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Fachkräftemangel schlägt im Gesundheitssektor voll durch

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Ärzte müssen ihre eigene Arbeitszeit reduzieren, weil das Personal fehlt, wie ein Beispiel aus Neckarsulm zeigt. An der Bad Rappenauer Vulpius-Klinik kennt man das Problem.

Viele Arzt- und Zahnarztpraxen in der Region finden kaum noch Angestellte. Kliniken klagen schon seit Langem über große Probleme bei der Nach- und Neubesetzung von Stellen. "Wir kämpfen um jede Person", sagt SLK-Chef Thomas Weber. Es werde "händeringend nach Mitarbeitern gesucht, wir würden morgen einstellen, wenn wir könnten". Der Mangel in nicht ärztlichen Bereichen sei ein immer größer werdendes Problem, bestätigt Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Er wisse von einigen Praxen, die sich eigentlich gern vergrößern würden, das aber nicht können, weil das Personal fehlt.


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Pandemie hat gezeigt, wie dünn die Personaldecke ist

Ärztepräsident Klaus Reinhardt sagte beim Deutschen Ärztetag vor wenigen Wochen, die Corona-Pandemie verdeutliche, wie dünn die Personaldecke schon heute sei - in den Pflegeberufen genauso wie bei Ärztinnen und Ärzten in Praxen, Krankenhäusern und Gesundheitsämtern. Zudem stehe eine "enorme Ruhestandswelle" insbesondere bei niedergelassenen Ärzten bevor.

Bisher sei der Mangel bei Medizinischen Fachangestellten (MFA) in der Region nach seiner Einschätzung "noch punktuell", sagt der Heilbronner Ärztesprecher Martin Uellner. "Aber klar, die MFAs können sich ihre Praxis raussuchen, es gibt sie nicht im Überfluss."

Zahnärzte können nicht ohne Assistenz arbeiten

Besonders gravierend stellt sich die Lage für Zahnärzte dar. Der Grund: "Für fast alle Behandlungen ist eine Assistenz notwendig", sagt der Heilbronner Zahnärztesprecher Bernd Krämer. Gleichzeitig seien kaum Fachkräfte auf dem Markt, auch Auszubildende zu finden habe sich zum Problem entwickelt. Der theoretische Teil sei anspruchsvoll - für viele Nachwuchskräfte, die in der praktischen Arbeit wirklich gut seien, sei der Umgang mit der Sprache jedoch eine große Hürde. Der schulische Teil der Ausbildung sei deshalb häufig kaum erfolgreich zu absolvieren.


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"So eine Situation wie gerade hatten wir noch nie", sagt auch der Neckarsulmer Zahnarzt Peter Fuchs. Weil Personal fehlt, müssen er und seine angestellten Zahnärztinnen die eigene Arbeitszeit reduzieren. "Wir haben es in unserer Branche nicht geschafft, dem Beruf die Reputation zu verschaffen, die er verdient", sagt Fuchs. Dabei sei die Qualität einer Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten (ZMF) sehr gut und es gebe danach zahlreiche Möglichkeiten zur Weiterqualifikation inklusive guter Bezahlung. Als Prophylaxeassistentin oder Dentalhygienikerin könne man bis zu 4000 Euro brutto verdienen, in Großstädten auch mehr.

An der Bad Rappenauer Vulpius-Klinik geht manchmal über Monate keine einzige Bewerbung ein

In Kliniken ist die Lage schon seit Jahren düster. Martina Kastrati, die den Zentral-OP an der Bad Rappenauer Vulpius-Klinik leitet, sagt für ihren Bereich: "Es kommen immer weniger Bewerbungen rein." Man sei ganzjährig auf der Suche nach Personal über unterschiedliche Kanäle, aber manchmal vergingen Monate ohne eine einzige Bewerbung. Potenzielle Mitarbeiter schauten sich die Arbeitsbedingungen genau an und wägten ab. "Früher war es selbstverständlich, Überstunden zu machen, heute nicht mehr. Die Ansprüche sind gewachsen." Die Engpässe verschärft haben Schutzvorschriften in Folge der Pandemie: Mitarbeiterinnen dürfen nicht mehr eingesetzt werden, sobald ihre Schwangerschaft bekannt ist. Vor der Zukunft ist Martina Kastrati bange: "Wir werden nicht genug Personal haben."


