Chronische Schmerzen - und wie sie behandelt werden

Heilbronn  Chronischer Schmerz plagt und zermürbt die Betroffenen und kann verantwortlich sein für eine Reihe von Begleiterscheinungen. Bei der Abendvorlesung sprach Gastreferentin Kristin Kieselbach von der Uni Freiburg über das Krankheitsbild.

Von Valerie Blass
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Akute Schmerzen hat jeder schon einmal erlebt - als Resultat einer Schnittwunde, einer Sportverletzung oder in Form pochender Zahnschmerzen. Akute Schmerzen sind wichtig: Sie warnen uns, senden das Signal, dass etwas nicht in Ordnung ist, wir uns um unseren Körper kümmern sollen. Bei chronischen Schmerzen - davon sind rund ein Viertel der Deutschen mindestens einmal im Leben betroffen - ist diese Warnfunktion verloren gegangen. Chronischer Schmerz tritt über einen langen Zeitraum hinweg immer wieder auf, auch ohne klare Ursache. Er plagt und zermürbt die Betroffenen, kann verantwortlich sein für eine Reihe von Begleiterscheinungen: Depressionen, sozialer Rückzug, starke Gewichtszunahme. Und er kann resultieren in einer sogenannten Schmerzerkrankung.

Schmerz als eigenständiges Krankheitsbild

Dass das ein eigenständiges Krankheitsbild ist, erklärt Kristin Kieselbach von der Universität Freiburg bei der 39. Abendvorlesung unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn. Im Publikum - man kann es aus dem häufigen zustimmenden Gemurmel schließen - sind viele, die sich auskennen mit chronischen Schmerzen. Sie werden sich wiedergefunden haben bei den Ausführungen der Spezialistin. Sie erläutert: Trotz der hohen Zahl Betroffener ist die Versorgung unzureichend. Häufig dauert es lange - manchmal Jahre - bis eine Schmerzerkrankung als solche erkannt wird und der Patient Hilfe von Fachleuten bekommt.

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Das liegt auch daran, dass es viel Zeit und Wissen braucht, um der Erkrankung auf die Spur zu kommen. Einen ganzen Tag dauert die Eingangsuntersuchung am Interdisziplinären Schmerzzentrum in Freiburg - eine Stunde pro Fachdisziplin. Die Wartezeit auf einen Termin: rund zwei Monate. Davor liegt für viele Patienten eine Odyssee zu Hausärzten und Fachärzten, die nach der Ursache für die Schmerzen suchen und dabei alles Mögliche ausprobieren: Medikamente, Spritzen, Operationen - oft auch mehrere hintereinander. Doch die Schmerzen bleiben oder werden schlimmer. "Es kann Jahre dauern, bis ein Patient überhaupt an ein Schmerzzentrum kommt", so Kieselbach im Gespräch mit Stimme-Moderatorin Iris Baars-Werner, "das geht gar nicht".

Deshalb setzt sich die Ärztin ein für Veränderungen auf politischer Ebene und hat mit dem Landesbeirat Schmerzversorgung, dessen Vorsitzende sie ist, einen Patientenratgeber erarbeitet (zu bestellen unter www.sozialministerium-bw.de). Sie versucht, im ganzen Land Netzwerke zu schaffen zwischen großen Schmerzzentren, ihren regionalen Pendants und behandelnden Ärzten - auch an den SLK-Kliniken in Bad Friedrichshall und Löwenstein gibt es Schmerztherapie-Angebote.

Südwesten hat Vorreiterrolle bei der Behandlung der Schmerzerkrankung

"Der Südwesten hat eine Vorreiterrolle bei der Behandlung der Schmerzerkrankung", darauf ist Kieselbach stolz. Sie appelliert gleichzeitig an Patienten, aktiv mitzuwirken im Behandlungsprozess und sich in Selbsthilfegruppen mit anderen Betroffenen zusammenzuschließen. Dass Patienten sich bewusst machen, was noch alles geht, trotz der Schmerzen, sei ohnehin wichtiger Bestandteil der Therapie, so die Ärztin. "Den Schmerz tragen, aber nicht ertragen", ist ein Satz, den sie benutzt.

Multimodal, multiprofessionell und interdisziplinär sind weitere Schlüsselbegriffe in der Schmerztherapie. Sie bedeuten: Behandler vieler unterschiedlicher Fachgruppen - darunter Neurochirurgen, Orthopäden, Anästhesisten, Physiotherapeuten und Psychologen sowie Schmerzschwestern - kümmern sich in enger Absprache um den Patienten. Nach der gründlichen Eingangsuntersuchung mit ausführlicher schriftlicher Befragung sprechen sich die Akteure täglich koordiniert ab - dabei wird der Patient kontinuierlich einbezogen.

"Schmerz ist bio-psycho-sozial", so Kieselbach. Das heißt: Er kann körperliche, psychische und soziale Ursachen haben. Die Behandlung müsse auf allen Ebenen ansetzen.

500 Millionen Krankheitstage in der EU durch chronische Schmerzen

Mit einem kurzen Einspielfilm machte Kieselbach deutlich, dass sich eine Verbesserung der Versorgung auch wirtschaftlich auszahlen würde: In der EU kommt es nach Schätzungen zu 500 Millionen Krankheitstagen pro Jahr. Der wirtschaftliche Verlust: 35 Milliarden Euro. Ihr Plädoyer: Ärzte müssten den Schmerz als Einheit begreifen, statt den Anspruch zu haben, ihn schnell wegzumachen. "Wir brauchen eine andere Behandlung von Schmerzpatienten und andere gesellschaftliche Konzepte."

 


Zur Person

Dr. Kristin Kieselbach ist Chefärztliche Leiterin des Interdisziplinären Schmerzzentrums ISZ an der Universität Freiburg, das seit 2012 als eigenständige Einrichtung auf die Behandlung von Schmerzpatienten spezialisiert ist. Sie ist Fachärztin für Neurochirurgie, spezielle Schmerztherapie und spezielle Intensivmedizin und außerdem gesundheitspolitisch aktiv als Fachvorsitzende im Landesbeirat Schmerzversorgung beim Sozialministerium. 


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