Diesel-Schock wirkt in vielen Branchen heftig
Der extreme Preisanstieg belastet Handwerker, Bauern, Taxifahrer oder Busanbieter in der Region. Beim Gespräch mit Betroffenen werden Forderungen nach Steuersenkungen laut.

Für Autofahrer sind es heftige Zeiten, für jene mit Diesel-Wagen ganz besonders: Dass der sonst so günstige Dieselkraftstoff beim Preis derartige Höhenflüge vollzieht, tut beim Tanken weh. Wie weit der Anstieg, ausgelöst durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, noch geht, ist ungewiss. Wer mit Diesel-Fahrern spricht, hört oft: Der Bund solle durch Entlastungen die Folgen spürbar abmildern.
ADAC rät davon ab, Pflanzenöl in den Diesel zu mischen
Der ADAC Württemberg rät strikt davon ab, Pflanzenöle mit Diesel zu vermischen - offenbar sind wegen der Preisentwicklung bereits Diesel-Fahrer auf diese Idee gekommen. Nach Angaben von ADAC-Sprecher Julian Häußler steigt zudem die Nachfrage nach der Nutzung des Biobenzins E10. Man könne E10 problemlos bei Benzinern ab Baujahr 2012 verwenden, sagt er. Auch die Nachfrage nach Elektroautos steige derzeit stark an, so Häußler.
Selbst bei der Deutschen Bahn machen sich die Spritpreise bemerkbar, weil mehr Menschen vom Auto auf die Bahn umsteigen. Über steigende Spritkosten hinaus sehe man weitere Gründe dafür, sagt eine Sprecherin: Anlässe für Reisen nähmen zu, die Corona-Regeln würden gelockert und die Homeoffice-Regelungen veränderten sich. "Generell ist das Bewusstsein für nachhaltiges und klimafreundliches Reisen gestiegen."
Umfrage in der Region
Wie sich die hohen Spritpreise auf den Berufsalltag auswirken:
Natali Kupershmidt, Pflegedienst Heilbronn

Für den ambulanten Pflegedienst Harmonie 24 sind 28 Fahrzeuge unterwegs. Das seien vorrangig Benziner, berichtet Geschäftsführerin Natali Kupershmidt. "Die Autos zu betanken, hat uns monatlich im Schnitt 6500 Euro gekostet. In der aktuellen Lage würde das um 40 Prozent teurer werden", sagt Kupershmidt. Bislang bezahlten die Krankenkassen eine Pauschale von zwei Euro pro Anfahrt zum Pflegebedürftigen. "Im Stadtkreis ging das einigermaßen auf, für Klienten, die im Landkreis leben, war das schon kaum rentabel. Aber bei diesen Spritpreisen ist es existenzbedrohend", erklärt die 39-jährige Betriebswirtschaftlerin.
Sie betont, dass die Krankenkassen nicht in der Pflicht stünden: Es helfe nicht, "wenn die Kassen die Beiträge erhöhen". Die Regierung solle Subventionen prüfen, vor allem aber die Märkte stabilisieren und der Spekulation Einhalt gebieten. Man müsse "aufpassen, dass durch Panik an der Börse die Ölpreise nicht weiter explodieren", fordert Kupershmidt. "Bei der Pflege trifft es die Schwächsten. Die Tankkosten müssen wir jetzt schon exakt berechnen, bevor wir neue Verträge abschließen." Sie plane seit langem, zu E-Autos zu wechseln. Ihre Bitten ans Rathaus, dabei zu helfen, Ladesäulen an ihrem Hauptsitz zu errichten, seien nicht positiv beantwortet worden, berichtet sie.
Martin Freisleben, Innungsobermeister

