Nach Mobbing und Schuleschwänzen: Mit diesen Projekten in Heilbronn sollen Jugendliche den Abschluss schaffen
Erst schwänzen, dann die Schule abbrechen: In diese Spirale geraten Tausende Jugendliche. In Heilbronn wollen zwei Projekte, Wifit vom Bildungspark der Aufbaugilde und Mylife von der Awo, sie zurück an die Schulen bringen.

Tausende Jugendliche in Baden-Württemberg brechen Jahr für Jahr die Schule ab, mit massiven Folgen für sich und die Gesellschaft. Teils haben sie zuvor länger unentschuldigt gefehlt, den Unterricht geschwänzt. Schulabsentismus nennen das Fachleute. Die Gründe sind vielfältig. Mobbing ist einer davon. Aber auch Krankheiten, psychische Probleme oder Versagensangst können mögliche Auslöser sein.
In Heilbronn wollen zwei Projekte, Wifit vom Bildungspark der Aufbaugilde und Mylife von der Awo, diese Heranwachsenden zurück an die Schulen und zu einem Abschluss bringen. Die Plätze sind mit derzeit je 24 Heranwachsenden überbelegt. Finanziert werden die Projekte von den Jugendämtern im Stadt- und Landkreis und dem Europäischen Sozialfonds für Deutschland (ESF).
Projekte für Schulschwänzer von Awo und Aufbaugilde: Bedarf in Heilbronn ist größer
"Der Bedarf wäre sicher im dreistelligen Bereich", schätzt Michael Roll, sozialpädagogischer Mitarbeiter des Bildungsparks. Und er werde immer größer. Die Arbeit mache ihm einen "riesen Spaß", weil die Kinder viel zurückgäben. "Ich denke, das sind Maßnahmen, die wir dringend brauchen und noch ausbauen müssten."
Schwarzer Hoodie, Kappe, markantes Gesicht. Tom (alle Namen der Schüler von der Redaktion geändert) erzählt sehr klar von der schwierigen Zeit, die hinter ihm liegt. Auf der Realschule hat er viele Freunde, dann kommt Corona, Homeschooling, seine Leistungen brechen ein. "Ich war ein hyperaktiver Junge, ich hab' viel Scheiße gebaut."
Hoffen auf eine bessere Zukunft: Durch Corona und Homeschooling wurde Tom zum Schulschwänzer
Er wechselt zur Werkrealschule, aber Fuß fasst er dort nicht. Der heute 16-Jährige diskutiert viel mit Lehrern, die Regeln findet er streng, er beginnt zu schwänzen: "Da bin ich geflogen." Aber nur daheim zu sein, das war "die schlimmste Zeit": "Zur Schule zu gehen, bringt auch Struktur ins Leben. Zu Hause bin ich fast verrückt geworden. Ich hab mich gefühlt, als würde ich verloren gehen." Jetzt hofft er auf eine bessere Zukunft. Bald will er die Susanne-Finkbeiner-Schule besuchen und seinen Abschluss nachholen.
Oder Aurora, die Mobbingerfahrungen gemacht hat und ungern darüber redet. Vor einiger Zeit haben sich die Eltern getrennt, was eine Zusatzbelastung für die 14-Jährige ist. Regelmäßig kommt jetzt eine Jugendamtsmitarbeiterin zu ihr nach Hause.
Nach Mobbing kommt das Schuleschwänzen
Auch Milo kennt Mobbing, bei ihm begann es mit einem Schulwechsel. "Es waren nur Worte. Aber es tat weh." Der Teenager, der sanft und für seine 13 Jahre sehr erwachsen wirkt, lässt erst die Mittagsschule sausen, dann die Freitage – und die Montage schließlich auch. Angefangen habe es mit sporadischen Auszeiten. "Später bin ich gar nicht mehr hin."
Er bekommt Depressionen, findet einen Therapeuten und eine neue Schule. Doch das Leid beginnt erneut, die Lehrer sind ihm keine Hilfe. Die Quälereien und dass ihm ständig ein Bein gestellt wird, habe ja niemand mitbekommen.
Kein Platz für Problemfälle – Schulsuche für Schwänzer im Raum Heilbronn ist schwierig
"Bei uns im Projekt klappt es gut", sagt Heidrun Landwehr vom Bildungspark. Trotzdem gestaltet sich die Suche nach einem Schulplatz schwierig, obwohl Milo schulpflichtig ist. "Ich sage jetzt mal hart: Die Rückmeldung von den Rektoren ist oft, dass die Schulen voll sind und so viele Problemfälle haben, dass sie nicht mehr aufnehmen können."
Meist sind es die beruflichen Schulen, an denen zwischenzeitlich Gestrandete eine neue Perspektive finden, weiß Melanie Stauner, Koordinatorin des Projekts Mylife bei der Awo, das sich wie Wifit um schulabstinente Jugendliche kümmert. Die Eltern einzubeziehen, ist ein Schwerpunkt. "Schulabsentismus heißt nicht, dass die Kinder kognitiv schwach sind." Sprachliche Barrieren erschweren die Arbeit.
Bußgeld fürs Schuleschwänzen: Das müssen Eltern bezahlen
Unentschuldigt der Schule fernzubleiben, kann teuer werden. 180 Euro Bußgeld haben Milos Eltern für das Schwänzen des Sohnes bezahlt. "Zuerst kommt das Ordnungsgeld mit zehn Euro pro Fehltag", sagt Heidrun Landwehr. Der Betrag könne sich auf mehrere tausend Euro summieren. "Wer nicht zahlen kann, leistet Sozialstunden, sonst erfolgt im schlimmsten Fall Jugendarrest." Dass das keine absolute Ausnahme sei, ergänzt Michael Roll. "Das passiert durchaus öfter. Wir fungieren hier auch als Bremse."
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