Die Maut vor der Haustür

Region  Seit 1. Juli gilt die Maut für Lkw ab 7,5 Tonnen auch auf Bundesstraßen. Was bringt das? Von Lastwagen geplagte Bürger haben kaum etwas davon. Der Verkehr wird wohl gleich bleiben. Spediteure haben höhere Kosten und mehr Arbeit.

Von Jürgen Kümmerle und Heike Kinkopf

Die Maut vor der Haustür
Auto- und Lkw-Fahrer sehen in den Stelen am Straßenrand gern ein Blitzgerät, das Tempoverstöße aufzeichnet. Ein Irrtum. Die blauen Säulen wie diese an der B39 in Obersulm kontrolliert, ob Lastwagenfahrer die Maut korrekt bezahlen. Foto: Dennis Mugler

Das Land Baden-Württemberg sieht in der Maut einen wichtigen Schritt zur konsequenten Handlungsmaxime: Wer fährt, bezahlt. Und der Bund nimmt mehr Geld ein. In der Region summieren sich gut und gern 140 Bundesstraßen-Kilometer auf B27, B39, B293 und B19. Sie führen durch den Stadt- und Landkreis Heilbronn und durch den Hohenlohekreis. Die Straßen sind stark befahren.

Lkw weichen nach einem Unfall auf Bundesstraßen aus

Kommt es auf den nahen Autobahnen A6 und A81 zu einem Unfall, weichen viele Verkehrsteilnehmer auf umliegende Strecken aus. In Orten wie Löwenstein oder Bad Rappenau-Fürfeld geht dann kaum mehr was. Ein Lkw reiht sich an den nächsten. Dass die Brummis jetzt auf den Bundesstraßen zahlen, wird daran nichts ändern.

"Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass es zu keiner nennenswerten Änderung des Gesamtverkehrsaufkommens führen wird", sagt Dirk Herrmann, stellvertretender Leiter des Heilbronner Amts für Straßenwesen. Grund: Nur rund neun Prozent der Lkw, die auf der B39 fahren, seien mautpflichtig.

Mit "eher geringen Auswirkungen" auf den örtlichen Durchgangsverkehr rechnet Obersulms Bürgermeister Tilman Schmidt. In Kirchardt hofft Rathauschef Gerd Kreiter, dass der "Abkürzungsverkehr" von Bad Rappenau zur B293 bei Eppingen eingedämmt wird.

Vor dem 1. Juli zahlten Lkw-Fahrer nur auf den Autobahnen Maut. Wer annimmt, dass deshalb viele Laster auf Bundesstraßen auswichen, irrt, teilt das verantwortliche Bundesamt für Güterverkehr (BAG) mit. "Der Ausweichverkehr war nicht problematisch", sagt Sprecher Horst Roitsch.

Zu diesem Ergebnis kommen Gutachten, die die Bundesregierung etwa alle vier Jahre in Auftrag gibt. Die Spedition Fritz aus Heilbronn ist eine der Speditionen, die seit mehr als drei Wochen von der Bundesstraßenmaut betroffen ist. Trotz der einfachen Abrechnung komme auf die Firma "eine Riesenarbeit" zu, sagt Prokurist Günter Gruber. "Direkttransporte von A nach B sind einfach abzurechnen."

Hoher Aufwand bei Verbundtransporten

Komplizierter sei es, wenn unterwegs sogenanntes Sammelgut hinzukomme, also Waren von unterwegs aufgenommen werden. Verbundtransporte mit Logistikpartnern machten die Abrechnung außerdem schwieriger. "Das ist eine hochwissenschaftliche Aufgabe mit dramatischen Veränderungen."

Gruber geht wie das Bundesamt für Güterverkehr nicht davon aus, dass Lkw-Fahrer wegen der Maut auf B39 und Co. nun häufiger auf Landes- und Kreisstraßen ausweichen. "Verlagerungen wird es nicht geben. Speditionen stehen unter Zeitdruck. Die größten Faktoren sind Fahrer und Kraftstoff." Längere Fahrzeiten bedeuteten höhere Kosten. Diese ließen sich nicht durch Maut-Einsparungen kompensieren.

Das Geld für die Straßenbenutzung füllt die Staatskasse. Was machen mit den Einnahmen? Fritz-Prokurist Gruber plädiert für den Ausbau der Gastankstellen in Deutschland. "Das ist eine realistische, heute schon einsetzbare Technologie mit anderen Abgaswerten als bei Dieselkraftstoff."

Die Politik wiederum streitet über die richtige Verwendung des Geldes. Die Grünen wollen es in erster Linie für den Ausbau der Bahn-Infrastruktur verwenden, die Sanierung maroder Bundesstraßen steht bei Unionspolitikern hoch im Kurs.

