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Druck, Aggressionen, Attacken: Warum Bürgermeister immer öfter ans Limit kommen

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Bürgermeister sprechen immer öfter über psychische Belastungen – in manchen Fällen kommt es sogar zu Rücktritten. Was das Amt so fordernd macht, erklärt Eppingens Rathauschef Klaus Holaschke.


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Bürgermeister geraten immer wieder an ihre Belastungsgrenze – so sehr, dass nicht nur Krankschreibungen, sondern in manchen Fällen gar Rücktritte folgen. Löwensteins Bürgermeister Eberhard Birk zog sich etwa im Oktober 2025, nach eineinhalb Jahren im Amt, zurück. Zuvor war er zeitweise wegen eines Erschöpfungszustands mit Burnout-Symptom krankgeschrieben. Kevin Kopf, Bürgermeister von Widdern, ist wegen Depressionen, Schlafstörungen und Panikattacken langfristig im Krankenstand. Beide haben ihre Leiden öffentlich gemacht.

Was macht das Amt so fordernd? Klaus Holaschke ist Oberbürgermeister von Eppingen und 1. Vizepräsident und Vorsitzender des Kreisverbands Heilbronn beim Gemeindetag Baden-Württemberg. Im Stimme-Interview spricht er über den Druck auf Amtsträger, enthemmte Debatten – und wann auch er an seine Grenzen gestoßen ist.

Überlastung bei Bürgermeistern: Zeitdruck, Verfügbarkeit und Aggressivität steigen

Bürgermeister sprechen immer öfter über Überlastung, manche treten deshalb gar zurück. Nehmen die Fälle spürbar zu? 

Klaus Holaschke: Das Thema ist heute weniger tabuisiert als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sprechen offener über Überlastung, auch weil die gesellschaftliche Debatte über mentale Gesundheit insgesamt weiter ist. Gleichzeitig sehe ich aber auch real steigende Belastungen. Die Dichte an Krisen, der Zeitdruck, die Erwartung ständiger Verfügbarkeit und die zunehmende Aggressivität im öffentlichen Diskurs sind Faktoren, die objektiv zugenommen haben. Das sehe ich als ein strukturelles Problem.

Klaus Holaschke ist Oberbürgermeister von Eppingen und 1. Vizepräsident und Vorsitzender des Kreisverbandes Heilbronn beim Gemeindetag Baden-Württemberg. (Archiv)
Klaus Holaschke ist Oberbürgermeister von Eppingen und 1. Vizepräsident und Vorsitzender des Kreisverbandes Heilbronn beim Gemeindetag Baden-Württemberg. (Archiv)  Foto: Lina Bihr

Welche Reaktionen nehmen Sie aus der Bevölkerung wahr, wenn sich Bürgermeister offenbaren?

Holaschke: Die Reaktionen sind zweigeteilt. Ein großer Teil der Bürgerschaft reagiert mit Verständnis. Viele Menschen erkennen erst dann, wie fordernd dieses Amt tatsächlich ist. Gleichzeitig gibt es aber auch Stimmen, die sagen: „Dafür sind Sie gewählt worden“ oder „Dann müssen Sie das eben aushalten“. Diese Haltung unterschätzt, dass Bürgermeister keine abstrakten Funktionsträger sind, sondern Menschen mit Familien, Gesundheit und Grenzen der Belastbarkeit.

Eppingens Bürgermeister im Interview: „Grenze dessen erreicht, was dauerhaft gesund ist“

Fälle, in denen Bürgermeister nicht mehr können, gibt es auch in der Region. Was macht das Amt so belastend?

Holaschke: Das Bürgermeisteramt ist heute mehr als eine Rolle: Verwaltungschef, politischer Moderator, Krisenmanager und Repräsentant. Die Anforderungen an Bürgermeister entsprechen immer mehr denen eines Spitzenpolitikers oder Spitzenmanagers. Dabei treffen hohe Erwartungen auf begrenzte Ressourcen, enge finanzielle und rechtliche Grenzen – für die Kommunen oft nicht verantwortlich sind. Persönliche Angreifbarkeit ist die Folge, oder genauer gesagt: Kritik richtet sich nicht abstrakt an „die Politik“, sondern sehr konkret an eine Person.

