendenz nach oben", erklärt Finkbeiner. Das verdeutlicht für sie den Beratungsbedarf, hilft aber Unterbringungen zu vermeiden. Die Tendenz gehe hier möglicherweise auch deshalb nach oben, weil die Pandemie die Probleme der Menschen verstärke, vermutet die Expertin. Die Entwicklung sei in Stadt- und Landkreis Heilbronn analog.


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Warum der Landkreis, nicht die Krankenkasse?

Warum der Landkreis hier Geld setze, fragt Achim Beck (Niedernhall). Warum bezahlen nicht die Krankenkassen diesen Dienst? "Wir sind Sozialarbeiter, keine Psychologen", verdeutlicht Finkbeiner. Wie lange die Warteliste ist, will Ulrike Ruloff (Öhringen) wissen. "Wir versuchen, zeitnah zu reagieren", sagt Finkbeiner. Der Rückruf erfolge meist innerhalb einer Woche.

Entwicklung der Fallzahlen

Die Fallzahlen sind relativ stabil geblieben. 2018 haben 225 Personen den Sozialpsychiatrischen Dienst in Anspruch genommen, 2019 waren es 232 und 2020 dann 226 Menschen. Den größten Anstieg gibt es in der Altersgruppe der bis zu 27-Jährigen. Hier ging es hoch von sechs auf 18 Prozent. Zu 30 Prozent sind Suchterkrankungen der Grund für die Beratung. Der Anteil der längerfristigen Kontakte, also der Menschen, die mehr als fünf Beratungen bekommen haben, geht nach oben. 2018 und 19 war das bei 57 Menschen der Fall.

2020 brauchten fast 80 Klienten eine engmaschige Begleitung. In 47 Prozent aller Fälle geht es um affektive Störungen wie Depressionen und Manie, rückläufig ist der Anteil bei Schizophrenie (23 Prozent). Zunehmend sind Persönlichkeitsstörungen wie Borderline (zehn Prozent) oder neurotische Störungen (vier Prozent) der Grund, die Beratungsstelle aufzusuchen.

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