Heilbronner Literaturhaus nimmt seinen Betrieb auf

Interview  Offiziell eröffnet ist das Heilbronner Literaturhaus im Trappenseeschlösschen bereits seit Juli. Nur baulich ist es immer noch nicht ganz fertig. Im Interview spricht Literaturhauschef Anton Knittel über die ersten Wochen und das Programm der nächsten Monate.

Email
Das Trappenseeschlösschen im Spiegel des Trappensees: Bis Ende Oktober sind die letzten Umbauten fertig, dann ist das Heilbronner Literaturhaus während der Bürozeiten für das Publikum geöffnet. Foto: Archiv/Mugler

Im Foyer im Erdgeschoss des Literaturhauses liegen die wichtigen Bücher dieses Herbsts in den Regalen. Anton Knittel hat sämtliche deutsche Verlage angeschrieben und um Neuerscheinungen gebeten. Manche haben gleich zwei ihrer Titel dem Haus am Trappensee geschenkt. Wann die jüngste Heilbronner Kulturinstitution endlich dauerhaft für das Publikum öffnet, über die Erfahrung der ersten Wochen und das Programm der kommenden Monate haben wir uns mit Literaturhausleiter Knittel unterhalten.

 

Den richtigen Riecher oder Glück, was muss man haben, um eine Autorin wie Deniz Ohde für eine Lesung zu gewinnen, die gerade den ZDF-"Aspekte"-Literaturpreis erhalten hat. Und die auf der Shortlist der auserwählten sechs Autoren für den Deutschen Buchpreis stand?

Anton Knittel: Beides, Riecher und Glück. Mit Ronya Othmann übrigens kommt neben Deniz Ohde eine weitere Autorin, deren Debüt-Roman auf der Liste für den "Aspekte"-Literaturpreis stand. Die Lesungen der Reihe "Debüt am See" haben einen längeren Vorlauf gehabt, umso erfreulicher ist es für die Literaturfreunde der Region, Autoren dieser bemerkenswerten Erstlingswerke hier live zu erleben.

 

Bevor wir über Ihr ambitioniertes Programm der kommenden Wochen sprechen: Herr Knittel, wie zufrieden sind Sie mit dem Start des neuen Literaturhauses, das seit seiner offiziellen Einweihung im Juli baulich immer noch nicht wirklich fertig ist?

Knittel: Ich bin sehr zufrieden, was unter den bisherigen Bedingungen umgesetzt wurde, die Kooperationen im Sommer im Vorfeld, das Eröffnungswochenende und die ersten Lesungen bei "Debüt am See". Es ist nicht selbstverständlich, dass sich an einem sonnigen Sonntagnachmittag über 50 Literaturfreunde das Romandebüt eines mehr oder weniger unbekannten Autors anhören. Und ich bin zufrieden, wenn ich auf den druckfrischen Programmflyer blicke und das, was kommt.

 

Aber der Umstand, dass das Literaturhaus am Trappensee immer noch nicht fertig ist ...

Knittel: ... ist ein Wermutstropfen.

 

Warum die bauliche Verzögerung?

Knittel: Das mag mit Corona zusammenhängen. Trauungen finden seit September statt. Es fehlen noch die Fluchttreppe und die Möbel für mein Zimmer. Vergangene Woche kam die Küche, Ende Oktober soll alles fertig sein.

 

Auch für die Besucher?

Knittel: Auch für die Besucher. Das Literaturhaus mit seiner aktuellen Ausstellung sowie das Foyer mit Hörstationen und Leseecke sind während der Bürozeiten von Montag bis Freitag zwischen 9 und 12 Uhr sowie am Nachmittag zwischen 14 und 17 Uhr geöffnet.

 

Aber sollte ein Literaturhaus nicht vor allem an Wochenenden öffnen?

Knittel: Wir versuchen, die Öffnung an Wochenenden mithilfe des Freundeskreises zu regeln.

