Massive Kritik an Stuttgart-21-Fahrplan – Region Heilbronn „um Jahre zurückgeworfen“
Zum geplanten Start von Stuttgart 21 Ende 2026 ändern sich abermals Betreiber und Streckenführungen über Heilbronn. Das Land verspricht Verbesserungen, der Verkehrsclub sieht die Region „um Jahre zurückgeworfen“.
Die Kritik ist massiv. Man lehne das bislang bekannt gewordene Fahrplankonzept, das mit Stuttgart 21 greifen soll, strikt ab, sagt Hans-Martin Sauter, Regionalvorstand im ökologisch orientierten Verkehrsclub Deutschland (VCD). „Das wirft uns beim Schienennahverkehr in der Region um Jahre zurück“, befürchtet Sauter „zahllose Verschlechterungen mit verpassten Anschlüssen“.
Hintergrund: Das Gros der Regionalzüge aus Stuttgart wird künftig in Heilbronn Endstation haben und nicht mehr weiter über Neckarsulm und Bad Friedrichshall fahren. Das Gesamtgefüge des neuen Fahrplans ist komplex.
Der Ärger entzündet sich zunächst an einer aktuellen Pressemitteilung, in der das Landesverkehrsministerium über die Neuvergabe regionaler Bahnstrecken informiert. Demnach übernimmt der Betreiber Arverio Ende 2026, wenn Stuttgart 21 starten soll, den Metropolexpress 18 zwischen Stuttgart und Heilbronn. In dieser Linie geht auch der bisherige MEX12 auf, die Züge fahren alle halbe Stunde.
Regionaler Bahnverkehr um Heilbronn: DB verabschiedet sich schon wieder
Arverio, hervorgegangen aus dem britischen Unternehmen Go-Ahead und mittlerweile unter dem Dach der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB, fährt bereits den Regionalexpress RE8 von Stuttgart über Heilbronn nach Würzburg, wird das auch weiterhin tun und ist damit alleiniger Betreiber zentraler Abschnitte auf der sogenannten Frankenbahn.

Das ist an sich schon verblüffend in der an Wirrnissen nicht armen jüngeren Betreibergeschichte: Erst zum 1. August dieses Jahres hatte die DB Regio, Tochter der Deutschen Bahn, die Linien MEX 12 und MEX 18 von der landeseigenen SWEG übernommen. Diese hatte zuvor jene Lücke gefüllt, die sich aufgetan hatte, nachdem Abellio Baden-Württemberg infolge von finanziellen Turbulenzen aus dem Betreiber-Tableau verschwand.
DB Regio – bis 2019 Platzhirsch, dann nach einer Ausschreibungsniederlage von der privaten Konkurrenz ausgebootet – feiert also seit wenigen Wochen ein Comeback in der Region, das gemäß der Neuvergabe Ende 2026 schon wieder enden soll. Das ist durchaus überraschend, wird vom Land auf Nachfrage aber so bestätigt.
Endstation Heilbronn: Häufiges Umsteigen nach Neckarsulm und Bad Friedrichshall
Was den VCD auf die Palme bringt, ist weniger das Betreiberkarussell als die Linienführung. Kernpunkt: Der neue MEX 18, der die bisherigen Linien 12 und 18 bündelt, pendelt in der Regel nur noch zwischen Stuttgart und Heilbronn über die üblichen Zwischenhalte, unter anderem in Kirchheim, Lauffen und Nordheim. Weiter nach Norden fahren dann nur noch vereinzelt MEX-Züge durch bis nach Neckarsulm.

Bisher sind 12 und 18 lange Linien, die zum Teil in Tübingen starten, um über Stuttgart und Heilbronn Richtung Norden über Neckarsulm und Bad Friedrichshall nach Mosbach und Osterburken weiterzufahren. Diese „Langläufer“ wurden auch oft kritisiert, nicht zuletzt vom VCD, weil sie störungsanfällig sind und sich Verspätungen auf der langen Reise aufschaukeln.
Jetzt werden lange Linien gekappt, manche Fahrgäste müssen ab Ende 2026 häufiger den Zug wechseln. Direktverbindungen von Stuttgart nach Bad Friedrichshall etwa gibt es beim MEX 18 nicht mehr, wohl aber weiterhin mit dem stündlichen RE8.
Verkehrsclub VCD: Stuttgart-21-Fahrplan für Region Heilbronn „nicht akzeptabel“
„Es ist überhaupt nicht akzeptabel, dass der halbstündliche MEX von Stuttgart künftig in Heilbronn endet und alle Fahrgäste, die auf der Frankenbahn weiter in Richtung Neckarsulm oder Bad Friedrichshall wollen, umsteigen müssen“, sagt VCD-Vorstandsmitglied Hans-Martin Sauter. „Wir haben in der Region das höchste Verkehrsaufkommen auf der Achse Heilbronn – Neckarsulm mit Tausenden Arbeitsplätzen bei großen Arbeitgebern.“
Kritik aus Heilbronn an Stuttgart-21-Fahrplan – so reagiert das Verkehrsministerium
Wie reagiert das Land? Eine Sprecherin von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) verweist gegenüber der Stimme darauf, dass die vom Bund zur Verfügung gestellten sogenannten Regionalisierungsmittel „wegen der signifikanten Kostensteigerungen der letzten Jahre“ immer knapper würden. „Eine Verlängerung des MEX über Heilbronn bis Neckarsulm war ursprünglich auch geplant, musste jedoch auf Grund der knappen Finanzmittel wieder zurückgenommen werden.“
Es gebe aber auch zwischen Heilbronn und Neckarsulm/Bad Friedrichshall „viel parallel laufenden Verkehr“, erklärt das Ministerium – gemeint sind die künftigen Linien RE 10/RE 12 (Heilbronn–Mannheim), die neue Regionalbahn 86 (Heilbronn–Osterburken) sowie mit den Stadtbahnen der AVG. Der VCD will sich damit nicht zufrieden geben: „Gerne erläutern wir den Planern in Stuttgart bei einem Vorort-Termin die Situation zum Bahnverkehr in unserer Region“, sagt Hans-Martin Sauter.
Künftig Direktzüge von Heilbronn zum Flughafen Stuttgart
Zwei weitere Änderungen gibt es Ende 2026, die aus Sicht des Landes wesentliche Verbesserungen bringen: Gefahren wird der neue MEX 18 mit modernen Doppelstockzügen „mit Arbeits- und Familienbereichen sowie viel Platz für Gepäck, Fahrräder und Kinderwagen“, wie es aus Stuttgart heißt. Nicht zuletzt gilt als zentraler Stuttgart-21-Vorteil für die Region, dass der Regionalexpress künftig alle zwei Stunden von Heilbronn direkt zum Stuttgarter Flughafen fährt und die Fahrtzeit dort hin auf 48 Minuten deutlich verkürzt.
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