Spritpreis mit saftigem Risikoaufschlag
"Einen derart gewaltigen Preissprung an den Zapfsäulen gab es in Deutschland noch nie", klagt der Automobilclub ADAC. Wie die Mehrkosten an der Zapfsäule zu bewerten sind und was Autofahrer jetzt tun können, um Geld zu sparen.

"Einen derart gewaltigen Preissprung an den Zapfsäulen gab es in Deutschland noch nie", klagt der Automobilclub ADAC. Um rund 40 Cent ging es binnen einer Woche nach oben, vor allem Diesel war betroffen. Als Begründung führt der Wirtschaftsverband Fuels und Energie En2X den "geopolitischen Risikoaufschlag auf den Ölpreis" an.
Mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine stieg auch der Rohölpreis an den Börsen stark an. Die Sorten Brent und WTI stiegen von Kursen um die 100 Dollar je Barrel (159 Liter) um mehr als ein Viertel auf 120 Dollar und mehr. Im Lauf der aktuellen Woche sank der Preis aber auch schon wieder deutlich. An den Tankstellen ist davon wenig zu spüren.
Dass vor allem der Dieselpreis so stark angestiegen ist, liegt daran, dass Heizöl und Diesel eng verwandte Raffinerieprodukte sind. "Beides sind sogenannte Mitteldestillate", erklärt der Sprecher des Mineralölverbands En2x, Alexander von Gersdorff. Wird mehr von einem hergestellt, könne weniger vom anderen produziert werden. Als mit dem Ausbruch des Krieges die Nachfrage nach Heizöl anstieg, führte das auch hier zu starken Preisaufschlägen von fast 90 Prozent in der Spitze. In den vergangenen Tagen stabilisierte sich der Heizölpreis dann auf hohem Niveau von rund 1,73 Euro pro Liter.
Mit ihrem explosionsartigen Anstieg haben sich aber auch die Spritpreise "vom Rohölpreis und Dollarkurs entkoppelt", klagt der ADAC. Das zeigt sich auch daran, dass die aktuellen Rekordpreise bei Heizöl, Benzin und Diesel weit über dem Niveau liegen, das 2008 erreicht wurde, als der Rohölpreis mit um die 150 Dollar pro Barrel noch einmal deutlich höher lag. Damals kostete Diesel wenig mehr als 1,50 Euro pro Liter.
Zur Erklärung führt Gersdorff an, dass die Rahmenbedingungen nicht zu vergleichen seien. Der Ölpreisanstieg 2008 habe unter relativ "normalen Bedingungen" stattgefunden. Das sei diesmal komplett anders. Und das Phänomen sei beispielsweise auch in den USA zu beobachten, nicht nur in Deutschland. Bemerkenswert am Rande: "Russisches Öl ist derzeit billig, weil die westlichen Mineralölfirmen weniger abnehmen", erzählt Gersdorff. Das führe zusätzlich zu einer Verknappung.
Der ADAC rät dazu, gerade jetzt die Preise zu vergleichen. Zahlreiche Apps bieten hier gute Orientierung. Sparpotenzial liegt zudem in der Fahrweise. Wer freiwillig mit Tempo 100 auf der Autobahn unterwegs ist und vorausschauend fährt, kann mit modernen Motoren schnell zehn bis 20 Prozent Kraftstoff einsparen – sofern man diese Tipps nicht ohnehin schon beherzigt hat. Und: Wer sein Auto stehen lassen kann, tut derzeit besonders viel für seinen Geldbeutel. Für Besitzer von Elektroautos haben die Preissprünge an der Tankstelle natürlich keine Bedeutung. Sie bekommen die Auswirkungen der Krise allenfalls über den Strompreis zu spüren.
Bei allem Verständnis für die Sorgen derer, die nun von den starken Aufschlägen betroffen sind, sollte man die Schwankungen nicht dramatisieren, warnen Experten. Gernot Sieg, Direktor des Instituts für Verkehrswissenschaft an der Universität Münster rechnet in der "Süddeutschen Zeitung" vor, dass ein Fahrer derzeit immer noch einen geringeren Anteil seines Einkommens für das Tanken aufwenden müsste als vor zehn Jahren. Von umgerechnet 85 Cent pro Liter 1997 stieg der Preis nun zwar auf zwei Euro. Doch im gleichen Zeitraum habe sich auch der durchschnittliche Nettolohn aller Arbeitnehmer von 1334 Euro auf 2088 Euro erhöht, der Verbrauch der Verbrennerautos hat sich zugleich weiter reduziert.
Forderungen an die Politik gibt es trotzdem. Denn von den gestiegenen Preisen profitiert der Staat direkt über die Mehrwertsteuer. So könnte beispielsweise die zusätzlich erhobene Energiesteuer vorübergehend reduziert werden. Auch eine Erhöhung der Pendlerpauschale bereits ab dem ersten Kilometer wäre möglich. Ab dem 21. Kilometer wurde sie gerade auf 38 Cent erhöht. Genau diese Vergünstigungen erreichen die Geringverdiener allerdings in der Regel nicht.





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