Wie der Herrenberger Bauhof arbeitet, seit die Mitarbeiter ihre eigenen Chefs sind
Mit agilem Arbeiten und digitaler Technik wurde der Herrenberger Bauhof komplett umgekrempelt. Am Dienstagabend haben Stefan Kraus und Martin Keller erklärt, warum die Mitarbeiter nun zufriedener sind und mehr Geld in der Tasche haben, obwohl sie sich selbst verwalten.

Wer an New Work und agiles Arbeiten denkt, denkt vermutlich nicht an einen Bauhof. Ein Fehlschluss, den Stefan Kraus und Martin Keller vom Herrenberger Bauhof bei einem Gespräch in Heilbronn korrigieren. Die beiden waren zu Gast beim Heilbronner Verein Connect.IT, der an jedem dritten Dienstag im Monat zum offenen Stammtisch einlädt. Das Treffen soll den Austausch über IT-Themen fördern und hat regelmäßig unterschiedliche Redner für einen Kurzvortrag zu Gast.
"Unser Ziel war immer, die Arbeit so effizient wie möglich zu machen", erklärt Stefan Kraus, Leiter des Amts Technik, Umwelt, Grün. Dass die beiden mit ihren Erfahrungen mal von Vortrag zu Vortrag touren würden, hätten sie aber nicht erwartet. "Ich bin immer wieder erstaunt, dass wir sogar von Mittelständlern eingeladen werden. Das ist eigentlich Irrsinn!"
Mitarbeiterumfrage zeigt: Viele sind unzufrieden und können sich nicht weiterentwickeln
Alles beginnt 2017, als die Stadtverwaltung in Herrenberg eine Mitarbeiterumfrage startet. Das Ergebnis: Viele sind unzufrieden mit ihrer Arbeit und sehen keine Entwicklungsmöglichkeiten, so auch im Bauhof. Das Problem: Wer in einer Gehaltsstufe des öffentlichen Dienstes landet, bleibt dort unter Umständen ein Leben lang. "Ich konnte meine Leistungsträger nicht so fördern, wie ich wollte", sagt Kraus.
Also beschließen die Stadt und die Mitarbeiter des Bauhofs, dass sich etwas ändern soll. Gemeinsam mit der Professorin Claudia Schneider von der Hochschule für Verwaltung in Ludwigsburg wird der Bauhof auf den Kopf gestellt. Eine Meister-Stelle wird nicht nachbesetzt und die Aufgaben auf ein achtköpfiges Führungsteam verteilt. "Die Jungs waren anfangs überhaupt nicht so überzeugt", erinnert sich Kraus.
Der Vier-Wochen-Mann schmeißt den Laden, die restliche Arbeit wird verteilt
Doch es überwiegt die Lust, das Ganze auszuprobieren. Im März 2018 startet das Projekt. "Mitte 2018 wollten wir alles hinschmeißen", sagt Martin Keller. Er selbst ist Lagerist und Logistiker und gehört zur Führungsmannschaft. Anfangs bedeutet das, Seminare für Führungskräfte, viele Meetings und die eigentliche Arbeit noch obendrauf. "Wir mussten erstmal lernen, was unser Meister bisher gemacht hat."
Es braucht moralische Unterstützung aus Ludwigsburg, um die Mitarbeiter zum Weitermachen zu bringen. Zwei verabschieden sich aus dem Führungsteam, sechs machen weiter. Ab sofort darf jeder vier Wochen lang Chef spielen. Der "Vier-Wochen-Mann" genannte Mitarbeiter muss in dieser Zeit seine Arbeit machen, die Aufgaben des Meisters übernehmen und den Kontakt zur Verwaltung halten. Die übrige Arbeit wird in Eigenregie verteilt. "Es wird nicht mehr gefragt: Wer ist zuständig? Sondern: Wer macht die Arbeit?", sagt Kraus.
Der Start-up-Bauhof kann sich vor Bewerbungen kaum retten
Heute, fünf Jahre später, ist das Projekt ein Erfolg. Vor Bewerbungen kann sich der Herrenberger Bauhof kaum retten. "Wir bekommen gute Leute, deren Stelle wir früher zig Mal ausgeschrieben hätten", sagt Kraus. Die Wertschätzung sei "exorbitant gestiegen", findet Keller. Das werde etwa in sozialen Netzwerken deutlich, wenn sich jemand über den Bauhof beschwert. "Da verteidigen uns Leute und sagen: Die machen eine gute Arbeit."
Durch das flexible Arbeiten hat die Digitalisierung in dem Betrieb einen Schub bekommen. "Die denken ganz anders über ihren Bereich nach", sagt Kraus. Wer sich ständig mit Papierlisten und Formularen herumschlage, sei für digitale Lösungen aufgeschlossener. Inzwischen haben alle Mitarbeiter ein Handy, Tablet und eine E-Mail-Adresse.
Digitale Mülleimer melden in Herrenberg, wie voll sie sind
Darüber hinaus sind inzwischen selbst die Mülleimer in Herrenberg digital. Früher mussten die Mitarbeiter jeden noch einzeln abfahren. Inzwischen melden die rund 100 Behälter selbst, wann sie geleert werden müssen. Möglich macht es ein Long Range Wide Area Network (LoRaWAN). Dafür werden Sensoren im Mülleimer installiert, die mit Laserstrahlen messen, wie voll er ist. Die Daten landen in einer digitalen Übersicht des Bauhofs. Wann geleert werden muss, zeigt ein Ampelfarben-System.
Die Technik macht Schule: Im Winter wissen die Herrenberger dank Sensoren nun, wie viel Salz noch auf den Straßen liegt und wo nicht neu gestreut werden muss. "Wir haben dadurch knapp eine Stelle eingespart", sagt Kraus. Diese werde nun dort besetzt, wo sie gebraucht wird.
Agiles Arbeiten lohnt sich für die Bauhof-Mitarbeiter auch finanziell
Für die Mitarbeiter lohnt sich die neue Art zu arbeiten auch finanziell. Das frei gewordene Meister-Gehalt haben die Führungsmänner auf sich und ihre Kollegen aufgeteilt. "Wir belohnen unsere Leistungsträger", sagt Keller. Wer sich einbringt und mitdenkt, bekomme mehr Geld.
Inzwischen ist über den Bauhof ein Buch erschienen, er hat mehrere Preise abgeräumt. Andere Kommunen wollen sich beraten lassen, doch Nachahmer gebe es bisher nicht, sagt Kraus. Seine Vermutung: Es fehle an Mut und Vertrauen in die Mitarbeiter. "Diesen Vorschuss musst du einfach leisten."
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