Auch die Handwerker, die viel unterwegs sind mit ihren Fahrzeugen, trifft der steile Dieselpreis-Anstieg hart. Eine Tankfüllung, für die man inzwischen etwa 140 bis 160 Euro zahle, mache bei den Kosten schon viel aus, sagt Martin Freisleben, Innungsobermeister Sanitär, Heizung und Klima in der Region Heilbronn-Franken. Der Fleiner überlegt, in seinem Betrieb bald die Fahrtkostenpauschale zu erhöhen. Im Schnitt werde man wohl etwa fünf Euro mehr verlangen müssen.
Mit solch einer Preisexplosion bei Diesel und Benzin-Kraftstoff hat Freisleben nicht gerechnet. Er erwartet, dass die hohen Preise bis zum Jahresende oben bleiben werden. Die Handwerksbetriebe seien mit ihrem Fuhrpark aber schon durch die CO2-Steuer stark betroffen. "Irgendwo müssen wir die Kosten weitergeben". Das werde den Kunden dann auch erklärt.
Mittelfristig plant der Obermeister für seinen Betrieb, dass er die Fahrzeuge auf Elektro oder Hybrid umstellt. Derzeit sei es aber schwierig, weil die geringe Reichweite bei E-Transportern dazu führe, dass man nach ein bis zwei Kunden wieder neu laden müsse. Von der Politik erwartet Freisleben, dass die Mehrwertsteuer auf sieben Prozent abgesenkt werde. Das wäre eine wichtige Entlastung, auch bei Materialien.
Ugur Akseven, Taxizentrale Heilbronn

Die Taxizentrale Heilbronn steht für Unternehmer, die mit insgesamt 60 Taxen Fahrten anbieten. Bis auf zwei E-Autos tankt jedes Taxi Diesel. "Die gewaltigen Spritpreise dürfen wir nicht auf die Kunden umlegen", sagt Ugur Akseven. Es gilt ein kommunaler Tarif. Mit einer Anhörung habe man erreicht, dass eine Tariferhöhung ab April geplant ist. "Erstmalig erbeten" habe man das vor Jahreswechsel, wie der Prokurist der Zentrale sagt, weil die Branche pandemiebedingt leidet: Geschäftsleute fehlten. Gegensteuert habe man unter anderem mit Schülerbeförderung.
Unkritisch seien Tarifanpassungen aber nicht. "Es ist sowohl für uns als auch für das Ordnungsamt nicht einfach." Die Zwickmühle sei, dass "wir die Preise nicht zu hoch ansetzen wollen. Taxifahrten müssen bezahlbar sein." Bis zu vier Taxen unterhalten die Betreiber. Sie müssen nun auf ihre Rücklagen zurückgreifen, um die Fahrer zu bezahlen. "Es drohen Kurzarbeit oder Entlassungen.
Wir wollen mit Aufträgen dagegenhalten. Doch die Verluste auszugleichen, ist bei den rapiden Preisanstiegen unmöglich", sagt der 32-Jährige. Er befürchtet eine Kettenreaktion: "Wenn das Taxi-Geschäft nicht läuft, fehlen auch der Zentrale Einnahmen. Es würde auch uns zu Sparmaßnahmen zwingen."
Tilo Elser, Stadtwerke Heilbronn

So einen Anstieg bei den Benzinpreisen wie jetzt hat der Heilbronner Stadtwerke-Geschäftsführer noch nicht erlebt. "Es trifft uns wie andere auch", sagt Tilo Elser mit Blick auf die Verkehrsbetriebe mit rund 65 Stadtbussen, die im Schnitt 17 Millionen Fahrgäste pro Jahr befördern. Fast alle fahren mit Diesel.
Eine Verteuerung des Dieselkraftstoffs um bis zu 60 Prozent in dieser kurzen Zeit sei immens. Wenn dies bis zum Jahresende in der Form anhalten würde, dann rechnen die Verkehrsbetriebe mit Mehrkosten von etwa 500.000 bis 600.000 Euro. Ein heftiges Kostenplus in der Bilanz. Elser: "Es geht an die Substanz."
Kann die Lösung sein, gleich die Ticketpreise anzuheben? Der Stadtwerke-Chef weiß, dass die auch schon bei den Energiekosten stark gebeutelten Bürger darauf mit Kritik und Ablehnung reagieren würden. Als "schwierig" stuft Elser eine solche Preiserhöhung ein. Als sinnvoller und effektiver sieht er einen Weg, in dem der Bund bestimmte Steueranteile an den Krafststoffkosten aussetzt und dadurch die Spritpreise spürbar drückt. Die Bundesregierung sei gefragt, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Verschiedene Busverbände hätten solche Forderungen bereits öffentlich gemacht.
Rolf Stirn, Hohenloher Landwirt

