Mediziner und Patientin sprechen bei der Abendvorlesung über Depressionen bei Jugendlichen
Jugendpsychiatrie-Chef Claas van Aaken erklärt im Gespräch mit Moderatorin Iris Baars-Werner Symptome, Ursachen und Behandlungsmethoden von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen. Lea Hoffmann berichtet von ihrer Therapie im Klinikum am Weissenhof.

Früher hieß es: Depressionen bei Kindern und Jugendlichen - das gibt es nicht. Heute ist klar: Die Krankheit tritt in jedem Alter auf, stellt Dr. Claas van Aaken zu Beginn seines Vortrags bei der Abendvorlesung unter der Pyramide der Kreissparkasse in Heilbronn klar. Der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Weissenhof in Weinsberg hat einige Zahlen im Gepäck, die belegen, dass Depressionen schon bei Kindern im Vorschulalter (2,1 Prozent der Erkrankten) auftreten.
Viel häufiger betroffen sind Jugendliche (neun Prozent) - besonders Mädchen in der Pubertät. Das zeige auch die Erfahrung in der Klinik, berichtet Claas van Aaken. Er teilt seine Expertise an diesem Abend mit rund 200 Zuschauern. Im Publikum sitzen zwar nur knapp 100, noch einmal so viele haben sich aber per Livestream zugeschaltet, der aufgrund der Corona-Lage kurzfristig angeboten wurde.
Depression ist eine tückische Krankheit. Das wird auch während der Diskussionsrunde mit Moderatorin Iris Baars-Werner deutlich. Denn eine klare Ursache hat eine Depression nicht immer. Oft gibt es, zumindest auf den ersten Blick, keinen Auslöser. Manchmal steckt aber durchaus ein konkretes Ereignis dahinter wie der Tod eines geliebten Menschen. So war es bei Lea Hoffmann aus der Nähe von Heilbronn.
Die 20-Jährige erzählt auf der Bühne vom Verlust ihrer Mutter, die an Krebs starb, als sie zehn Jahre alt war. Vier Jahre sollte es dauern, bis Lea Hoffmann und ihrer Familie klar wurde, dass sie Hilfe brauchte. "Ich war oft traurig, habe mit allem aufgehört. Ich habe mich zwar noch mit Freunden getroffen, fühlte mich aber immer sehr bedrückt", erzählt die junge Frau. Ihre Tante bemühte sich schließlich um einen Therapieplatz und so wurde Lea Hoffmann mit 14 Jahren im Klinikum am Weissenhof stationär aufgenommen.
Klinikaufenthalt dauert im Schnitt drei Monate
Dass der Kontakt zur Klinik durch einen Erwachsenen erfolgt, ist meistens der Fall, sagt Claas van Aaken. Nur selten meldeten sich Jugendliche selbst. Natürlich müsse aber nicht jeder Patient stationär aufgenommen werden. Lea Hoffmann war sechs Monate in der Klinik. "Das ist eher lang, der Durchschnitt liegt bei drei Monaten", erläutert Claas van Aaaken. Bis heute ist Lea Hoffmann Patientin bei ihm. Die meiste Zeit komme sie aber inzwischen gut zurecht. Eine Nachbehandlung ist normal, erläutert der Arzt. "Wenn man die Klinik verlässt, ist man nicht geheilt für alle Zeit." Auch so eine Tücke der Krankheit. Kommt zum Beispiel eine neue Belastung wie die Isolation durch Corona hinzu, wirft das Betroffene schnell aus der Bahn. Auch Lea Hoffmann machte der Wegfall der Normalität, wie sie es beschreibt, zu schaffen. Sie weiß jetzt aber, wo sie sich hinwenden kann.
Unterstützung während der Pandemie benötigen viele Kinder und Jugendliche, weiß Claas van Aaken. Durch die Isolation im Lockdown "fehlte ihnen das, was sie brauchen, um ein positives Selbstbild aufzubauen". Nach den Schulschließungen schafften es nicht alle Kinder, sich wieder im Alltag einzufinden. Wenn sie dann hören: "Jetzt müssen wir aber viel nachlernen, das wird anstrengend", erhöht sich der Druck und das kann zu Depressionen führen, erklärt Claas van Aaken.
Ob ein Kind krank ist oder nicht, können Eltern anhand der "Alltagsfunktionalität" überprüfen, erläutert der Mediziner. Wenn ein Kind, wie es bei Lea Hoffmann war, keine Lust mehr auf seine Hobbys hat oder nicht mehr aus dem Bett kommt, sei das ein Alarmsignal. Bei jüngeren Kindern äußere sich eine Depression aber oft anders. Sie seien nicht unbedingt traurig oder lethargisch, sie fielen eher durch fehlende Stimmungsstabilität auf, weinten schneller und mehr als früher oder seien aggressiv. Schulkinder mit Depressionen verhielten sich oft überangepasst, gehemmt, äußerten psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen oder zögen sich zurück. Manchmal erkennen Erwachsene aber auch gar nichts, sagt Claas van Aaken. "Manche Jugendliche machen ihren Selbsthass mit sich selbst aus."
Lehrer und Schulsozialarbeiter spielen wichtige Rolle
Bei der Entdeckung einer Depression spielten Lehrer und Schulsozialarbeiter eine große Rolle, sagt er. Sie seien häufig Ansprechpartner von Kindern, zum Beispiel bei Mobbing. Wichtig sei, dass die Eltern einbezogen werden. Sie spielten auch bei der Therapie eine große Rolle. In der Behandlung von Depressionen gehe es viel darum, Denkweisen umzustrukturieren. "Depressive Patienten neigen dazu, zu generalisieren." Ein kleiner Rückschlag wie etwa eine schlechte Note sei für sie der Beweis, dass alles in ihrem Leben und an ihnen schlecht ist. In der Therapie geht es laut Claas van Aaken viel darum, dafür Gegenbelege mit dem Patienten zusammen zu finden. Das könne man auch im Alltag mit Betroffenen machen.
Abendvorlesung ist über Youtube-Link abrufbar
Die Reihe "Medizin hautnah" wird voraussichtlich am 25. Januar unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn mit dem Thema Autoimmunerkrankungen fortgesetzt. Das Video zur aktuellen Veranstaltung ist hier abrufbar.


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