Beim zweiten Mit-Mach-Konzert geht es nicht nur ums gemeinsame Singen

Heilbronn  Wegen Corona dürfen Chöre seit Wochen nicht proben. Der Chorverband Heilbronn hat jetzt auf die Lage der Sänger aufmerksam gemacht. Unterstützung kommt auch aus der Politik.

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Auf der Website des Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic steht direkt auf der Startseite, dass er „Ihre Stimme in Berlin“ sei. Doch die Hauptstadt ist weit weg an diesem Samstagnachmittag. Heute will der Abgeordnete den Chören eine Stimme geben – und selbst mitsingen, wie er vor dem zweiten Mit-Sing-Konzert auf dem Gelände des Heilbronner Autokinos betont.

Zurzeit sind keine Proben möglich

Diesmal geht es aber nicht nur um das gemeinsame Hobby, sondern auch darum, auf die Situation der Chöre aufmerksam zu machen. Die Sängerinnen und Sänger dürfen sich nämlich seit Wochen nicht mehr zu gemeinsamen Proben treffen. Die Räume sind dafür zu klein, der Mindestabstand nicht möglich. Außerdem könnten die ausgeatmeten Aerosole beim Singen viel breiter verteilt werden, als unter normalen Umständen. Für Gesangsgruppen ist das ein Problem. „Kultur ist sehr wichtig. Ich weiß nicht, wo sie ohne den Gesang wäre“, sagt Gerald Kranich, Präsident des Chorverbands Heilbronn.

Gemeinsam Klassiker singen

Über 60 Autos sind zum zweiten Mit-Sing-Konzert gekommen. Diesmal ging es aber nicht nur um die Musik, sondern auch darum, ein Zeichen zu setzen, denn Chöre dürfen nach wie vor nicht proben. Foto: Tina Schulze

66 Autos wurden angemeldet. Und alle Fahrer scheinen gekommen zu sein, um gemeinsam Klassiker wie „Let it be“ von den Beatles oder „Thank you for the Music“ von Abba zum Besten zu geben. Auf der Bühne geben die Chorleiter Tabea Raidt als Vorsängerin und Roland Gärtner am Klavier den Takt vor.

„Heute ist auf jeden Fall der harte Kern gekommen, dem das Singen wichtig ist“, sagt Kranich und schaut in den blauen Himmel. Das Wetter ist gut, es ist warm. Deshalb haben einige auch die Scheiben ein wenig heruntergelassen, um frische Luft ins Auto zu bekommen. So wie Gerd Wiegand, der gemeinsam mit seiner Frau gekommen ist und textsicher ein Lied nach dem anderen schmettert. „Eigentlich brauchen wir die Leinwand gar nicht“, sagt er und stimmt wieder bei „Hoch auf dem gelben Wagen“ ein.

Neben Josip Juratovic von der SPD ist auch der liberale Landtagsabgeordnete Nico Weinmann auf die Theresienwiese gekommen. „Wir sind in Heilbronn auf einem guten Weg, ausreichend Räume zur Verfügung zu stellen“, verspricht er. Wann es soweit ist, kann er nicht sagen. Seine Idee: auch geschlossene Diskotheken nutzen.

Auch Juratovic will das gesellschaftliche Leben wieder hochfahren und lobt die Menschen, die trotz des schönen Wetters in ihren Autos ausharren, um zu singen. „Manche gehen auf die Straße, um Institutionen in Frage zu stellen“, sagt er. „Sie hier tun etwas anderes.“ Es brauche im Moment Menschen, die sich nicht ergeben. Sie habe man bitter nötig. Dazu zählt er auch Gerald Kranich, der wiederum auf die Unterstützung der Politik setzt.

Neue Wege suchen

„Es müssen die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden“, sagt der Präsident des Chorverbands. Unter freiem Himmel zu proben sieht er als Alternative – zumindest solange es das Wetter zulässt. Da stößt er bei Josip Juratovic auf offene Ohren. „Ich schätze es, dass Sie gemeinsam mit den Institutionen neue Wege suchen.“

Eine Stunde reiht sich ein Lied an das andere. Applaus gibt es keinen, dafür wird kräftig gehupt. Ein bisschen Pathos darf auch bei dieser Aktion nicht fehlen: Mit der „Ode an die Freude“ wird der Nachmittag beendet. Singend und hupend.


Aktuelle Regelungen 

In Baden-Württemberg dürfen Musikschulen und Jugendkunstschulen Unterricht zur Berufs- und Studienvorbereitung sowie in Gruppen von maximal zehn Personen zwar abhalten. Unterricht an Blasinstrumenten, in Gesang oder Tanz sind von dieser Regelung indes bisher ausgeschlossen. Wer allerdings alleine in Gesang unterrichtet wird, darf diese Stunden wahrnehmen. Empfohlen wird eine durchsichtige Schutzwand, um nicht direkt im Luftstrom einer anderen Person zu stehen. Auch damit soll das Risiko einer Infizierung minimiert werden.


Elfi Hofmann

Elfi Hofmann

Autorin

Als Redakteurin kümmert sich Elfi Hofmann seit April 2019 um Bad Rappenau, Siegelsbach, Massenbachhausen und Zaberfeld. 

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