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SLK-Kliniken Heilbronn
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Heilbronner SLK-Kliniken ändern Narkose-Regel: Patienten dürfen vor OP Kaffee trinken

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Am Heilbronner SLK-Klinikum am Gesundbrunnen gilt das Nüchternheits-Dogma nicht mehr, andere Häuser ziehen bald nach. Anästhesie-Chefarzt Henry Weigt erklärt, warum.


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Jahrzehntelang galt das Dogma: Wer geplant operiert wird, darf mindestens zwei Stunden davor nichts trinken. Der Patient sollte „nüchtern“ sein, bevor er in Narkose versetzt wird. Denn, so die Auffassung, wer isst oder trinkt riskiert Aspiration – also einen Rückfluss des Mageninhalts in die Lunge mit möglichen schlimmen Konsequenzen: eine Schädigung der Schleimhäute durch sauren Mageninhalt oder eine bestimmte Art von Lungenentzündung, die sogenannte Aspirationspneumonie. 

Neuregelung an SLK-Kliniken im Raum Heilbronn: Infos per Farbkarten

Am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen gilt der Glaubenssatz seit 1. März 2025 nicht mehr. Im Zentrum für Anästhesie, der Abteilung von Professor Henry Weigt, werden Patienten beim Aufklärungsgespräch vor der Operation darüber informiert, dass sie bis kurz vor der Operation trinken dürfen – klare Flüssigkeiten wie Wasser, Tee oder Kaffee und den sogar mit „wenig Milch“ oder Zucker. Ab Mitte April wird die Regelung auch an den beiden anderen SLK-Kliniken in Bad Friedrichshall und Löwenstein umgesetzt. 

„Die europäischen Richtlinien werden gerade aufgeweicht“, erklärt Henry Weigt. Denn bei einer Überprüfung der „Aspirations-These“ habe sich herausgestellt, dass sie offenbar gar nicht zutrifft. „Bei gesunden Patienten geht das, was sie trinken, in ungefähr 20 Minuten durch den Magen“, sagt Weigt.

In den Kliniken des Helios-Konzerns teste man schon seit längerem, ob sich irgendwelche Probleme ergeben, wenn Patienten bis kurz vor der OP trinken. Das Ergebnis laut dem Chefarzt: „Es ist nur positiv, wenn Patienten trinken bis zum Abruf.“

Henry Weigt, Leiter des SLK-Zentrums für Anästhesie und Notfallmedizin, erklärt das neue Nüchternheitskonzept anhand der farbigen Karten.
Henry Weigt, Leiter des SLK-Zentrums für Anästhesie und Notfallmedizin, erklärt das neue Nüchternheitskonzept anhand der farbigen Karten.  Foto: Blass, Valerie

SLK-Kliniken: Am Heilbronner Gesundbrunnen gilt Konzept schon seit 1. März

Gerade ältere Menschen oder solche, bei denen sich die OP verschiebt, würden enorm profitieren, denn das Risiko zu dehydrieren werde durch die Maßnahme deutlich gesenkt. „Wir hatten häufig Patienten, denen ging es richtig schlecht, weil sie zu lange nichts getrunken hatten und völlig entwässert waren“, sagt er.

Weigt hebt noch einen zweiten Aspekt hervor: das psychische Wohlbefinden. In einer Ausnahmesituation wie einer OP sei es besonders wichtig, nicht noch zusätzlichen Stress zu erzeugen. Wer auch an diesem Tag an seiner üblichen Morgenroutine inklusive Kaffeetrinken festhalten könne, der gehe „entspannter in die Klinik“. Und das sei ein wichtiger Faktor für einen guten OP-Verlauf. 

30.000 Narkosen pro Jahr an den drei SLK-Kliniken im Kreis Heilbronn

30.000 Narkosen pro Jahr werden an den drei SLK-Häusern gemacht. Das Konzept soll schnell überall ankommen und verstanden werden. Dabei helfen Karten in Ampelfarben, die die Anästhesie-Ärzte vorab beim Aufklärungsgespräch an ambulante Patienten herausgeben. Sie kommen normalerweise erst am Morgen des Eingriffs in die Klinik.

Auf den Karten ist genau beschrieben, was man wann zu sich nehmen darf: Normal gesunde Patienten, die ein grünes Kärtchen bekommen, dürfen bis zum Vorabend „normale Kost“ essen und bis Mitternacht „eine leicht verdauliche Mahlzeit wie Joghurt oder Toast“. Die Regelung für Essen bleibt also unverändert.

SLK-Klinikum Heilbronn: Auf Rückseite der Karten ist alles in vier weitere Sprachen übersetzt

Trinken dürfen Patienten „bis zum Abruf in den OP“. Es gibt auch gelbe und rote Karten, zum Beispiel für Patienten mit Vorerkrankungen, für sie gelten unter Umständen andere Regeln. Auf der Rückseite der Karten ist alles in vier weitere Sprachen übersetzt: Englisch, Türkisch, Russisch und Arabisch. Für Patienten, die schon vor der Operation in der Klinik sind, wird ein Kärtchen in der jeweiligen Farbe am Patientenbett befestigt, damit die zuständige Pflegekraft Bescheid weiß. 

Die Maßnahme komme „sehr gut“ bei den Patienten an und bedeute auch für das Personal in vielen Fällen weniger Stress, sagt Weigt. „Das ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.“ 

In der Anästhesie und Notfallmedizin sei gerade viel in Bewegung, sagt Henry Weigt. Es geht um personalisierte Anästhesie, die noch sicherer sein und weniger Nebenwirkungen haben soll. Zudem werde an einer präoperativen Risikosteuerung mit Hilfe von KI geforscht. Das Szenario: Mithilfe einer KI kann künftig vorausberechnet werden, ob und wann bei einem Patienten eine Sepsis mit Multiorganversagen droht. Auf dieser Basis kann man früher Antibiotika geben. Es brauche die Datensätze der elektronischen Patientenakte, erklärt Weigt. „Damit könnte man bei jedem Patienten vor der Operation das Risiko besser durchleuchten.“ SLK werde dabei sein, sobald die Entwicklung in dem Bereich vorangeht, sagt er.

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