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Jede Auswärtsfahrt der Sport-Union Neckarsulm beginnt im Sommer

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Die längste Auswärtsfahrt der Saison nach Buxtehude ist für den Neckarsulmer Bundesligisten ein logistischer Großaufwand. Die Verantwortlichen im Hintergrund geben Einblicke in die Planung und verraten auch, wer im Mannschaftsbus wo sitzt.

Die Abläufe sind eingespielt und alle packen mit an: Die Neckarsulmer Spielerinnen um die wieder genesene Lilli Holste (Zweite von rechts) seien äußerst angenehme Fahrgäste, sagt Busfahrer Selim Cejovic.
Die Abläufe sind eingespielt und alle packen mit an: Die Neckarsulmer Spielerinnen um die wieder genesene Lilli Holste (Zweite von rechts) seien äußerst angenehme Fahrgäste, sagt Busfahrer Selim Cejovic.  Foto: Berger, Mario

Amal verzögert die Abfahrt der Neckarsulmer Reisegruppe am Freitagmorgen ein wenig. Der weiße, verspielte Königspudel von Rolf Härdtner hat es den Bundesliga-Spielerinnen der Sport-Union angetan. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins hat seinen vierbeinigen Begleiter dabei, als er die Mannschaft auf dem Aquatoll-Parkplatz am Pichterichstadion zu ihrem längsten Auswärtsspiel der Saison verabschiedet. „Ich weiß ja, wie sehr sie ihn mögen“, sagt der 83-Jährige verschmitzt.

Den Großteil des immensen organisatorischen Aufwands einer solchen Auswärtsfahrt haben Sascha Göttler und Mike Vogelgesang da bereits erledigt. Letzte Kisten und Kästen mit Getränken, Verpflegung und Arbeitsmaterialien werden noch im großzügigen Gepäckraum des hellblau folierten Superhochdecker-Busses, der die Mannschaft der Sport-Union nach Buxtehude bringen wird, verstaut. Auch die Spielerinnen packen fleißig mit an. Göttler, der bei der Sport-Union für die Organisation des Leistungssports verantwortlich ist, und Vogelgesang, der sich als Mannschaftsverantwortlicher um verschiedenste Belange rund um das Team kümmert, haben das schon unzählige Male gemacht; jeder Handgriff sitzt.


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Sport-Union Neckarsulm hat beim Buxtehuder SV etwas gutzumachen


Anreise am Vortag bei Auswärtsspielen in Buxtehude und Oldenburg

Die Auswärtsfahrt in den Norden Niedersachsens ist für die Sport-Union – die einzige Mannschaft aus der Region, die bundesweit im Einsatz ist – die längste der Saison. Rund 615 Autobahn-Kilometer trennen die Spielstätten beider Vereine voneinander, so dass der Unterländer Tross bereits am Freitag anreist und eine Nacht in Schneverdingen, rund 45 Kilometer südlich von Buxtehude, übernachtet, bevor er am Samstag gegen 13 Uhr zur Neuen Halle Nord aufbricht.

Sergi García hat mit am meisten Gepäck. Kein Wunder, gehört für den Neckarsulmer Physiotherapeut doch etwa eine Behandlungsliege zur Grundausstattung.
Sergi García hat mit am meisten Gepäck. Kein Wunder, gehört für den Neckarsulmer Physiotherapeut doch etwa eine Behandlungsliege zur Grundausstattung.  Foto: Berger, Mario

Auch zum Spiel beim VfL Oldenburg reist die Sport-Union für gewöhnlich bereits am Vortag an, nach Blomberg ins Lipperland geht es hingegen meist direkt am Spieltag. „Für uns und den Busfahrer sind in etwa 400 Kilometer die Grenze“, sagt Sascha Göttler. Alles was deutlich darüber hinaus gehe, verbinde man üblicherweise mit einer Hotel-Übernachtung.

Bei Verpflegung und Unterkunft ist vorausschauende Planung wichtig

Deren Buchung, der Zeitplan, die benötigten Annehmlichkeiten vor Ort und die Bestellung und Abholung von Frühstück und warmem Mittagessen bei Bäcker und Caterer für den Anreisetag fallen ebenfalls in Göttlers Zuständigkeitsbereich. „Für Sascha ist so ein Auswärtsspiel ein logistischer Großaufwand“, sagt Trainer Thomas Zeitz anerkennend. Auch die Verpflegung vor und nach den Spielen gilt es zu organisieren: manchmal wird im Vorfeld etwas bestellt, manchmal kocht das Hotel vor. „In der Regel übernachten wir daher immer in den gleichen Hotels“, berichtet Göttler, denn gewohnte Abläufe und Örtlichkeiten machen die Auswärtsfahrten für alle Beteiligten angenehmer.