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Auch Klaus Hemmann berichtet für die Orthopädie-Technik von Problemen

Gegenüber der Vulpius-Klinik ist die Orthopädie-Technik GmbH von Klaus Hemmann. Auch Hemmann sagt: "Wir suchen in allen Bereichen." In der Orthopädietechnik, dem Verkauf, der Verwaltung. Normalerweise würden 14 bis 15 Nachwuchskräfte ausgebildet. "Im Moment haben wir sechs."

Der Grund für die Misere liegt auf der Hand: Immer weniger junge Menschen stehen einer immer größer werdenden Zahl hilfebedürftiger Älterer gegenüber - und der demographische Wandel wird sich in den nächsten Jahren zuspitzen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, in den Ruhestand gehen.

Ohne massive Zuwanderung ist das Problem nicht zu lösen

"Deutschland gehen die Fachkräfte aus", sagte Detlef Scheele, scheidender Präsident der Bundesagentur für Arbeit, der "Süddeutschen Zeitung" in einem Abschiedsinterview: "Es wird jedes Jahr mehrere hunderttausend Beschäftigte weniger geben, wenn nichts getan wird." Scheele empfiehlt, "den Pool an Arbeitskräften zu vergrößern, also zum Beispiel Kitas besser auszubauen, damit noch mehr Frauen arbeiten können oder Älteren die Arbeit bis zur Altergrenze zu ermöglichen, statt sie in Vorruhestand zu schicken. Aber diese Maßnahmen allein reichten nicht aus: "Ohne Zuwanderung haben wir gegen den Fachkräftemangel keine Chance."

Die Digitalisierung kann in manchen Bereichen der Medizin Entlastung bringen

In der Medizin soll die Digitalisierung weitere Entlastung bringen. Statt Mitarbeiterinnen acht Stunden täglich für telefonische Terminbuchungen abzustellen, setzen immer mehr Praxen auf elektronische Buchungstools, auch Klaus Hemmann will verstärkt elektronisch Termine vergeben.

Was in Fachbereichen wie Orthopädie oder Radiologie möglich ist, stößt im Bereich Zahnmedizin an Grenzen, sagt Peter Fuchs. Die Dringlichkeit des Behandlungsbedarfs und die Dauer einer Behandlung müsse eine Fachkraft am Telefon beurteilen. Fuchs will künftig aber stärker auf Videosprechstunden, zum Beispiel bei Beratungsgesprächen, setzen. Die notwendigen Daten könne er dabei selbst eingeben und brauche keine Assistenz, sagt er. Bernd Krämer hofft, dass sich über die sogenannte Einstiegsqualifikation, ein Programm der Agentur für Arbeit, weiterer Nachwuchs für Zahnarztpraxen finden lässt. Dabei werden Menschen, die sich für eine Ausbildung interessieren, zuvor über eine Art Praktikum vorbereitet und lernen zum Beispiel bessere sprachliche Fähigkeiten.

Geld für Sprachförderung im Herkunftsland

Um Pflegekräfte aus dem Ausland für das Gesundheitssystem im Land zu gewinnen, wird die Landesregierung eine Million Euro für Sprachförderung ausgeben. Mit dem Geld sollen Deutschkurse für potenzielle Pflegefachkräfte finanziert werden − und zwar bereits in deren Herkunftsland. Das Projekt ist Teil des "Triple Win"-Programms der Bundesagentur für Arbeit, einem Konzept für nachhaltige berufliche Mobilität.

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