Leben hinter der Lärmschutzwand in Binswangen

Erlenbach  Lust und Frust liegen sehr nah beieinander: Die neue Mauer an der L1101 auf Höhe von Binswangen ruft ein geteiltes Echo hervor.

Von Anja Krezer

Leben hinter der Lärmschutzwand

Dieses Foto zeigt den Bau der Lärmschutzwand im September diesen Jahres. Vor kurzem wurde das Projekt abgeschlossen.

Foto: Archiv/Berger

"Man fühlt sich eingesperrt. Wie die Berliner Mauer!" Fatma Uyar ärgert sich. Wenn sie neuerdings aus dem Fenster guckt, dann sieht die junge Frau vor allem: grau. Dreht sie den Kopf nach links: grau. Nach rechts: auch grau. Viel Grau auf 315 Metern Länge, grau drei Meter hoch.

Die neue Lärmschutzwand in Erlenbach-Binswangen soll vor allem die Anlieger der Neckarsulmer Straße vor dem Krach schützen, den Autos und Lkw auf der parallel verlaufenden Landesstraße machen. Die Meinungen sind so verschieden wie die Menschen, die hinter der Mauer leben. Leute wie Fatma Uyar wollen gar nicht geschützt werden. Andere empfinden die Wand als Segen.

Die neue Mauer raubt Anwohnern die Sicht

Von wegen Schutz. Celal Uyar fühlt sich wie seine Tochter Fatma eingesperrt. Die Mauer hat ihm die Sicht geraubt. Freilich: Es war eine Sicht vor allem auf Autos. Mindestens 13.000 Fahrzeuge rauschen hier innerhalb von 24 Stunden vorbei. Aber es war eben eine Sicht. "Ich hätte die Mauer nicht gebraucht", sagt Celal Uyar. Im Haus sei es nun dunkler, und es sei nicht leiser als früher. Und: "Uns hat keiner gefragt, ob wir das wollen."

Nebenan wohnt Maria Nuss. "Es wäre schön, wenn man was anderes sehen würde wie das hier" sagt sie und nickt Richtung Betonwand. Auch sie bemüht das Bild von der Berliner Mauer - "nur dass die hier vermutlich länger steht", seufzt die Rentnerin. "Ein bisschen mehr Glas zwischendrin wäre schön gewesen", sagt sie. Anders als Celal Uyal findet Maria Nuss allerdings: "Es ist jetzt viel leiser."

Andere Anwohner fühlen sich jetzt besser geschützt

Leben hinter der Lärmschutzwand

Jetzt sieht es so aus an der L1101. Die Wand trennt Landesstraße und Neckarsulmer Straße. Manche Anlieger sind sehr froh darüber, andere wiederum ärgern sich.

Auch Michael Wörner, dessen Haus wie alle anderen in der Neckarsulmer Straße nur ein paar Meter von der Wand entfernt steht, sagt: "Wir haben jetzt weniger Lärm. Das merkt man ganz gewaltig." Er fühlt sich auch nicht eingesperrt - im Gegenteil: "Wir fühlen uns jetzt geschützter." Seit das Grün an der L1101 entfernt wurde, "war man irgendwie ausgeliefert. Wir sind jetzt sehr zufrieden."

So sehen das auch Wolfgang Leschert und Ingrid Glanz-Leschert. Sie genießen, dass es jetzt viel ruhiger sei und sprechen von mehr Lebensqualität. Das Ehepaar wird oft angesprochen von Leuten im Ort, die den Kopf schütteln und fragen, wie es sich hinter so einem grauen Bollwerk lebt. Ingrid Glanz-Leschert hätte gerne mal mit jemandem getauscht, als die Wand noch nicht stand - nur wegen des Lärm-Erlebnisses, das sie dem Tauschpartner hätte bieten können.

Weniger Wind und weniger Schmutz

Sandy Herold sagt: "Die Mauer bringt sehr viel." Es sei nun nicht nur leiser, sondern auch weniger windig und weniger schmutzig. "Wir haben aber auch Glück": Auf Höhe der Herolds ist eines der Acryglas-Elemente eingebaut, das die Schutzwand hier und da auflockern soll. "Ich bin froh, dass es die Mauer gibt. Aber auch ich finde, man hätte sie schöner machen können."

