Möglichst viele stillgelegte Bahnstrecken sollen reaktiviert werden. An diesem Ziel hält das Landesverkehrsministerium fest. Die Hermann-Hesse-Bahn wurde am 31. Januar 2026 als erste in Betrieb genommen, die Wutachtalbahn und die Filderbahn werden gerade gebaut. 27 weitere Projekte in Baden-Württemberg sind noch im Rennen. Davon befinden sich vier in der Region Heilbronn-Hohenlohe. Drei tragen das ministerielle Siegel „In Planung“, sie sind mit acht weiteren Vorhaben den 16 anderen also zeitlich voraus: Das sind die Kochertalbahn zwischen Waldenburg und Künzelsau, die Zabergäubahn zwischen Lauffen und Zaberfeld sowie die Krebsbachtalbahn zwischen Neckarbischofsheim Nord und Bad Rappenau.
Reaktivierung der Kochertalbahn: Kritische Stimmen verstummen nicht
Die Stadt Künzelsau will und muss die Gemeinderäte von Kupferzell und Waldenburg in Sachen Kochertalbahn überzeugen und hat eine Info-Offensive gestartet. Die kommt aber nicht überall gut an.
Für die Reaktivierung der Kochertalbahn als Stadtbahn ist die Vorplanung in vollem Gang. Die Stadt Künzelsau macht als Projektträgerin ordentlich Dampf. Bis Ende 2026 soll die bevorzugte Trasse gefunden sein, danach soll sie auf ihre Wirtschaftlichkeit untersucht werden. Diese entscheidende Prüfung heißt „Standardisierte Bewertung“.
Nur wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung positiv ausfällt, können die Baukosten dieses kommunalen Verkehrsprojekts von Bund und Land bis zu 90 Prozent gefördert und auch die Betriebskosten zu einem großen Teil übernommen werden.
Nur einhelliger Beschluss aller drei Gemeinderäte kann Durchbruch bei Kochertalbahn bringen
Der Haken ist: Kupferzell und Waldenburg sind 2024 ausgestiegen. Die Gemeinderäte hatten damals beschlossen, die Planung nicht weiter zu finanzieren. Jetzt muss die Kreisstadt alles daran setzen, die ablehnende Haltung in Kupferzell und Waldenburg zu kippen. Denn nur ein einhelliger Beschluss aller drei Gemeinderäte pro Kochertalbahn kann das Vorhaben tatsächlich aufs Gleis setzen.

Art und Stoßrichtung des ersten Infoabends zur Kochertalbahn erntet Kritik
Ein erster Infoabend am 21. Januar sollte der Startschuss sein: in Kupferzell (wir berichteten). Der dort präsentierte Planungsstand samt dem favorisierten Planungsziel, möglichst rasch zu Potte zu kommen, kam aber nicht bei allen gut an. Auch die von der Stadt Künzelsau vorgestellten Ergebnisse einer nicht repräsentativen Bürgerumfrage, wonach die Grundstimmung in der Region positiv sei, stößt auf Kritik.
In der jüngsten Kupferzeller Gemeinderatssitzung kommt das Thema hoch
Am Ende der jüngsten Gemeinderatssitzung in Kupferzell kommt dies zum Vorschein. FWV-Rat Volker Baumann spricht von einer „wohlwollenden Beeinflussung der Öffentlichkeit“ seitens der Stadt Künzelsau. Was nicht anderes heißt als: Die Regie des ersten großen Infoabends war für ihn ganz im Sinne des Projektträgers gestrickt. Baumann gefällt dieses Vorgehen gar nicht, er fühlt sich überrumpelt. Zumal „wir vor Weihnachten klar den Wunsch geäußert hatten, stets up to date zu sein und mitgestalten zu können“.
Beteiligungswerkstatt am 21. März: Bürgermeister verlangt vollständiges Erscheinen
Im März seien weitere Workshops geplant, aber Baumann befürchtet, dass der Gemeinderat zu kurz kommt. Er fragt: „Wann werden wir als Gremium aktiv an diesen Planungen beteiligt?“ Bürgermeister Christoph Spieles antwortet: „Diese Workshops sind ja auch explizit für alle Gemeinderäte. Ich bitte darum, am 21. März vollständig da zu sein.“ Diese „Beteiligungswerkstatt“ beginnt um 10 Uhr in der Carl-Julius-Weber-Halle Kupferzell. Spieles: „Da geht es nicht nur um positive Dinge, sondern jeder darf seine Bedenken und ablehnenden Haltungen mit einbringen.“
Christoph Spieles erklärt, wie es mit der Kochertalbahn weitergeht
Volker Baumann befürchtet, bis Jahresende vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, ohne ausreichend Mitspracherecht zu haben. Spieles beteuert: „Auch der Gemeinderat wird sicher im Laufe des Jahres noch einmal exklusiv die Möglichkeit haben, darüber zu beraten.“ Tatsächlich solle bis Ende 2026 die Vorzugstrasse gefunden sein. Das bedeute aber nicht, dass der Gemeinderat dann schon sein Veto für oder gegen abgeben müsse. Dies werde erst der Fall sein, wenn die „Standardisierte Bewertung“ gezeigt hat: „Ist das Projekt umsetzbar oder nicht?“ Also: Ist es wirtschaftlich und damit förderfähig. Dies könnte erst Ende 2027 der Fall sein.
