Insolvenzen, Stellenabbau und Sparkurse: Krisenjahr für die deutsche Wirtschaft
Statt Wachstum beherrschen 2024 Meldungen über Jobabbau, Verlagerungen und Insolvenzen die öffentliche Diskussion. Das Jahr zeigt deutlich, wie tief die deutsche Wirtschaft in der Krise steckt.
Deutschland steckt tief in der Wirtschaftskrise, das hat das Jahr 2024 gezeigt. Von den hoffnungsvollen Wachstumsprognosen zum Jahreswechsel ist nichts übrig geblieben, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird im laufenden Jahr Experten zufolge maximal um 0,4 Prozent zulegen, viele Forscher erwarten sogar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Und für kommendes Jahr reichen die BIP-Prognosen von minus 0,3 bis 1,5 Prozent - ein kräftiger Aufschwung sieht anders aus.
Die Autobranche steckt mitten in einer schmerzhaften Transformation
Die Wachstumsschwäche hat mittlerweile nahezu alle Branchen im Land erfasst. Die Autoindustrie, mit rund 770.000 Beschäftigten eine Schlüsselbranche, befindet sich mitten in einer gewaltigen Transformation. Sie leidet unter der weltweit schwachen Nachfrage, insbesondere nach Elektroautos, und der zunehmenden Konkurrenz aus China.
Als Folge der Krise streichen Hersteller und Zulieferer massiv Stellen. Bei Volkswagen sollen bis 2030 35.000 Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut werden, bei Mercedes ist von mehr als 15.000 bedrohten Stellen die Rede, Ford will in Deutschland 2900 Arbeitsplätze einsparen.

Der Zulieferer ZF will zwischen 11.000 und 14.000 Jobs abbauen, bei Continental sind es mehr als 7000 und bei Schaeffler 2800. Bei Bosch sollen in Deutschland rund 3800 Arbeitsplätze abgebaut werden - auch am Entwicklungsstandort in Abstatt. Derzeit laufen die Gespräche zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmervertretern, die Stimmung im Konzern ist frostig, wie zahlreiche Pressekonferenzen und Protestaktionen der Arbeitnehmerseite deutlich machen.
Auch im Maschinenbau, der Stahlindustrie, im Handel, in der Chemie- und Pharmabranche und in der Bauwirtschaft stehen die Zeichen weiterhin auf Rezession. Viele Unternehmen treten auf die Investitionsbremse, drosseln ihre Produktion, oder verlagern gar Teile der Produktion ins Ausland. Das Wort von der Deindustrialisierung des Standorts Deutschland macht die Runde.
Wirtschaftsverbände machen die Ampel für die Krise verantwortlich
Die Verbände geben der Wirtschaftspolitik der mittlerweile geplatzten Ampel-Koalition in Berlin die Hauptschuld an der Misere. Zu hohe Energiekosten, zu hohe Steuern, zu viel Bürokratie und Dokumentationspflichten hemmen demnach die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Auch die Subventionspolitik der Ampel wird immer wieder als falsch und ineffektiv kritisiert.
Als Beispiele dienen hier vom Scheitern bedrohte Großprojekte wie die Chipfabrik von Intel in Magdeburg oder die Batteriefabrik von Northvolt in Heide. Hier drohen staatliche Subventionen in Milliardenhöhe verloren zu gehen.
Audi hofft trotz Spardiskussion auf besser Auslastung durch die Verbrenner aus Neckarsulm
Die Krise macht auch vor der lange Zeit sehr stabilen Region Heilbronn-Franken nicht halt. Audi als einer der größten Arbeitgeber der Region leidet unter der schwachen Nachfrage und hofft auf eine bessere Auslastung durch die neuen Verbrennermodelle in Neckarsulm. Doch auch bei der VW-Tochter ist die Spardiskussion in vollem Gange, Ausgang ungewiss.

Audi kommt sicherlich zugute, dass das Unternehmen in den zurückliegenden Jahren bereits 9500 Stellen abgebaut hat. Dennoch wird wohl auch die Marke mit den vier Ringen ihren Beitrag zu den Sparzielen im VW-Konzern leisten müssen.
Binder, Illig und Iwis: Drei bekannte regionale Unternehmen in Nöten

Gespart wird auch in vielen anderen Unternehmen in der Region. So hat der Steckverbinder-Hersteller Binder aus Neckarsulm Mitte Dezember den Abbau von jeder zehnten Stelle am Stammsitz angekündigt. Dort beschäftigt das Unternehmen rund 850 Mitarbeiter.
Und mit Illig und Iwis Mechatronics haben zwei bekannte Unternehmen in diesem Jahr sogar Insolvenz angemeldet. Anfang April meldet der Heilbronner Maschinenbauer Illig Insolvenz in Eigenverwaltung an. Im Sommer gelingt der angestrebte Verkauf des Traditionsunternehmens an den Münchner Investor Orlando Capital. Allerdings müssen 200 der rund 500 Illig-Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Mit der verbliebenen Mannschaft und dem neuen Eigentümer will der Maschinenbauer nun wieder auf die Erfolgsspur wechseln.
Auch bei Iwis in Schwaigern setzt man auf eine Sanierung in Eigenverwaltung, nachdem zahlreiche Restrukturierungen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben. Im Dezember verkündet der Autozulieferer den Abbau von 150 der einst 500 Arbeitsplätze. Die Betroffenen wechseln wie auch bei Illig zum Großteil in eine Transfer- und Beschäftigungsgesellschaft, um möglichst schnell einen neuen Job zu finden.
Immer mehr Unternehmen in der Region setzen auf Kurzarbeit und Stellenabbau
Zahlreiche weitere Unternehmen in der Region setzen auf Kurzarbeit und Stellenstreichungen, um die Krise zu meistern. Bei einigen reicht das aber nicht. So musste die Sinsheimer Firma Longlife, einst als Heilbronner Unternehmen mit dem Namen Kenngott-Treppen bekannt, wegen der Baukrise im November Insolvenz anmelden. Dadurch wurde im Dezember das Natursteinwerk Weinsberg mit in die Pleite gerissen - Longlife war dort der wichtigste Kunde. Insgesamt zeigen auch die steigenden Arbeitslosenzahlen, dass die Krise voll in der Region angekommen ist.
Sollte die neue Bundesregierung im neuen Jahr nicht rasch für die notwendigen Impulse und Reformen sorgen, dürften sich die Schreckensmeldungen aus der nationalen und regionalen Wirtschaft auch 2025 fortsetzen.
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