Des Fahrers liebste Reisegruppe: Der Tross der Sport-Union Neckarsulm steigt am Freitag in Schneverdingen ab. Von dort geht es am Samstag dann in rund einer Stunde nach Buxtehude.
Des Fahrers liebste Reisegruppe: Der Tross der Sport-Union Neckarsulm steigt am Freitag in Schneverdingen ab. Von dort geht es am Samstag dann in rund einer Stunde nach Buxtehude.  Foto: Berger, Mario

Die Kriterien sind dabei klar umrissen: „Die Unterkunft sollte auf dem Weg zum Spielort liegen, aber nicht mehr als eine Stunde von diesem entfernt sein“, sagt Göttler. Auch ein Gruppenraum für Teambesprechungen und Physiobehandlungen sei wichtig. Die erforderliche Möglichkeit eines späten Check-outs am Spieltag habe außerdem schon manches Hotel um einen Besuch der Sport-Union gebracht, erzählt Göttler, der sich je nach Anwurfzeit außerdem noch um Trainingsmöglichkeiten vor Ort kümmert. Untergebracht sind die Spielerinnen stets in Doppelzimmern. Das sei eine Vorgabe von Hannes Diller, der als Geschäftsführer die Vereinsfinanzen im Blick behält.

Kaum einer sieht mehr Neckarsulmer Auswärtsspiele als Busfahrer Selim Cejovic

Dafür, dass alle sicher am Ziel ankommen, ist hingegen Selim Cejovic verantwortlich. Der 62-Jährige ist als Fahrer des Setra S 517 HD auf fast allen Auswärtsfahrten mit dabei und hat je nach zurückzulegenden Distanzen noch einen Kollegen an seiner Seite; Stichwort Lenk- und Ruhezeiten. An diesem Wochenende ist das Alexander Schmidt.

Der Dreiachser, den die beiden mit einem Wechsel auf dem Fahrersitz in rund acht Stunden nach Buxtehude bringen, ist trotz seiner Sport-Union-Folierung Teil der normalen Flotte von Ernesti Bustouristik, wobei der Bundesligist ein Erstzugriffsrecht hat. Termine und mögliche Verschiebungen meldet Sascha Göttler Jahr für Jahr noch im Sommer und weit vor Saisonbeginn beim Güglinger Unternehmen an.

Selim Cejovic (links) und Alexander Schmidt bringen die Neckarsulmer Bundesliga-Handballerinnen am Wochenende nach Buxtehude und wieder zurück.
Selim Cejovic (links) und Alexander Schmidt bringen die Neckarsulmer Bundesliga-Handballerinnen am Wochenende nach Buxtehude und wieder zurück.  Foto: Berger, Mario

„Die Spielerinnen machen es einem enorm leicht“, berichtet Selim Cejovic von pflegeleichten Fahrgästen – Fußball-Fans und Klassenfahrten seien deutlich anstrengender erzählt er und lacht. „Der Bus ist meine zweite Heimat“, sagt Cejovic, der im Jahr rund 80.000 Kilometer hinter dem Steuer des 450-PS-Gefährts sitzt; etwa 9000 davon für die Sport-Union: „Bei den weiten Auswärtsfahrten bin ich dann manchmal auch der einzige Fan der Sport-Union in der Halle.“ Im Fußball-Kosmos würde er damit problemlos als „Allesfahrer“ durchgehen.

Arbeitstag der Busfahrer endet nicht am Aquatoll-Parkplatz

Alexander Schmidt ist als zweiter Fahrer seltener mit den Sport-Union-Frauen unterwegs. Er fährt noch regelmäßig im Linienbus-Betrieb − den etwas angenehmeren Arbeitszeiten und damit der Familie zuliebe. Am Freitagmorgen übernimmt er allerdings die Abfahrt aus Neckarsulm, bevor er Cejovic nach rund viereinhalb Stunden das Steuer übergeben wird. „Nach unserer Rückkehr wird der Bus dann gleich noch geputzt und gereinigt“, erzählt Schmidt. Dadurch könne er theoretisch schon am Sonntagmorgen wieder für die nächste Fahrt eingesetzt werden.

Bis die beiden Fahrer, die den Setra am Freitag noch vor der Abfahrt von Güglingen nach Neckarsulm „reisefertig“ gemacht haben, schließlich wieder zu Hause sind, kann es am Sonntag gut und gerne 7 Uhr werden. Solch weit entfernte Auswärtsspiele bedeuten daher nicht nur für die Spielerinnen ein kurzes Wochenende.

