Der Fachkräftemangel spitzt sich auch in der Region zu
Im Gesundheitswesen ist die Lage besonders kritisch, die Hoffnung ruht nun auf Arbeitskräften aus dem Ausland und Frauen. Gewerkschafter macht schlechte Arbeitsbedingungen für den Ausstieg vieler qualifizierter Kräfte aus dem Beruf verantwortlich.
Der Fachkräftemangel in Deutschland macht sich inzwischen in nahezu allen Branchen bemerkbar und die Prognosen für die kommenden Jahre sind düster. "Das Angebot an Fachkräften in Heilbronn-Franken wird von 2022 bis zum Jahr 2035 um 25 Prozent abnehmen", schreibt die IHK Heilbronn-Franken in ihrem jüngsten Fachkräftemonitor. Für die regionalen Unternehmen sei das eines der "drängendsten Probleme für ihre wirtschaftliche Entwicklung".
Auch Arztpraxen haben Probleme, neue Mitarbeiter zu finden
Besonders groß ist der Mangel in der Gesundheitsbranche. "Vor allem im Pflegebereich ist die Lage schon seit Jahren gravierend", sagt Alexandra Neukam von der Bundesagentur für Arbeit in Heilbronn. Seit einiger Zeit hätten nun auch Arztpraxen Probleme, junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen. "Bisher waren das immer begehrte Ausbildungsberufe, aber die duale Ausbildung ist immer weniger gefragt, die Tendenz geht zum höheren Schulabschluss", sagt Neukam. Das ziehe sich durch alle Bereiche und sei auch im Handwerk und der Industrie zu beobachten.
Laut IHK entfällt derzeit der Großteil der nachgefragten Fachkräfte landesweit auf das Gesundheits- und Sozialwesen mit 563 000, es folgen die beratenden und wirtschaftsnahen Dienstleistungen mit 424 000 Personen. Laut Prognose werden diese beiden Branchen auch 2035 weiter am meisten Fachkräfte nachfragen. An dritter Stelle liegt der Einzelhandel mit einer Fachkräftenachfrage von 382 000.
In der Pflege sei die schwierige Situation auch den Arbeitsbedingungen geschuldet. "Es gibt viele, die nicht mehr können, wegen psychischer Probleme oder Rückenleiden, und deshalb aus der Pflege rausgehen", sagt Neukam.
Gewerkschafter kritisiert, dass der Pflegeberuf "aus Kostengründen" immer weiter abgewertet worden sei
Arne Gailing von der Gewerkschaft Verdi hält das Problem für hausgemacht. Pflegeberufe seien immer weiter abgewertet worden. Aus Kostengründen werde versucht, "möglichst viel Leistung mit möglichst wenig Personal zu erbringen". Deshalb sei auch das Qualifikationsniveau "im Durchschnitt runtergefahren worden". Aufgrund dieser Bedingungen hätten viele ihren Beruf frustriert verlassen.
Viele Pflegekräfte würden zurückkehren oder Stunden aufstocken, wenn die Arbeitsbedingungen besser wären
Laut einer Studie in Kooperation mit der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung stünden in Deutschland mindestens 300 000 Vollzeit-Pflegekräfte durch Rückkehr in den Beruf oder Aufstockung der Arbeitszeit zusätzlich zur Verfügung - sofern sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern. An erster Stelle steht für die 12 700 Befragten demnach eine Personaldecke, die sich am Bedarf der pflegebedürftigen Menschen ausrichtet. Außerdem wünschen sich Pflegekräfte demnach eine bessere Bezahlung und verlässliche Arbeitszeiten.
Die Arbeitsagenturen würden viel versuchen, um Menschen für die Arbeit in Pflege und medizinischen Bereichen zu gewinnen, sagt Neukam. So würden über verschiedene Projekte Fachkräfte im Ausland, etwa Ländern Lateinamerikas, rekrutiert. Außerdem unterstütze man Frauen nach der Familienphase beim Wiedereinstieg in den Beruf oder versuche gezielt, Frauen mit Migrationshintergrund für Pflegeberufe zu gewinnen. Das sei sinnvoll, weil immer mehr Ältere mit Migrationshintergrund in Pflegeheimen zu betreuen seien.
Versorgungslücke wächst
Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln fehlen in Deutschland in der stationären Versorgung bis 2035 womöglich rund 307 000 Pflegekräfte. Die Versorgungslücke im Pflegebereich insgesamt beliefe sich demnach auf knapp 500 000 Fachkräfte. Die Prognose basiert auf Berechnungen des Statistischen Bundesamts zur Entwicklung der Pflegebedürftigkeit − diese wird mit der steigenden Zahl Älterer deutlich zunehmen.
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