Sport-Union Neckarsulm nimmt einen neuen Anlauf in Richtung Europapokal
Noch ist Europa ein Traum, doch die Neckarsulmer Bundesliga-Handballerinnen der Sport-Union wollen daraus ein Ziel machen. Dafür fehlen dem Verein aber die finanziellen Voraussetzungen. Bei einem Austausch mit Partnern und Sponsoren legen die Vereinsverantwortlichen Zahlen offen.

Vom Matterhorn war am Mittwochabend nichts zu sehen. Stattdessen gab es in der Backstube der Bäckerei Härdtner/Mitterer in Heilbronn-Sontheim in klar gegliederter Form Zahlen, Daten, Fakten und eine klare Botschaft: „Wir wollen nach Europa.“ Die vier Worte, die Bernd Dollmann, Vorstandsmitglied der Sport-Union Neckarsulm, als „Wunschziel“ der Bundesliga-Handballerinnen formulierte, waren die Kernbotschaft des Abends, zu dem der Verein und seine Bundesliga-Mannschaft ihre Partner und Sponsoren eingeladen hatten.
Sinn und Zweck des „Netzwerktreffens“, daraus machte niemand ein Geheimnis, war die Akquise von Geldern und Kontakten, wozu die Sport-Union im übertragenen Sinne ihre Hosen herunterließ und Einblicke in die Finanzsituation ihres Aushängeschildes gab. Bestehende Sponsoren sollen ihr Engagement ausweiten, neue sollen gewonnen werden, um das „Wunschziel“ Realität werden zu lassen.
Erinnerungen an misslungene Europa-Ambitionen in der Vergangenheit
„Wir bereiten – in kleinen Schritten – den sportlichen Weg vor und haben das Umfeld, die Ballei und die Spielerinnen. Was uns aber fehlt, sind die finanziellen Möglichkeiten“, sagte Rolf Härdtner. Der Wunsch, den Europapokal als Ziel in den Blick zu nehmen, sei aus der Mannschaft heraus entstanden, berichtet der Vorstandsvorsitzende, dem die Brisanz des Themas zugleich aber sehr wohl bewusst ist.
Denn der Europapokal und die Handballerinnen der Sport-Union Neckarsulm, das war in der Vergangenheit eine eher unglückliche Melange, die den Verantwortlichen mitunter reichlich Spott eingebracht hatte. Die im September 2019 skizzierte „Vision Europa!“, die die damaligen Verantwortlichen um Geschäftsführer Kai Stettner und Trainer Pascal Morgant auf einer Powerpoint-Folie als Gipfel des Matterhorns visualisiert hatten, scheiterte ebenso wie ab 2021 die (über-)ambitionierten Pläne mit Tanja Logvin und später Gerhard Husers in der sportlichen Verantwortung.
Sport-Union könnten dritten Wettbewerb mit aktuellem Etat nicht stemmen
Entsprechend defensiv formulierten die Verantwortlichen die Ambitionen nun. „Das ist keine Kampfansage nach dem Motto ‚SUN goes Europe‘. Das Schiff kann derzeit fahren, aber mehr nicht“, ordnete Thomas Zeitz als Trainer und Sportlicher Leiter die Situation ein. „Stand jetzt ist der Europapokal unrealistisch und mehr Traum als Ziel“, sagte der 52-Jährige und bezog das auf das Finanzielle ebenso wie auf das Sportliche.
Bei der Sport-Union wollte man am Mittwochabend vielmehr die Bereitschaft und das Potenzial des Sponsorenpools ausloten. „Es ging darum aufzuzeigen, was nötig wäre und was Europapokal bedeuten würde“, sagte Zeitz. Klar ist unabhängig vom sportlichen Abschneiden nämlich: mit dem aktuellen Etat von 1,35 Millionen Euro ist europäischer Handball nicht zu stemmen.
Europa-Reise wäre für die Sport-Union mit diversen Mehrkosten verbunden

Bis zu 400.000 Euro wären wohl zusätzlich nötig, hat der Verein um Geschäftsführer Hannes Diller errechnet, um eine Saison in der European League zu bestreiten: Zu den Aufwands- und Reisekosten für die Gruppenphase (75.000 Euro) und jede weitere Spielrunde (ca. 20.000 Euro) kämen die in den Verträgen der Spielerinnen und Trainer verankerten Erfolgsprämien (185.000 Euro) sowie die in der Ballei nötigen Umbauarbeiten. Die würden in einer Summe von etwa 120.000 Euro unter anderem die Anschaffung weiterer LED-Banden und die Renovierung des Kabinentraktes umfassen, um den Vorgaben der Europäischen Handballföderation EHF zu entsprechen. Nicht Mitinbegriffen wären zudem steigende Gehaltskosten von potenziellen Neuzugängen, die Europapokal-Erfahrung mitbrächten. Denn: „Wir wollen die sportliche Qualität bei den Spielerinnen nicht reduzieren“, wie Bernd Dollmann betont.
Eine Übersicht über die Ein- und Ausgabenverteilung des Erstligisten offenbarte zudem, wie stark der Bundesliga-Standort Neckarsulm am Tropf von Sponsoren hängt. Zuschüsse der Liga und aus der Sportförderung machen zusammen weniger als fünf Prozent der Einnahmen aus. Darüber hinaus macht der Verein bei fast jedem Liga-Heimspiel rund 20 Prozent Verlust, weil die Einnahmen aus Ticketverkauf und Catering die Kosten für die Organisation und Durchführung der Spiele bei weitem nicht auffangen würden, wie Geschäftsführer Diller erklärte. „Wir leben von den Sponsoren und brauchen euch“, sagte Bernd Dollmann an geladenen Gäste die gerichtet.
Europapokal ist im Frauen-Handball ein Zuschussgeschäft

Zwar plant der Verein für seine Bundesliga-Handballerinnen zur nächsten Saison mit einer Erhöhung von 100.000 Euro. Doch ohne Hilfe von externen Geldgebern, das betonten die Vereinsverantwortlichen unisono, bliebe das Ziel ein Wunsch. „Das Abenteuer Europa ist im Frauen-Handball ein Zuschussgeschäft“, stellte Dollmann unmissverständlich klar. Daher gelte es, sich zu fragen: „Ist uns das die Reise wert?“
Die Sport-Union Neckarsulm hat diese Frage für sich selbst mit „Ja“ beantwortet, ist aber darauf angewiesen, dass auch eine ganze Reihe bestehender und neu zu gewinnender Partner sie mit „Ja“ beantwortet.
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