Fast dasselbe sagt Emrah Ücmen: "Das hätte man schöner gestalten können. So ist es sehr störend fürs Auge." Immerhin ist die Mauer auf der Innenseite - also zu den Anliegern hin - viel heller als auf der Seite der L1101. Einzig als Schutz für die Kinder sieht Emrah Ücmen in der Mauer einen Nutzen. Nicht als Schutz vor dem Verkehrslärm: "Der hat mich nicht gestört. An den gewöhnt man sich."

"Schön ist anders", sagt Tanja Mattes beim Blick aus ihrem Wohnzimmerfenster. Vor einiger Zeit seien an der Straße Büsche gewachsen. Die habe man rausgemacht "vermutlich wegen der Mauer", bedauert sie. Dennoch: "Wir tragen das Ganze mit Fassung." Dabei hilft der große Garten auf der anderen Seite des Hauses. Tanja Mattes sagt: "Wir Anlieger wurden nicht gefragt, ob wir das wollen. Irgendwann wurden wir über einen Brief von der Gemeinde informiert."

Tankstellenbetreiber ärgert sich

Leben hinter der Lärmschutzwand

"Schön ist anders", sagt Tanja Mattes beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster. Zum Glück hat Familie Mattes wie alle Anlieger der Neckarsulmer Straße den Garten auf der rückwärtigen Seite des Hauses.

Fotos: Mario Berger

Daran stört sich auch Jörg Leidig, Pächter der Tankstelle und Werkstatt Baier. Er fühlt sich benachteiligt, weil die Mauer seinem Geschäft schade. "Man sieht die Tankstelle ja nur ganz kurz von der L1101 aus": auf Höhe eines weiteren Elementes aus Acrylglas. Davon hätte er sich mehr gewünscht.

"Klar ist es jetzt leiser - aber gucken Sie mal jeden Tag auf so eine Wand." Vermutlich würde er sich noch mehr ärgern. Doch sein Verpächter hat Leidig auf Juni 2019 gekündigt.

Was der Bürgermeister sagt

Dass mit der Lärmschutzwand kein Schönheitswettbewerb zu gewinnen sein wird, hatte Bürgermeister Uwe Mosthaf schon während der Bauzeit gesagt. "Es ist nun mal ein technisches Bauwerk", wiederholt er jetzt im HSt-Gespräch. "Vom ersten Tag an" habe die Gemeinde die Anwohner über das Vorhaben informiert. Die Wand ist eine Maßnahme im Lärmaktionsplan, den der Gemeinderat vor einiger Zeit verabschiedet hatte.

Allerdings war nicht die Gemeinde Bauherr, betont Mosthaf noch einmal. Da es sich um Lärmschutz an einer Landesstraße handelt, ist das Regierungspräsidium (RP) in Stuttgart zuständig. Die Gemeinde habe sich insoweit eingebracht, als sie 35.000 Euro aus eigener Tasche "für den Materialwechsel" bezahlt habe. Dadurch sei die Wand "aufgelockert mit Acrylglas". Manchem Anwohner sind diese Elemente zu spärlich eingesetzt.

Was das Regierungspräsidium sagt

Die RP-Pressestelle schreibt auf Nachfrage: "Über die Form, beziehungsweise den Anteil von Glas und Betonelementen wurde gemeinsam mit der Gemeinde entschieden." Weitere Acrylglas-Elemente hätten die Kosten für die Gemeinde "deutlich" gesteigert. Die Mauer sei gebaut worden, heißt es weiter, "da es zu Überschreitungen der zulässigen Lärmwerte gekommen ist". RP-Projektleiter Markus Herrmann hatte die Entlastung für die direkten Anlieger im Herbst mit zehn Dezibel angegeben - was einer Halbierung des wahrgenommenen Lärms entspreche. Die Kosten wurden mit 800.000 Euro beziffert.

 

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