Verkehrsnetz soll mit den Einnahmen ausgebaut werden

"Die Einnahmen aus der Autobahn-Maut werden seit 2011 ausschließlich für die Bundesfernstraßen verwendet", teilt die Pressestelle des Bundesverkehrsministeriums in Berlin auf Stimme-Anfrage mit. Im Jahr 2017 spülte die Maut rund 4,7 Milliarden Euro in die Kasse. Sie leiste einen wichtigen Beitrag zu den dringend erforderlichen Investitionen in den Erhalt und den Ausbau des Verkehrsnetzes.

Das Geld soll aber nicht nur in die Straßen fließen. Dem Bundesministerium zufolge schaffe das Mautsystem einen Anreiz, schadstoffarme Fahrzeuge einzusetzen. Die zu zahlenden Geldbeträge richten sich nämlich unter anderem nach dem Schadstoffausstoß des Lkw. Außerdem trage sie dazu bei, dass der Transport von Gütern auf die Schiene und das Wasser verlegt werden.

Das von den Grünen geführte Verkehrsministerium Baden-Württembergs sieht die Maut zunächst als einen wichtigen Schritt des Bundes hin zur konsequenten Finanzierung des Streckennetzes durch die Nutzer. "Insbesondere schwere Fahrzeuge belasten die Straßen und Bauwerke", teilt das Ministerium mit. Sie zahlen.

Das Mautsystem für Lkw gilt als Vorbote für weitere Einnahmequellen. Auch Pkw-Fahrer sollen bald zur Kasse gebeten werden. "Die Pkw-Maut", so das Bundesverkehrsministerium, "wird in dieser Legislaturperiode umgesetzt." Deutsche Autofahrer, so der Plan, sollen aber finanziell entlastet werden.

Kostenbelastung für Bauunternehmer

Transportunternehmen sind dann nicht mehr die einzigen, die Geld locker machen müssen. Für Fritz-Prokurist Günter Gruber steht heute schon fest, wer die Mehrausgaben am Ende ausgleicht: der Verbraucher. Ins gleiche Horn bläst die Bundesvereinigung Bauwirtschaft, die ebenfalls Lastwagen auf die Straße schickt.

Sie sieht in der neuen Mautpflicht auf Bundesstraßen "eine erhebliche Kostenbelastung" für die Bauunternehmer, die sich nicht ohne Weiteres wegstecken lasse. "Baupreise sind immer Kalkulationspreise, in die auch diese neue Kostenart einfließt", heißt es in einer Mitteilung des Verbands. "Der Verbraucher wird"s bezahlen müssen."

 


Abrechnungssytem ist einzigartig

Abrechnungssytem ist einzigartig

Hartnäckig hält sich das Gerücht, eine Umfahrung von Mautkontrollstellen würde Mautgebühren einsparen. Stimmt nicht, erklärt der Mautsystembetreiber Toll Collect. Das Unternehmen ist im Auftrag des verantwortlichen Bundesamts für Güterverkehr (BAG) tätig. Die blauen Säulen entlang der Bundesstraßen sind genauso wie die Mautsysteme an Autobahnen keine Abrechnungs- oder Bezahlstellen, sondern sie erfüllen ausschließlich eine Kontrollfunktion.

96 Prozent der Lkw sind laut Toll Collect mit Fahrzeuggeräten sogenannten On-Board-Unit (OBU) ausgestattet. Die Geräte senden satellitengesteuert Streckendaten und die zur Mauterhebung benötigten Fahrzeugmerkmale an die Zentrale von Toll Collect.

Die Geräte erfassen alle Daten ab dem ersten gefahrenen Meter bis zum Zielort. Etwa vier Prozent der Brummi-Fahrer bezahlen für ihre Strecken mobil übers Internet oder über ein Mautstellen-Terminal. Toll Collect rechnet ab. So war das auch schon vor dem 1. Juli. Hinzugekommen ist, dass nun auch Fahrten auf Bundesstraßen kosten.

Das Gerät prüft Fahrzeugdaten

Die Gebühr richtet sich unter anderem nach der Achszahl des Gespanns und dem Schadstoffausstoß. Mautkontrollstellen, egal ob auf Autobahnen oder Bundesstraßen, prüfen, ob die vom Gerät gesendeten Informationen korrekt sind. Ob also beispielsweise die Achszahl stimmt oder ob die Emmissionsklasse richtig eingegeben worden ist.

