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Schüler schwänzen Unterricht: Schulphobie auch in Heilbronn ein gravierendes Problem

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Das Phänomen des Schulabsentismus ist auch in der Region Heilbronn ein Problem. Die Zahl der Jugendlichen, die die Schule schwänzen, steigt. Was steckt hinter dem schulphobischen Verhalten?

Immer mehr Schüler bleiben wegen Ängsten oder anderen psychischen Problemen der Schule fern.
Immer mehr Schüler bleiben wegen Ängsten oder anderen psychischen Problemen der Schule fern.  Foto: Philipp von Ditfurth (dpa)

Schulabsentismus ist ein gravierendes Problem, das sich seit Corona verstärkt hat, auch in der Region. "Wir beobachten eine Zunahme von Kindern und Jugendlichen, die wegen Schulängsten oder anderen psychischen Problemen der Schule fernbleiben", sagt ein Sprecher des Kultusministeriums Baden-Württemberg auf Anfrage. Das Klinikum Stuttgart hat einen Versorgungsschwerpunkt zu schulphobischem Verhalten eingerichtet. Schon Grundschüler schwänzen vermehrt den Unterricht.

Für Stadt- und Landkreis Heilbronn spielt das Thema eine so große Rolle, dass es zwei Mal im Jahr einen runden Tisch gibt. Mit dabei: Schulamt, schulpsychologische Beratungsstelle, Schulleiter, Haus des Jugendrechts, Polizei, Schulsozialarbeit, Gesundheitsamt, Kinderärzte, das Zentrum für Psychiatrie Weinsberg und weitere. Beim Staatlichen Schulamt Heilbronn haben mehr als 100 Schüler im Jahr Kontakt zur Arbeitsstelle Schulabsentismus, so Amtsleiter Markus Wenz.

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Schulschwänzen: Aus diesen Gründen gehen Schüler nicht zum Unterricht

Eine Statistik, wie viele Personen insgesamt betroffen sind, führen aber weder Kommunen, noch das Staatliche Schulamt oder das Ministerium. Bildungsforscher sehen hier ein Manko. "Wir wollen einen Forschungsantrag bei der deutschen Forschungsgemeinschaft stellen, um repräsentative Daten zum Schulabsentismus in mehreren Bundesländern zu erfassen, mit dem Ziel, das bundesweit auszurollen", sagt Professorin Christine Sälzer von der Universität Stuttgart. "Wir fischen sonst im Trüben."

Gut erforscht seien hingegen potenzielle Auslöser fürs Schulschwänzen. "Es wirkt sich negativ aus, wenn ich das Gefühl habe, ich bin der Schlechteste, und der Lehrer hat mich aufgegeben." Als Pädagoge das Kind unabhängig vom Notenschnitt zu sehen, sei wichtig. Genau wie multiprofessionelle Teams mit Psychologen und Schulsozialarbeitern und ein abgestimmtes Verhalten der Schule, wenn jemand dem Unterricht fernbleibt. Eltern sollten den Stundenplan ihres Kindes kennen und einmal im Jahr mit dem Klassenlehrer sprechen. Denn ihnen drohen Bußgelder, wenn die Kinder schwänzen.

Mobbing und Schulangst: So werden Jugendliche fit gemacht fürs Bildungssystem

"Auch Mobbing ist ein großes Thema", betont Sälzer. In ihre Vorlesung lade sie stets jemanden ein, der gemobbt wurde und von seinen Erfahrungen berichte. "Das Problem wird stark unterschätzt, und Lehrer haben kaum die Kapazitäten einzuschreiten."


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Laut Pisa-Studie 2022 sind sieben Prozent der 15-jährigen Schüler regelmäßig Opfer von Mobbing. Damit schneidet Deutschland schlechter ab als die Niederlande, Italien und Portugal. Jugendarrest für notorische Schulschwänzer lehnt die Bildungsexpertin ab. "Arrest wirkt sich so aus, dass sich der Heranwachsende noch mehr vom System entfernt. Ich kenne niemanden, der in dem Bereich forscht und das empfiehlt." Programme wie in Heilbronn von Bildungspark und Awo, die Jugendliche wieder fit fürs Bildungssystem machen wollen, seien sehr sinnvoll. "Wir brauchen solche Projekte unbedingt."

Experten: Arrest für Schulschwänzer bringt nichts

Bildungsforscherin Heike Solga vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sieht das ähnlich. "Es lohnt sich für jeden, der gerettet werden kann." Schulabsentes Verhalten wirke sich auch auf Freunde und Geschwister als Multiplikatoren aus.

Eine Studie am Leibniz Institut für Bildungsverläufe zeige, dass Menschen ohne Schulabschluss zu allen anderen Problemen oft eine schlechtere Gesundheit hätten oder eine schwierige Wohnsituation. "Ein Teufelskreis." Was helfen würde? Christine Sälzer empfiehlt die verpflichtende Ganztagsschule, wenn sie gut gestaltet sei. "Aber ich sehe nicht den übergreifenden politischen Willen. Eher scheint Trägheit vorzuherrschen."

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