Sie sind Oberbürgermeister in Eppingen. Sind auch Sie zeitweise an Ihre Belastungsgrenze gelangt?

Holaschke: Auch ich habe Phasen erlebt, in denen die Dichte an Terminen, Konflikten und Entscheidungen sehr hoch war und die Grenze dessen erreicht wurde, was dauerhaft gesund ist. Entscheidend ist, diese Signale ernst zu nehmen. Wer glaubt, als (Ober-)Bürgermeister immer funktionieren zu müssen, gefährdet auf Dauer sich selbst – und am Ende auch das Amt.

Attacken auf Amtsträger: „Frust und sinkender Respekt vor Institutionen“

Aus Behörden ist zu hören, dass Attacken zunehmen. 2024 wurden Scheiben des Landratsamts Heilbronn eingeschlagen, 2025 folgten nach einer Erhöhung der Kita-Gebühren in Mulfingen Hassmails an den Bürgermeister und ein Farbbombenangriff auf das Haus einer Mitarbeiterin. Woher kommt die Verrohung in Teilen der Bevölkerung?

Holaschke: Kommunale Entscheidungen betreffen oft unmittelbar das persönliche Leben – Kita, Schule, Pflege, Wohnen, Sicherheit. In diesem Zusammenhang ist die digitale Enthemmung ein großer Faktor: Die gesellschaftliche Polarisierung und ein zunehmend rauer Ton, besonders in sozialen Medien, sind zeitgemäße Phänomene. Dabei wird eine gewisse Anspruchhaltung immer deutlicher: Frust und sinkender Respekt vor Institutionen, kombiniert mit der Vorstellung, dass persönliche Betroffenheit jede Form der Grenzüberschreitung rechtfertigt. Und dabei sind kommunale Amtsträger besonders betroffen, weil sie sichtbar, erreichbar und persönlich bekannt sind. Es ist entscheidend, dass solche Angriffe nicht bagatellisiert werden. Wer Mandatsträger angreift, greift letztlich unsere demokratische Ordnung an.

Am Heilbronner Landratsamt wurden 2027 17 Scheiben mit Steinen eingeschlagen. (Archiv)
Am Heilbronner Landratsamt wurden 2027 17 Scheiben mit Steinen eingeschlagen. (Archiv)  Foto: Hoffmann, Adrian

Trägt Ihrer Meinung nach auch die Politik Verantwortung für die Entwicklungen? Würden Sie sich mehr Unterstützung wünschen?

Holaschke: Bund und Länder übertragen immer mehr Aufgaben an die Kommunen, oft ohne die ausreichende finanzielle oder personelle Ausstattung zu bedenken. Ich wünsche mir eine realistische Gesetzgebung, die kommunale Umsetzbarkeit mitdenkt und mehr Wertschätzung für kommunale Arbeit, auch im politischen Diskurs. Wenn wir wollen, dass engagierte Menschen Verantwortung übernehmen, müssen wir auch dafür sorgen, dass sie daran nicht aufgerieben werden.

Attacken auf Amtsträger und psychische Erkrankungen: Wo Betroffene Hilfe finden

Wo finden Bürgermeister Hilfe, wenn sie nicht mehr können? Wie unterstützt der Gemeindetag?

Holaschke: Die Zentrale Ansprechstelle für Amts- und Mandatsträger (ZAMAT) beim Ministerium des inneren, für Digitalisierung und Kommunen ist 24/7 erreichbar, wenn politische Mandatsträger im Haupt und Ehrenamt angegriffen werden.

Meiner Meinung nach sollten Angebote wie Coachings und Gesundheitsprogramme (mentale Gesundheit) präventiv zum Standardprogramm für Bürgermeister und Bürgermeisterinnen zählen. Seit 2019 bietet der Gemeindetag BW in dieser Sache individuellen, direkten und unbürokratischen Service eines persönlichen Coachings an und weist gerne darauf hin, dass gerade vor dem Hintergrund zunehmender Aggressivität und Anfeindungen gegenüber den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung die spezifischen Angebote genutzt werden können. Zudem hat der Gemeindetag bereits 2022 die Dringlichkeit im Positionspapier „Null Toleranz für Hass und Hetze gegen kommunale Amts- und Funktionsträger“ zusammengefasst.

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