Passiert ein Lkw also eine Mautkontrollstelle auf einer Bundesstraße, gleicht die Software in der Säule am Straßenrand die Daten mit den für die Fahrt hinterlegten Angaben ab. Gebühren werden nicht abgebucht. Sind Fahrzeugangaben und Route korrekt eingegeben, werden die Informationen binnen weniger Sekunden gelöscht. Nur bei Unregelmäßigkeiten meldet das Gerät Verstöße an das BAG.

Auch die Lkw der Heilbronner Spedition Fritz sind wie die meisten mit dem satellitengestützten Bordcomputer ausgestattet. Die Abrechnungen laufen automatisiert ab, erklärt Prokurist Günter Gruber. "Die OBU läuft elektronisch im Hintergrund." Das Gerät hat in etwa die Größe eines Autoradios.

Deutschland wollte durch die Maut keine Verkehrsbehinderungen

Das deutsche Mautsystem ist mindestens in Europa, wenn nicht gar weltweit, einzigartig. Das bestätigt BAG-Sprecher Horst Roitsch. Im Ausland entrichten Fahrer die Maut üblicherweise an Bezahlstationen direkt auf den Straßen. Deutschland dagegen wollte bei der Maut-Einführung für Lastwagen im Jahr 2005 keine zusätzlichen Verkehrsbehinderungen auf den Straßen und setzt deshalb von Beginn an auf das satellitengestützte System.

"Dass einer gar nicht bezahlt, kommt so gut wie gar nicht vor", sagt Roitsch. Häufiger passiere es, dass jemand beispielsweise die falsche Achszahl hinterlegt hat. In diesem Fall droht dem Unternehmer ein Bußgeld in Höhe von 240 Euro, der Fahrer zahlt 120 Euro. Die nicht bezahlte Maut kommt obendrauf.

Ein dichtes Kontrollnetz soll dafür sorgen, dass die Maut korrekt bezahlt wird. 621 Säulen stehen deutschlandweit an den Bundesstraßen; auf Autobahnen gibt es laut Roitsch 300 stationäre Kontrollbrücken.

Außerdem verfügt das BAG über 280 Fahrzeuge, mit denen Kontrolleure auf den Straßen unterwegs sind und vom Auto aus Lkw-Daten nachprüfen. Zusätzlich gibt es Betriebskontrollen. "Vergangenes Jahr sind so mehr als 27 Millionen Lkw überprüft worden", sagt Roitsch. Die Beanstandungsquote betrug weniger als ein Prozent. Sie ist identisch mit der aus den Vorjahren.

 

 


Kommentar: Alle bezahlen

Jürgen Kümmerle
Jürgen Kümmerle

Die Lkw-Maut auf Bundesstraßen ist da. Der Schwerlastverkehr wird durch sie nicht weniger, kommentiert Stimme-Redakteur Jürgen Kümmerle.

Geräuschlos ist die Lkw-Maut auf Bundesstraßen für alle Fahrzeuge über 7,5 Tonnen eingeführt worden. Für lärmgeplagte Anwohner an Bundesstraßen ist leider überhaupt nichts geräuschlos. Wer denkt, dass der Schwerlastverkehr wegen der neu eingeführten Maut von Bundesstraßen auf Autobahnen zurückkehrt, irrt. Branchenverbände, Mautsystembetreiber und Speditionen sind sich sicher: Eine Verlagerung des Schwerlastverkehrs weg von der Autobahn hat es auch vor Einführung der Bundesstraßen-Maut nicht gegeben. Ihre Begründung: Zeitverlust, Lohnkosten und Materialverschleiß seien teurer.

Der Gütertransport wird durch die neue Maut teurer. Und wer bezahlt? Klar, der Endverbraucher. Die Mehrausgaben werden letztlich auf den Warenpreis aufgeschlagen. Stellt sich die Frage, wie die zusätzlichen Einnahmen sinnvoll genutzt werden. Ein Vorschlag ist, Straßen auszubauen und zu sanieren. Vernünftiger klingt die Idee, Güter auf Zug und Schiff zu verlagern. Wohlmeinende Worte.

Wie schwer sich solche Vorhaben umsetzen lassen, zeigt das Container-Terminal in Heilbronn. Mangels Auslastung ist das Bauwerk beinahe zur Industriebrache verkommen. Seit diesem Jahr gibt es Bemühungen, das Terminal effizient auszulasten. Doch so lange der Transport auf der Straße günstiger ist, hält sich die Motivation, auf alternative Transportwege auszuweichen, in Grenzen. Es wäre sinnvoll, mit den Mauteinnahmen den Gütertransport auf Schiene und Wasser zu finanzieren. Straßen wären entlastet, Mensch und Umwelt von Lärm und Abgasen verschont.

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juergen.kuemmerle@stimme.de

 

 


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