SLK-Professor Henry Weigt: „Die meisten Mythen über Narkosen sind Quatsch“
Warum Menschen beim Aufwachen weinen, lachen oder wegwollen und wieso Narkosen sicherer sind als ein Spaziergang durch Heilbronn: Experten der SLK-Kliniken erklären, was im Narkoseschlaf passiert.
Das Narkosemittel Propofol sorge bei Frauen für sexuelle Träume, und Männer fassten sich beim Aufwachen aus der Narkose als Erstes in den Schritt: Das sind nur zwei der vielen Mythen, die sich um das Thema Narkose ranken. „Das ist aber Quatsch“, sagt SLK-Chefarzt Henry Weigt. Doch woher kommen solche Zuschreibungen – und warum geht von dem Bewusstseinszustand während medizinischer Eingriffe eine solche Faszination aus?
Angst und Ohnmacht vor Operation – „Narkosen bedeuten einen Kontrollverlust“
„Narkosen bedeuten einen Kontrollverlust“, sagt Jan Proplesch, Koordinator für den pflegerischen Funktionsdienst Anästhesie im SLK-Klinikum am Gesundbrunnen: die fremde Umgebung, die piependen und schnaufenden Maschinen, die Menschen in grüner OP-Kleidung mit Mundschutz. „Das löst in manchen Gefühle von Angst und Ohnmacht aus.“ Hinzu komme die Anspannung wegen der Operation.

„Viele fürchten sich mehr vor der Narkose als vor dem eigentlichen Eingriff“, sagt Weigt. Das habe womöglich auch historische Gründe. Die Äther-Narkosen früherer Jahrzehnte hätten heftige Nebenwirkungen gehabt, „danach haben manche Leute sich eine Woche lang erbrochen, ein totaler Kontrollverlust“.
Heute sei das anders: Narkosen sind eine sichere und meist schonende Angelegenheit. Das Risiko, infolge einer Narkose zu versterben, liege bei 1:250.000, so der Chefarzt. „Bei einem Spaziergang in Heilbronn haben Sie ein Risiko von 1:50.000, einen Unfall zu haben – nur um das mal in Relation zu setzen.“ Statistisch betrachtet sei man fast nirgendwo sonst so sicher wie während einer Narkose im Krankenhaus.
30.000 Narkosen pro Jahr werden im SLK-Verbund verabreicht
Rund 30.000 Vollnarkosen werden im SLK-Verbund pro Jahr verabreicht. Klar, dass die Mitarbeitenden da einiges erleben: Patienten, die im Aufwachraum aufstehen und am liebsten gleich gehen wollen. Solche, die desorientiert sind und andere, die lebhaft von ihren „schönen Träumen“ erzählen. Aber auch der Mythos, dass sich unter einer Narkose das wahre Wesen zeige, sei falsch, sagt Jan Proplesch. Entscheidend sei vielmehr, in welcher emotionalen Lage ein Patient in die Narkose gehe – mit diesem Gefühl wache er in der Regel auch wieder auf.
Wie SLK-Experten Patienten die Angst vor Narkosen und dem Einschlafen nehmen
„Deshalb versuchen wir, den Patienten die Angst zu nehmen, indem wir mit ihnen sprechen“, sagt Nadine Stambolitis. Sie ist Anästhesietechnische Assistentin und arbeitet im Wechsel in dem Saal, in dem vor der OP die Narkosen eingeleitet werden, und im Aufwachraum.
Zählen bis zum Einschlafen – diese Aufforderung sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Stambolitis. Sie rät den Patienten stattdessen, an etwas Schönes zu denken: „An einen Urlaub, Zeit mit den Kindern oder Enkeln.“ Wenn man mit solchen Gedanken einschlafe, wache man damit häufig auch wieder auf. Das berichteten ihr viele Patienten. Stambolitis erzählt, sie bekomme auch oft zu hören: „Ich habe so gut geschlafen, ich fühle mich richtig erholt.“
Narkose und Operation überstanden: Was passiert beim Aufwachen?
Das sei eine gängige Empfindung, auch nach einer kurzen Narkose, ordnet Henry Weigt ein. Was die Experten zudem manchmal beobachten: Enthemmung. Menschen weinten oder lachten unkontrolliert in der Phase des Aufwachens. Dieser Zustand halte aber in der Regel nur einige Sekunden an. „In dieser Phase zwischen Narkoseschlaf und Wachsein können solche Phänomene auftreten“, sagt Weigt. Das liege daran, dass manche Narkosemittel zusätzlich zur sedierenden auch eine enthemmende Wirkung haben.
Delir nach Narkose – mit diesen Maßnahmen sorgen die SLK-Kliniken vor
Sonderfälle sind Narkosen bei älteren Patienten mit kognitiven Einschränkungen und bei Kindern. Bei Älteren, bei denen schon erste Anzeichen von Demenz auftreten, sei das Risiko, nach einer Narkose ein post-operatives Delir (Verwirrtheit nach der Narkose) zu bekommen, deutlich erhöht, sagt Weigt. In einem solchen Zustand sind die Patienten orientierungslos in Raum und Zeit, ängstlich, aufgewühlt.
Um das Risiko für ein Delir zu senken, wird bei SLK mit zwei Maßnahmen vorgebeugt: In einer sogenannten Eli-Box werden Brille, Hörgerät und Gebiss am Patientenbett mit in den OP-Bereich transportiert, so dass die Patienten schon im Aufwachraum auf diese Hilfsmittel zurückgreifen können. Das unterstütze bei der Orientierung. Außerdem kann in bestimmten Fällen auch eine Bezugsperson, etwa Kind oder Ehepartner, im Aufwachraum dabei sein, um dem Patienten die Angst zu nehmen und ihn zu unterstützen.
Bei Kindern ist das grundsätzlich der Fall. Außerdem werden bei Bedarf Tablets mit Kinderfilmen ausgegeben, die die kleinen Patienten ablenken und so beruhigen. „Das hilft ungemein“, sagt Pressesprecher Mathias Burkhardt. Er habe die Erfahrung schon bei seinem eigenen Sohn kurz nach einem Eingriff gemacht.
Auch Weigt sagt: „Wenn es stimmen würde, dass sich mit der Narkose das wahre Wesen eines Menschen zeigt, dann würde ja bei diesem Menschen jede Narkose gleich ablaufen.“ Das sei aber nicht der Fall. Für ihn steht fest: „Jedes Aufwachen ist ein Einzelfall – die Umstände sind entscheidend, nicht der Charakter.“ Ein Muster scheint es aber doch zu geben: Ganz häufig fassen sich Patienten kurz nach dem Aufwachen ins Gesicht, an die Nase. „Vielleicht vergewissern sie sich so ihrer selbst.“
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