„Merz wird Konservativen wieder eine Heimat in der Union geben“

Interview  Christean Wagner, Mitgründer des Berliner Kreises in der Union, wünscht sich Friedrich Merz als neuen Parteichef. Im Interview mit der Heilbronner Stimme sagt der frühere hessische CDU-Fraktionschef, das „C“ im Parteinamen müsse wieder stärker betont werden.

Von Hans-Jürgen Deglow

Christean Wagner wird 70
Christean Wagner. Foto: dpa/Archiv

Herr Wagner, Friedrich Merz sagt: Wir brauchen Aufbruch und Erneuerung. Wie gefällt Ihnen diese Botschaft? 

Wagner: Es ist die richtige Botschaft. Die CDU braucht unbedingt Aufbruch und Erneuerung, das wird uns mit einem Parteivorsitzenden Merz gelingen. Die Zahlen sprechen doch Bände: Bei der letzten Bundestagswahl hat die Union mit 32,9 Prozent das mit Abstand schlechteste Ergebnis seit 1949 eingefahren. Und heute steht sie in Umfragen bei 26 Prozent. Auch die Schlappen bei den jüngsten Landtagswahlen schreien nach Aufbruch und Erneuerung. Im übrigen hat mich zunehmend das Gefühl beschlichen, manche Spitzenpolitiker der Union verwechseln das Parteiprogramm mit dem Koalitionsvertrag. Die Partei muss wieder ihre eigenen Grundsätze hochhalten, dafür steht Friedrich Merz. 

 

Wie bewerten Sie es, dass mit Kramp-Karrenbauer, Merz und Jens Spahn gleich drei prominente Christdemokraten die Merkel-Nachfolge antreten möchten?

Wagner: Es ist eine gute Nachricht, dass es mehrere Bewerber mit unterschiedlichem Profil gibt. Das zeigt: Die CDU ist eine lebendige Partei und hat qualifiziertes Führungspersonal vorzuweisen. Eine Vielzahl von Bewerbern schwächt die CDU nicht, es stärkt sie. 

 

Hat Sie die Kandidatur von Merz überrascht?

Wagner: Ich habe schon lange gehofft, dass er in die Politik zurückkehrt. Als Insider habe ich es niemals ausgeschlossen. 

 

Sie haben also keinen Zweifel: Merz ist für Sie der richtige Mann...

Wagner: Merz ist absolut der richtige Mann. Er bildet die ganze Bandbreite ab, die die CDU ausmacht. Er war ein profilierter Fraktionschef. Er ist ein glänzender Rhetoriker. Außerdem kann Merz unser Grundsatzprogramm sattelfest vertreten. Er wird offensiv die Themen angehen, die wir zu unserem Schaden und zum Vorteil der AfD haben liegen lassen. Merz wird auch den Konservativen wieder eine Heimat in der Union geben.

 

Ein Abgesang auf die CDU als Volkspartei ist also verfrüht?

Wagner: Das Gegenteil ist der Fall. Mit Merz wird die CDU wieder die ganze Bandbreite einer Volkspartei entfalten können. Eine Volkspartei gibt Antworten auf alle großen Themen und Fragen der Zeit. Unter ihrem Dach bündelt sie unterschiedlich gesellschaftspolitische Strömungen. Das ist der CDU über Jahrzehnte hinweg gelungen. Mit Merz werden wir wieder zur Volkspartei, die sowohl im halblinken als auch im halbrechten Lager Anklang und Anhänger finden. 

 

Welche konservativen Werte muss der neue Parteichef ansprechen?

Wagner: Wir müssen das C in unserem Parteinamen wieder stärker betonen. Das ist zuletzt ein Stück weit untergegangen. Wir sollten für Patriotismus einstehen. Wir sollten nicht nach links schielen und nicht Stimmungsmache nachgeben. Wir sollten Neues nicht deshalb übernehmen, weil es neu ist, sondern wir müssen immer wieder abwägen: Nur wenn das neue besser ist als das alte, wird es übernommen. Der Konservative verteidigt nicht das gestrige, sondern das bewährte. 

 

Ist es aus Sicht der Konservativen eine glückliche Situation, dass beim Parteitag Merz und Spahn gegeneinander antreten?

Wagner: Es wäre vernünftig, wenn sich beide abstimmen würden. Jedenfalls ist auch Spahn ein christdemokratisches Schwergewicht, man darf ihn nicht unterschätzen. In der Abwägung zwischen beiden bin ich aber eindeutig für Merz als Parteichef. Er wird die Partei voranbringen und einen Aufschwung einleiten. 

 

Was halten Sie von einer Mitgliederbefragung?

Wagner: Gar nichts, die Wahl wäre von Stimmungen und Zufälligkeiten abhängig. Zum Parteitag werden rund 1000 erfahrene Delegierte kommen, das ist ein gutes Fundament für eine qualifizierte Personalentscheidung.

 

War Merz nicht zu lange inaktiv in der Politik?

Wagner: Nein, keineswegs. Er ist nach wie vor präsenter an der Basis, als es sich manche vorstellen. Selbst ich war überrascht, wie sehr er noch im Parteigedächtnis verankert ist. Im übrigen betrachte ich es als Vorteil, dass Merz in den vergangenen neun Jahren nicht mit schwerwiegenden Fehlentscheidungen der Bundesregierung in Verbindung gebracht werden kann. 

 

Merkel will bis 2021 Kanzlerin bleiben. Kann das gut gehen zwischen ihr und einem Parteichef namens Merz?

Wagner: Die beiden sind alt genug und professionell, um miteinander klarzukommen. Der neue Fraktionschef Ralph Brinkhaus und Angela Merkel arbeiten auch zusammen, obwohl er nicht ihr Wunschkandidat war. 

 

Wie lange wird die GroKo weiter regieren?

Wagner: Die Alternative hieße im Moment nur Jamaika. Ich glaube, dass weder Union noch SPD derzeit zu Neuwahlen neigen. Auch als  Christdemokrat bedauere ich, dass die SPD derzeit so wenig überzeugend agiert. Das macht die Regierung zu einem fragilen Gebilde. Große Volksparteien stabilisieren die Demokratie. Allerdings haben die beiden Volksparteien einen nicht geringen Anteil daran, dass die AfD so groß geworden ist. Wenn wir uns auf unser eigenes Profil und ordentliche Sacharbeit konzentrieren, dann werden wir auch wieder stärker. 

 

Wie bilanzieren Sie Angela Merkels Wirken?

Wagner: Als Kanzlerin hat sie vor allem im ersten Teil ihrer Amtszeit unser Land international eindrucksvoll vertreten, oft war sie die bestimmende Persönlichkeit auf der Weltbühne. Ihr Beitrag zur Stärkung der CDU war - vorsichtig ausgedrückt - sicherlich verbesserungswürdig. Die Flüchtlingspolitik war ein schwerer strategischer Fehler, der noch sehr lange nachwirken wird.