Keine Fans, keine Zigaretten: Professionalität steigt auch im Mannschaftsbus

Das optisch auffällige Design des Busses führe immer wieder zu Nachfragen, im Zweifel jener, ob denn die Spielerinnen auch (mit) an Bord seien, sagt Busfahrer Cejovic. Die Zeiten, in denen Fans zu Auswärtsspielen im Mannschaftsbus mitfuhren, sind seit Zeitz’ Vor-Vorgängerin Tanja Logvin allerdings im Übrigen ebenso vorbei wie die Tage, an denen im Bus noch munter gequalmt wurde. „Zu meiner Zeit als Spieler war das noch anders“, erinnert sich Zeitz und lacht. Bis vor wenigen Wochen hatte der Trainer selbst noch regelmäßig zur Zigarette gegriffen, selbstredend aber nie im Mannschaftsbus.

Jede Spielerin hat im Neckarsulmer Mannschaftsbus zwei Plätze für sich. Das gilt auch für die Mitglieder des Trainer- und Betreuerstabs in den ersten drei Reihen.
Jede Spielerin hat im Neckarsulmer Mannschaftsbus zwei Plätze für sich. Das gilt auch für die Mitglieder des Trainer- und Betreuerstabs in den ersten drei Reihen.  Foto: HSt Grafik

54 Personen würden dort Platz finden. Das Gefährt aus Neu-Ulm aus dem Jahr 2019 bietet diverse Vorzüge eines Komfort-Reisebusses, verfügt allerdings nicht über Vierer-Sitzgruppen mit einem zentralen Tisch. Weil jedoch Beinfreiheit für die Spielerinnen wichtig ist, hat jede Akteurin zwei Plätze zur Verfügung.

Im hinteren rechten Teil hat sich die „BeNeLux-Fraktion" um Munia Smits, Annefleur Bruggeman, Iva van der Linden und Lynn Holtman eingerichtet, ganz vorne hat Sascha Göttler immer ein zusätzliches Auge auf das Navigationsgerät. Ebenfalls sinnvoll: Meret Ossenkopp sitzt vor der Verpflegung, denn die Rechtsaußen ist die vom Team bestimmte Ansprechpartnerin für Sascha Göttler bei Fragen rund um das Essen. 

Spielerinnen genießen in Bus und Hotel viele Freiheiten

Während der Fahrt geht es meist ruhig zu. Gespräche, schlafen, TV-Serien schauen und lesen sind die beliebtesten Beschäftigungen der Spielerinnen. „Es gibt keine Verbote oder Bedingungen, jede Spielerin ist individuell“, sagt Sascha Göttler, der allerdings die Erfahrung gemacht hat, dass die Rück- mitunter schneller vorbeigehen als die Hinfahrten – je nach Spielausgang wohlgemerkt.

Auf den Hinfahrten nehme er sich hin und wieder eine Spielerin zur Seite, erzählt Thomas Zeitz, um noch einmal einige ausgewählte Videosequenzen zu besprechen. „Aber auch das ist sehr unterschiedlich: einige kommen deswegen schon fast von sich aus zu mir, andere wollen lieber in Ruhe gelassen werden.“ Das eine wie das andere respektiert der Trainer. Auch später im Hotel sei das Programm nicht allzu starr, damit jede Spielerin Schlafens- und Essenszeiten an den eigenen Rhythmus anpassen könne.

Ansprache vom Chef: Rolf Härdtner (Vierter von links) verabschiedet die Mannschaft vor der Abfahrt zu fast jedem Auswärtsspiel persönlich.
Ansprache vom Chef: Rolf Härdtner (Vierter von links) verabschiedet die Mannschaft vor der Abfahrt zu fast jedem Auswärtsspiel persönlich.  Foto: Berger, Mario

Gute Wünsche und mutmachende Worte von Vereinschef Rolf Härdtner

Als die Neckarsulmer Spielerinnen am Freitagmorgen kurz vor der vereinbaren Startzeit auf dem Aquatoll-Parkplatz eintreffen, haben sie nach ihrem Arbeitsbeginn um 8 Uhr bereits ein Früh-Training hinter sich. Vor der Abfahrt hält Rolf Härdtner, wie fast immer, noch eine kurze Ansprache. Auch das ist längst ein festes Ritual. „Ich wünsche euch eine gute Fahrt, ein wunderschönes Spiel − und habt Vertrauen in euch“, gibt der Vorstandsvorsitzende der Reisegruppe mit auf den Weg. „Und: Alle Fehler, die ihr am vergangenen Samstag gemacht habt, bitte nicht wiederholen.“

Zur anvisierten Rückkehr am frühen Sonntagmorgen, irgendwann zwischen 3 Uhr und 4 Uhr, wird Rolf Härdtner wieder da sein, um die Mannschaft zu empfangen. Auch wenn er längst nicht mehr jeden Morgen in der Backstube steht, ist der Bäckermeister doch ein Morgenmensch geblieben. Und vielleicht ist dann auch wieder Amal dabei. Gegen eine gemeinsame morgendliche Runde mit dem 83-Jährigen hätte der Königspudel sicher nichts einzuwenden.

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