 

"Das ist gar nicht mal so schwierig": Literaturhauschef Anton Knittel im Interview
Literaturhauschef Anton Knittel. Foto: Mario Berger

Die Corona-Pandemie hat der für diesen Oktober geplanten Tagung zu Hölderlin und Kleist einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie sehr schmerzt das?

Knittel: Es schmerzt. Diese Tagung hätte hochkarätige und junge Wissenschaftler zusammengebracht. Ich hoffe, die Tagung im Sommer nachholen zu können.

 

Ihr Programm ist anspruchsvoll, da sind etwa die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann eingeladen, Hans-Ulrich Gumbrecht, ein Schwergewicht der internationalen Literaturwissenschaft, und der Publizist, Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani ...

Knittel: ... ebenfalls ein Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Für Januar konnte ich gerade den Politologen und Wahlexperten Karl-Rudolf für einen Vortrag engagieren.

 

Wie schwierig ist es, solche Global Player für Heilbronn zu gewinnen?

Knittel: Gar nicht mal so schwierig. Die Kontakte kommen in der Regel über den Verlag zustande. Zudem muss das gesetzte Thema überzeugen. Wenn man dann dem Angefragten sagt, wer noch kommt, ist es relativ einfach. Schwieriger gerät die Terminfindung, unabhängig von Corona, bei so gefragten Leuten wie Assmann, Gumbrecht und Kermani.

 

Welches Thema hat überzeugt?

Knittel: Das Thema "Europa am Scheideweg? Chancen und Risiken der Europäischen Union" ist aktueller denn je. Wirtschaftkrise-, Migrations-, Corona-, Demokratiekrise: Die EU steht unter Druck, das kulturelle Klima hat sich geändert.

 

Über Honorare spricht man nicht, Ihre Gäste dürften kosten.

Knittel: Ja selbstverständlich. Qualität kostet. Ich meine, Geisteswissenschaftler sollten sich nicht unter Wert verkaufen. Keine Frage, ohne Drittmittel wäre das Programm nicht zu finanzieren. Wenngleich mein Veranstaltungsbudget im Jahr mit 80 000 Euro nicht schlecht ist.

 

Wen möchte das Literaturhaus ansprechen und begeistern?

Knittel: Literaturfreunde und alle jeden Alters, die sich für Fragen unserer Zeit interessieren. Wir wollen neugierig machen und unterhalten.

 

Das Programm bis Jahresende

Aufgrund der Pandemie-Regeln finden die Veranstaltungen überwiegend außerhalb des Literaturhauses statt. Im großen Saal des Restaurants am Trappensee liest am 24. Oktober Cihan Acar aus seinem Roman "Hawai", am 8. November Nadine Schneider aus "Drei Kilometer", am 13. November Oliver Maria Schmitt aus "Heilbronn als Schicksal", am 15. November Leona Stahlmann aus "Der Defekt", am 29. November Ronya Othmann aus "Die Sommer", am 13. Dezember Deniz Ohde aus "Streulicht". Anmeldung unter 07131 56 2668 oder literaturhaus@heilbronn.de.

In der Kunsthalle Vogelmann liest am kommenden Sonntag Selim Özdogan aus "Der die Träume hört", Anmeldung unter 07131 56 4542 und museum.paedagogik@heilbronn.de. In Kooperation mit der Hochschule Heilbronn präsentiert Ralph Dutli am 2. Dezember auf dem Bildungscampus den dritten Teil seiner Kulturgeschichte: "Das Gold der Träume". In der Reihe "Europa am Scheideweg?", eine Kooperation mit der KSK Heilbronn, kommt Aleida Assmann am 26. November unter die Pyramide am Wollhaus. Über "Europa? Gedanken über eine alternde Utopie" spricht Hans-Ulrich Gumbrecht am 10. Dezember. Der Eintritt zu der Reihe, die im Januar mit Navid Kermani fortgesetzt wird, ist frei. Karten ab 19. Oktober unter www.ksk-hn.de telefonisch 0800 1620500 und in allen Filialen.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

Kommentar hinzufügen