Rainer Noller macht Schluss: Der Rallye-König des Unterlands tritt ab
Nach 136 Gesamtsiegen beendet der Abstatter Rainer Noller seine 20 Jahre währende Rallye-Karriere. Nach vielen Höhe- und einigen wenigen Tiefpunkten blickt der 55-Jährige zufrieden und stolz zurück. In den Statistiken steht er in der Nachbarschaft der Großen der Szene.

Die neusten Pokale stehen noch auf dem Boden. Für sie muss Rainer Noller im Trophäen-Kellerraum in seinem Haus in Abstatt noch ein Vitrinen-Plätzchen finden. Die Gewissheit, dass zeitnah keine weitere Silberware mehr hinzukommen wird, dürfte ihm die Platzsuche allerdings erheblich erleichtern. Denn nach 20 Jahren kehrt der Rallye-König des Unterlands dem Sport den Rücken. „Für immer“, wie er versichert.
Bei 1500 Pokalen hat Rainer Noller aufgehört zu zählen. Ungefähr 1600 müssten es inzwischen sein, schätzt er, die zwischen den Zeitungsartikeln, Ergebnislisten, Devotionalien, Siegerkränzen und Fotos stehen – Statistik-Freund Noller hat alles aufgehoben: Von seinen motorsportlichen Anfängen Ende der 1980er-Jahre im Automobil-Slalom über erfolgreiche Jahre in den 1990ern auf der Rundstrecke in Tourenwagen-Serien bis hin zum Rallye-Sport, den er im Unterland in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt hat.
Das Alter bremst: Ohne Risiko keine Siege
Es gibt kaum eine 35er- oder 70er-Rallye im Umkreis, die der gelernte Industriemechaniker nicht mindestens einmal gewonnen hat. Bei seiner „Heim-Rallye“, der Unterland-Hohenlohe-Wertungsfahrt rund um Pfedelbach, ist er mit neun Gesamtsiegen wohl noch auf Jahre hinaus Rekordsieger. Das alles hat jedoch nun ein Ende.
„Rallye war meine große Leidenschaft – was ich zu Rundstrecken-Zeiten selbst nie gedacht hätte.“
Rainer Noller
„Der Entschluss ist bei mir schon während der Saison gereift. Ich bin teilweise nicht mehr mit dem absoluten Risiko gefahren, das es aber bräuchte, um zu gewinnen“, sagt Noller. Und gewinnen, das war vom ersten Motorsport-Tag an immer sein Metier. Mitfahren aus Spaß an der Freude, war sein Ding nie. „Letztlich war es sicherlich auch ein wenig Kopfsache und das Alter, denn mit 55 denkt man im Auto einfach ein bisschen mehr nach.“ Dass ihm außerdem zuletzt ein Stamm-Beifahrer gefehlt hat, macht die Entscheidung einfacher.
Aus Spaß wird unverhofft eine große Leidenschaft
In seinen ersten Rallye-Jahren von 2005 bis 2011 sitzt noch der erfahrene Clubkamerad Uwe Walz vom RKV Ilsfeld an seiner Seite, der – wie viele andere – sich lange nicht vorstellen kann, dass Rundstrecken-Ass Noller tatsächlich das Metier wechseln würde. Von ihm lernt Noller viel, wie er rückblickend sagt. „Der Rallye-Sport war erst reiner Spaß, wurde dann aber meine große Leidenschaft, die ich so intensiv betrieben habe, wie keinen Sport zuvor – was ich zu Rundstrecken-Zeiten selbst nie gedacht hätte“, sagt Noller.
Mit 136 Gesamtsiegen vor Sébastien Loeb und Stig Blomquist
Die Statistiken weisen für den Abstatter in 20 Jahren 313 gefahrene Rallyes mit 210 Klassen- und 136 Gesamtsiegen aus. Das Online-Portal „eWRC“ führt ihn in der Weltrangliste der Fahrer mit den meisten Gesamtsiegen als besten Deutschen hinter dem Schweden Mats Jonsson (175) und dem Franzosen Jean-Marie Cuoq (167) auf Platz drei.
Unter den zwölf Fahren mit mindestens 100 Gesamtsiegen sind Rallye-Größen und Weltmeister wie Stig Blomqvist (103) oder Sébastien Loeb (110). Dass andere in der Liste reihenweise Welt- oder Europameisterschaftsläufe bestritten haben, stört Rainer Noller nicht: „Mir waren die kleineren Rallyes lieber, weil allein ein Start in der Deutschen Meisterschaft immer einen Zeitaufwand von mindestens vier Tagen bedeutet.“
„Instinkt“-Fahrer Noller muss Weiterentwicklung Tribut zollen
Dass er auch national mithalten kann, beweist er gemeinsam mit Beifahrer Stefan Kopczyk aus Bad Friedrichshall unter anderem 2014 bei der Baden-Württemberg-Rallye und 2016 bei der Sachsen-Rallye. Als das Duo aus dem Unterland in der Deutschen Rallye-Meisterschaft (DRM) die Skoda- und Peugeot-Werksteams rund um Zwickau in einem alten, handgeschalteten Porsche 996 GT3 hinter sich lässt, ist das beinahe eine Sensation.
„Die Technik hat sich schon sehr verändert; die Autos sind mit Blick auf die Leistungsfähigkeit immer besser geworden. Zwischen einem Opel Kadett und einem Opel Corsa liegen Galaxien“, sagt Noller über die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre. „Früher musste man eben mit dem leben, was das Auto nicht konnte. Und das galt es dann fahrerisch auszugleichen.“

