Stromhunger der Industrie wächst viel stärker als gedacht
Ein Studie zeigt: Der Strombedarf in Baden-Württemberg steigt trotz Effizienzsteigerung um bis zu 70 Prozent. Das Land wird damit bald schon auf mehr Energie-Importe angewiesen sein.
Bisherige Prognosen für den Strombedarf der Industrie waren deutlich zu optimistisch. Das zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag des Verbandes für Energie- und Wasserwirtschaft (VfEW). 2045 werde die Industrie in Baden-Württemberg demnach 25 bis 70 Prozent mehr Strom als derzeit benötigen. Woher die zusätzliche Menge kommen kann, lasse sich derzeit noch kaum abschätzen.
"Die Motivation der Studie war, gewissermaßen Alarm zu schlagen", sagt Jens Perner, Autor der Studie. Denn es werde schwierig, die Lücke zu schließen, weil man bisher von falschen Annahmen ausgehe und selbst Übertragungsleitungen wie Südlink in ihrer Dimensionierung nicht ausreichen werden, wenn sie denn einmal fertiggestellt sind.
Zwei Szenarien, und keines davon ist beruhigend
In der Studie, die die Beratungsunternehmen Fichtner und Frontier Economics erstellt haben, wurden im Groben zwei Szenarien untersucht. Das erste geht davon aus, dass die Treibhausgasneutralität ausschließlich durch Elektrifizierung erreicht wird. In diesem Fall steigt der Strombedarf der Industrie um 70 Prozent. Im zweiten Szenario werden neben elektrischer Energie auch erneuerbare Gase, vor allem Wasserstoff, eingesetzt. Dann erhöht sich der Strombedarf immerhin noch um mindestens 25 Prozent.
Damit wird deutlich, dass aus Sicht der Stromwirtschaft selbst unter günstigen Annahmen der Netzausbau sowie die geplanten Kraftwerkskapazitäten kaum ausreichen werden. Übertragungsleitungen wie Südlink verzögern sich weiter. "Und wir müssen jetzt schon an den nächsten Schritt denken, weil die jetzt geplanten und gebauten Leitungen nicht ausreichen werden", sagt Studienautor Perner.
Bisherige Planung basiert auf falschen Annahmen
Die Ergebnisse sind insofern alarmierend, dass bisherige Untersuchungen - zuletzt vom Umweltbundesamt oder auch vom Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos - oft mit der Annahme arbeiteten, dass der Strombedarf der Industrie gleich bleibt oder sogar sinkt.
Diese Studien waren davon ausgegangen, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie stagniert oder sich nur schwach positiv entwickelt. Das sehen die Macher der aktuellen Studie anders.
Mehrere Trends fressen alle Effizienzvorteile auf
Zahlreiche Entwicklungen versucht die Studie zu berücksichtigen. Ein wichtiger Punkt: Das Potenzial der Effizienzsteigerungen sei weitgehend ausgeschöpft. Umgekehrt wirkten aber zahlreiche Trends bedarfssteigernd: Im Bestreben, auf nachhaltige Energie umzusteigen, verzichteten Unternehmen zunehmend darauf, ihren Strom in eigenen Blockheizkraftwerken zu erzeugen.
Stattdessen beziehen sie grünen Strom, häufig aus dem Ausland. Denn der Ausbau der regenerativen Energien im Land komme nur schleppend voran, während Kohle- und Atomkraftwerke abgeschaltet werden.
Die Digitalisierung spart nichts ein
Dazu kommt, dass die Digitalisierung den Strombedarf offenbar nicht senkt, sondern erhöht. Die Studie identifiziert unter anderem Rechenzentren als Energiefresser. Aber auch der Trend zur Elektromobilität, der in dieser Studie nicht Thema war, werde sich auf der Industrieebene etwa durch den Bau von Batteriefabriken auswirken.
Ein großes Fragezeichen steht hinter der Hoffnung, dass sich grüner Wasserstoff als zusätzliche Energiequelle für die Industrie in den nächsten 20 Jahren durchsetzt. Wenn geplante Gaskraftwerke wie in Heilbronn künftig auch mit grünem Wasserstoff betrieben werden sollen, gelte es aber schon jetzt, die Infrastruktur darauf vorzubereiten.
Torsten Höck, Geschäftsführer des VfEW, meint dazu: "Alarmistisch zu sein bringt uns nichts, wir müssen arbeiten." Kein Weg führe aber an einem "massivsten Ausbau" der erneuerbaren Energien vorbei.
Die Frage, woher der Strom in Zukunft kommen soll, müssen nun andere beantworten. Die Autoren dieser Studie liefern keine Antwort darauf. Rechnerisch komme man auf zwei bis fünf zusätzliche Gaskraftwerke, die benötigt werden, schätzt Perner. Doch dabei bleibe unberücksichtigt, wie schnell der Zubau von Wind- und Solarkraft zulege, wie viel Strom aus dem Norden und aus dem Ausland importiert werde. Wichtig sei aber für künftige Planungen, insbesondere für den Netzentwicklungsplan, "die realistischen Annahmen zugrunde zu legen", sagt Perner.
Alles umbauen, und dabei auch noch die Preise im Blick behalten
Für Wolfgang Wolf, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), sind die Ergebnisse der Studie besorgniserregend: "Die Konsequenzen, die sich aus dem Klimawandel ergeben, stellen für unser Industrieland Deutschland und insbesondere für Baden-Württemberg eine bisher einmalige Herausforderung dar." Von wettbewerbsfähigen Strompreisen sei Deutschland weit entfernt. "Wir liegen hier 45 Prozent über dem EU-Durchschnitt."
Effizienzsteigerungen ausgeschöpft
Mitglieder des Verbands Unternehmer Baden-Württemberg (UBW) haben bei der Studie maßgeblich mitgewirkt und über Umfragen und Einzelinterviews zur Datengrundlage beigetragen. Dabei wurde deutlich, dass die Transformationsprozesse und die fortschreitende Digitalisierung den Strombedarf zusätzlich erhöht.
Ein überraschendes Ergebnis war: Unternehmen sehen mögliche Effizienzsteigerungen weitgehend ausgeschöpft. Einsparungen zwischen 0,5 und 1,0 Prozent pro Jahr seien noch möglich. Solche Vorteile werden mehr als aufgewogen von der "Elektrifizierung" der unterschiedlichsten Prozesse. Unternehmen heizen sogar - wie auch die privaten Haushalte - zunehmend mit Wärmepumpen und damit letztlich mit Strom.





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