Rolf Stirn (57) bewirtschaftet rund 100 Hektar Fläche und betreibt mit zwei weiteren Bauern die Biogasanlage des Bioenergiedorfs Kupferzell-Hesselbronn. "Für die Bestellung und Ernte unserer Felder müssen wir mit 130 bis 150 Litern Diesel pro Hektar rechnen. Das bedeutet aktuell 130 bis 150 Euro mehr pro Hektar. Bei einem Betrieb mit 100 Hektar sind das deutlich fünfstellige Beträge." Die Folgen des Preis-Schocks seien gravierend.
"Durch die gemeinsame Biogasanlage haben wir für drei Höfe einen Dieseltank mit 10.000 Liter Volumen, den wir gerade gefüllt haben. Damit werden die Ackerbaugeräte für fast 300 Hektar Fläche und die Maschinen für die Unterhaltung der Biogasanlage getankt. Doch dieser Diesel wird nicht für das ganze Jahr reichen." Hohe Preise seien schwierig. Noch viel schlimmer sei, wenn Diesel gar nicht mehr verfügbar wäre. "Das Schlimmste wäre, wenn wir unsere Kulturen das ganze Jahr pflegen und im Herbst kein Diesel für die Ernte mehr da wäre."
Was ist mit E-Traktoren? "Wir haben uns schon Gedanken gemacht, ob sich manche Maschinen auf E-Antrieb umstellen lassen würden. Ein Teleskoplader, der morgens und abends für das Befüllen der Biogasanlage eingesetzt wird, könnte während der Standzeit geladen werden. Bei Traktoren sehe ich das nicht als Möglichkeit."
Benjamin Offenberger, Berufspendler

Rund 50 Kilometer einfach fährt Benjamin Offenberger von seinem Wohnort Binau im Neckar-Odenwald-Kreis zu seinem Arbeitsplatz im Bretzfelder Rathaus. "Meine letzte Tankfüllung lag bei um die 80 Euro", sagt er. Da war der Diesel-Preis jedoch noch bei unter zwei Euro. Was das an monatlichen Spritkosten bedeutet, darüber will der 38-jährige Familienvater lieber nicht so genau nachdenken. Zuletzt habe er immerhin durch regelmäßiges Homeoffice auch Spritkosten gespart. Das ändere sich jetzt wieder. "Aber um es etwas pathetisch auszudrücken: Das ist vielleicht der Preis der Freiheit, den wir jetzt zahlen", sagt er mit Blick auf den Krieg in der Ukraine. Immerhin sei er in der glücklichen Situation, sich das leisten zu können. "Mir ist aber bewusst, dass das nicht alle können."
Im Herbst vergangenen Jahres hat Offenberger sich erst wieder einen Diesel-Pkw zugelegt. Bereut er das jetzt? "Nein, ich hatte zwar über ein Elektro-Auto nachgedacht", doch Reichweite und Anschaffungspreis seien bei den infrage kommenden Fahrzeugen nicht zufriedenstellend ausgefallen. "Ich gehe auch nicht davon aus, dass die Spritpreise dauerhaft so hoch bleiben", sagt der Bretzfelder Hauptamtsleiter. Er rechne aber damit, dass das Ende der Fahnenstange derzeit noch nicht erreicht ist.
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