Für ihn sind es daher weniger die Strecken oder Wertungsprüfungen, sondern vor allem die Autos und Fahrer, die sich im Rallye-Sport verändert haben. „Die Herangehensweise eines Fahrers ist heute eine ganz andere als früher. Ich bin immer nur nach dem Aufschrieb und den Ansagen gefahren; ich konnte mir die Strecken, die ich zweimal gesehen hatte, ja nie alle merken“, erzählt „Instinkt-Fahrer“ Noller und lacht. „Damit kannst du heute gegen die Top-Fahrer aber keine Rallyes mehr gewinnen. Heute bist du nur schnell, wenn du im Videostudium vorarbeitest und die Strecken lernst.“
Präzision statt Wahnsinn: Die Autos wechseln, der Erfolg bleibt
Was Noller wie kaum einem Zweiten gelingt, ist es, sich schnell auf verschiedene Strecken, Fahrzeuge und Beifahrer einzustellen. Anfangs noch in einem gebrauchten Opel Kadett GT/E mit 140 PS unterwegs, den ihm der Öhringer Fritz Köhler vermittelt hatte, wechselt Noller später auf verschiedene allradgetriebene Mitsubishi-Lancer-Evolution-Modelle. Es folgen 2014 und 2015 erfolgreiche Jahre im Porsche 996 GT3, bevor der Lancer wieder Nollers bevorzugtes Gefährt wird. In den vergangenen vier Jahren ärgert er dann im leistungsschwächeren Opel Corsa Rally4 die stärker motorisierte Konkurrenz.
„Beim Slalom habe ich früh gelernt, präzise zu fahren. Auf der Rundstrecke ging es dann vor allem um Top-Speed und Bremspunkte. Und das Fahren durch den Wald kannte ich schon aus einigen Bergrennen. Das alles musste ich dann im Rallye-Sport ‚nur‘ noch zusammenbringen und umsetzen“, verrät der Späteinsteiger sein Erfolgsgeheimnis.
Diese Erfahrungen und die Co-Piloten, die mit ihren Aufschrieben für ihn stets viel mehr als bloße Gedächtnisstützen gewesen seien, machen Rainer Noller schnell. Außerdem geht für ihn hinter dem Lenkrad im Zweifel mehr Präzision stets vor mehr Wahnsinn.

Doppelter Schlüsselbeinbruch bleibt einziger Rückschlag in 20 Jahren
Auch deswegen bleibt ein zweifacher Schlüsselbeinbruch 2017 nach einem Abflug mit 150 km/h im Saarland der einzige schwere Unfall. „Wir sind damals zu Rallyes quer durch Deutschland gefahren, weil ich unbedingt den 100. Gesamtsieg holen wollte“, erinnert sich Noller. „Der war beim Blick in die Statistiken schon ein großer Ansporn.“ Vor dem 99. Sieg folgt der folgenschwere Unfall. Weil Beifahrerin Tanja Schlicht danach mit einem Brustwirbelbruch im Krankenhaus liegt, fährt Noller seine Gesamtsiege 99 und 100 nur sechs beziehungsweise acht Wochen später mit Christina Döring und Sarah Hess ein. Die 100er-Marke fällt im August 2017 bei der Rallye Alzey.
Acht Jahre und 36 weitere Gesamtsiege später ist nun Schluss. Endgültig. „Ich plane kein Comeback“, sagt Rainer Noller klar. Auch nicht bei der Unterland-Hohenlohe-Wertungsfahrt in der Nachbarschaft. Vielleicht ist das angesichts seines ohnehin bereits überfüllten Trophäen-Zimmers auch schlicht eine ganz simple Platzfrage.
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