Und dann ist da ja auch noch die Elektrifizierung der Hohenlohebahn...
Rat Timo Koeberer (UWG) versteht nicht, warum Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann so aufs Tempo drückt. Denn: „Was da ja zusätzlich immer noch in der Luft schwebt, ist die Elektrifizierung der Hohenlohebahn“ zwischen Cappel und Hessental. Bevor diese Lücke nicht geschlossen sei, könne auch die Kochertalbahn nicht reaktiviert werden. „Ich habe aus dem Verkehrsministerium die Rückmeldung bekommen, dass die Hohenlohebahn frühestens Mitte der 2030er Jahre ausgebaut wird.“ Das widerspreche der Ankündigung Neumanns, „dass es jetzt bei der Kochertalbahn vorwärts gehe und richtig Druck auf den Kessel komme, sodass man das Anfang der 2030er Jahre umsetzen könne“. Koeberer meint: „Ich sehe diesen Druck gar nicht. Wir brauchen mehr Sorgfalt und sollten das ordentlich abwägen, anstatt jetzt schnelle Entscheidungen zu treffen.“
Das schreibt Verkehrsminister Winfried Hermann zu Bahnprojekten in Hohenlohe
In einer Antwort an die Landtagsabgeordnete Catherine Kern zur Hohenlohebahn schrieb Verkehrsminister Winfried Hermann am 26. Januar 2026: Man arbeite mit den Kreisen Hohenlohe und Schwäbisch Hall sowie der Deutschen Bahn daran, „das Projekt nun planerisch weiterzuverfolgen, sodass mit der Fertigstellung des Ausbaus und der Elektrifizierung der Strecke Mitte der 30er Jahre gerechnet werden kann“. Dies sei aber „auch weiterhin von einer Bewertung des Bundesministeriums für Verkehr abhängig.“ Das heißt: Es ist kein kommunales Projekt mehr, sondern ein Bundesvorhaben. Und: Anders als bei der Kochertalbahn sind sich die Gemeinderäte von Künzelsau, Kupferzell und Waldenburg hier schon längst einig: Diese Strecke muss elektrifiziert werden.
Auch diese Hohenloher lehnen eine Reaktivierung ab
Nicht nur Gemeinderäte aus Kupferzell äußern sich kritisch über die jüngste Info-Offensive der Stadt Künzelsau, die das Projekt Kochertalbahn rasch vorantreiben will und nach ihrer Meinung in ein allzu positives Licht rückt. Nach dem ersten großen Infoabend zum aktuellen Planungsstand und weiteren Vorgehen am 21. Januar meldeten sich etliche Leser, die eine Reaktivierung ablehnen: nicht nur aus Kupferzell, sondern auch aus Waldenburg, Forchtenberg oder Künzelsau.
Die größten Kritikpunkte sind, dass der Begriff „Kochertalbahn“ völlig in die Irre führe, weil sie nur den Interessen Künzelsaus diene und gar nicht weiter ins Kochertal führe. Es gehe allein darum, hohe Fördergelder abzugreifen, die aber genauso aus Steuergeldern finanziert werden müssten, wie Sven Müller schreibt. Manfred Görz aus Muthof bläst ins selbe Horn. Die positiven Ergebnisse der Bürgerumfrage seien nicht repräsentativ und reine Stimmungsmache. Fritz Bergmann aus Öhringen bemängelt die hohen Kosten, „die nicht eingehalten und sich mindestens verdoppeln“ würden. Zudem müssten funktionierende Buslinien gestrichen und „nutzerunfreundlich auf die Bahn verlagert werden“. Ein „autonomer Pendelverkehr mit Elektrobussen“ sei die bessere Lösung.
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Kommentare
Markus Schuster am 19.02.2026 19:22 Uhr
Wenn man wirklich von einer Kochertalbahn spricht, dann darf das keine Sackgasse Richtung Künzelsau bleiben. Eine Stichbahn löst kaum Verkehrsprobleme – sie produziert nur neue Umstiege und begrenzten Nutzen.
Sinnvoll wäre eine durchgehende Ringlösung: durchs Kochertal, über Forchtenberg weiter nach Neuenstadt und Anschluss in Bad Friedrichshall ans bestehende Netz. Erst damit entsteht echte Pendler- und Alltagsmobilität statt einer isolierten Prestige-Strecke.
Eine Bahn muss verbinden – nicht enden.